Als Haustauscher um die Welt "Wir leben fast so wie die Einheimischen"

Wer sich zum Couchsurfen zu erwachsen und für Pauschalreisen zu jung fühlt, denen empfehlen Jessica Braun und Christoph Koch das Haustauschen. Hier erzählen sie, warum sie ihre Wohnung gern Fremden überlassen.

Jessica Braun & Christoph Koch

Ein Interview von


  • Jessica Braun & Christoph Koch
    Jessica Braun, Jahrgang 1975, und Christoph Koch, Jahrgang 1974, beide freie Journalisten, leben in Berlin. Das Ehepaar ist seit einigen Jahren Teil der weltweiten Haustauscher-Community. Mal leben sie in fremden Wohnungen oder Häusern für ein paar Tage, mal für mehrere Monate - zurzeit in Turin. In ihrem Buch "Your Home Is My Castle" schildern sie ihre Erfahrungen.
  • Webseite Haustauschbuch

SPIEGEL ONLINE: Per Haustausch haben Sie zehn Länder auf drei Kontinenten bereist und dabei 263 Nächte in Tauschwohnungen und -häusern übernachtet. Gab es Momente, in denen Sie dachten: "Wären wir besser mal ins Hotel gegangen?"

Koch: Für einen Moment denke ich das jedes Mal, wenn wir unsere Wohnung für den Tausch vorbereiten. Denn das heißt: Aufräumen, ausmisten, putzen. Die Gäste sollen ja Platz haben und sich wohlfühlen. Aber wenn wir dann unterwegs sind, ist es jedes Mal so toll, dass wir noch nie dachten, ein Hotel wäre die bessere Wahl gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen von den gesparten Hotelkosten: Was gefällt Ihnen so sehr am Haustausch?

Braun: Wir tauchen jedes Mal ein wenig in das Leben der Tauschpartner ein. Wir können ausprobieren, ob wir uns in einem Haus mit Garten wohlfühlen oder einer kleinen Wohnung in einem Vorort. Oder ob ein Haustier zu uns passt: Hier in Turin haben wir gerade zwei Katzen. Von den Tauschpartnern bekommen wir viele tolle Tipps für Wochenmärkte, Badestrände, Restaurants und Wanderwege, die bei Tripadvisor oder Foursquare gar nicht auftauchen. Wir leben dadurch beinahe so wie die Einheimischen.

SPIEGEL ONLINE: Wohin haben Sie Ihre Tausche schon geführt?

Koch: Wir waren bisher in Kopenhagen, Princeton, Barcelona, Stockholm, Oaxaca (Mexiko), Oakland, Paris, Perth, High Wycombe (England), Calgary und nun in Turin. Schön war es überall, aber der Tausch mit Oakland war besonders. Zum einen, weil er mit drei Monaten der längste war. Zum anderen, weil uns die Stadt, die sonst immer ein bisschen im Schatten des benachbarten San Francisco lebt, so gut gefallen hat.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Tausche arrangieren Sie mit Fremden, die oftmals Tausende von Kilometern weit weg leben. Wie funktioniert das?

Braun: Das Tauschen haben Lehrer in den Fünfzigerjahren erfunden. Damals lief es noch über Post und Papierlisten. Heute ist es durch Onlineplattformen wie Homelink oder Haustauschferien sehr komfortabel geworden. Auf den Profilseiten der anderen Mitglieder kann man sich Fotos und Beschreibungen der Häuser und Wohnungen anschauen. Zum Glück kommen die Plattformen ohne Ein-bis-fünf-Sterne-Bewertungen aus - man ist ja kein zahlender Kunde, sondern tauscht kostenlos. Oft skypen wir auch vor dem Tausch. So lernen wir die anderen schon ein wenig kennen.

ANZEIGE
Jessica Braun, Christoph Koch:
Your home is my Castle

Als Wohnungstauscher um die Welt

Malik Verlag; 256 Seiten; 16 Euro

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass nicht Sie Ihre Haustauschziele suchen, sondern diese Sie finden. Wie?

Koch: Man kann auf den Plattformen aus Tausenden von Wohnungen und Häusern die rausfiltern, die den eigenen Vorstellungen entsprechen. Wir aber warten oft einfach ab, wer sich bei uns meldet und tauschen dann mit denen, die uns sympathisch erscheinen und die an einem Ort wohnen, den wir gerne kennenlernen wollen. So haben wir Städte wie das mexikanische Oaxaca oder das amerikanische Princeton entdeckt, in die wir von selbst wahrscheinlich nicht gereist wären - und wollten am liebsten gar nicht mehr weg.

SPIEGEL ONLINE: Fällt es Ihnen leicht, Fremde in Ihre Wohnung zu lassen? Oder auch umgekehrt: Fanden Sie es anfangs gewöhnungsbedürftig, in fremden Betten zu schlafen?

Braun: Ich war schon skeptisch. Aber wir haben es dann einfach ausprobiert. Fremde in unsere Wohnung zu lassen, fiel uns überraschend leicht. Vielleicht, weil durch das Tauschen eine Vertrauensbasis da ist: Wir gehen davon aus, dass die anderen sich in unserer Wohnung so benehmen, wie sie es von uns in ihrem Zuhause erwarten - respektvoll und umsichtig. Ein fremdes Haus zu betreten, bleibt dagegen spannend. In den ersten Tagen fühlt man sich wie eine Mischung aus Einbrecher und Amnesiekranker, weil man ständig auf die falschen Lichtschalter drückt und auf der Suche nach den Kaffeefiltern alle Küchenschränke öffnen muss.

SPIEGEL ONLINE: Haustauch ist nicht für jeden die geeignete Urlaubsform. Wer würde damit nicht glücklich werden?

Koch: Wenn man sehr genaue Vorstellungen hat, wie alles sein muss, dann wird man mit dem Tauschen unter Umständen nicht froh. Auch wer Quadratmetermieten gegeneinander aufrechnet oder sich Sorgen macht, die anderen könnten vielleicht mehr Wasser oder Strom verbrauchen als man selbst, ist mit dieser Art des Reisens vermutlich schlecht beraten. Sich in letzter Minute aus einer Laune heraus umzuentscheiden, ist unfair und deshalb nicht gern gesehen. Schließlich haben die anderen auch entsprechend geplant, Flüge gebucht und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben für Gäste ein zusätzliches Schlafsofa angeschafft, hinterlassen eine Gebrauchsanweisung für Ihre Wohnung und einen persönlichen Guide mit Ihren Lieblingsadressen im Kiez. Beruht solche Gastfreundschaft Ihrer Erfahrung nach auf Gegenseitigkeit?

Koch: Unbedingt! Wir durften im Gegenzug dafür in Australien Jaguar fahren und hatten in Mexiko eine Outdoorküche mit eigenem Mango- und Limettenbaum. Durch die Tipps unserer Tauschpartner haben wir sensationell gut gegessen und viele Dinge entdeckt, die einem normalen Touristen wahrscheinlich verborgen geblieben wären. Wir wurden von Freunden unserer australischen Tauschpartner zum Weihnachtsessen eingeladen und durften uns in Kanada Wanderrucksäcke und Bärenspray ausleihen, um in den Rocky Mountains wandern zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Anders als im Hotelurlaub überkommt Sie in den ersten Tagen eines Haustauschs oft der "Ancoming Blues". Was bitte ist das?

Braun: Hotels sind meist so gestaltet, dass sich jeder sofort zurechtfindet. Beim Tauschen müssen wir uns jedesmal um- und eingewöhnen. Mal funktioniert das WLAN nicht, mal will die Katze morgens um fünf Uhr Futter. Wir hauen uns im fremden Schlafzimmer beim Aufstehen den Kopf an der Dachschräge an oder verzweifeln an fremden Fernbedienungen. Alles nicht dramatisch - aber in den ersten Tagen denke ich doch ab und zu: "Zu Hause wär's einfacher." Gleichzeitig sorgt das Tauschen dafür, dass unser Alltag nicht zu festgefahren wird.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Worst-Case-Szenario im Leben eines Haustauschers?

Koch: Ans andere Ende der Welt zu reisen, um dann festzustellen: Die Tauschwohnung gibt es gar nicht. Und zu Hause verlädt gerade jemand unsere Einrichtung in einen Umzugswagen. So ein Fall ist uns während der Recherche zu unserem Buch aber kein einziges Mal untergekommen. Sich als seriöser Tauschpartner auszugeben, nur um ein paar Haushaltsgeräte, getragene Klamotten und Bücher aus unserer Wohnung zu erbeuten, wäre auch unverhältnismäßig viel Aufwand. Da gibt es sicher Verbrechen mit besserer Aufwand-Nutzen-Relation.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.