Dienstälteste Stewardess der Welt "Die Streichhölzer kamen auf einem eigenen Tablett"

Als sie zu fliegen begann, war Obama noch gar nicht geboren: Bette Nash, 82, ist die wohl dienstälteste Stewardess der Welt. Hier spricht sie über glamouröse Jahre, berühmte Fluggäste und die Bedeutung des Lächelns.

American Airlines

Ein Interview von Stefan Wagner


SPIEGEL ONLINE: Frau Nash, wir gratulieren: Sie haben vor ein paar Tagen Ihr 60. Dienstjubiläum gefeiert.

Nash: Danke! Vom Chef meiner Fluglinie American Airlines habe ich diamantbesetzte Ohrringe von Tiffany bekommen. Sie verstehen, wegen Diamanthochzeit, also dem 60. Hochzeitstag mit meinem Arbeitgeber (lacht). Ich arbeite immer noch jede Woche, mache zig Shuttleflüge zwischen Washington und Boston. Meine Lieblingsstrecke. Die fliege ich seit 1961.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Flugbegleiter nicht lieber die weite Welt kennenlernen?

Nash: Ich mag es, jede Woche dieselben Menschen zu treffen. Ich weiß, dass auch die Passagiere gerne vertraute Gesichter sehen. Außerdem hat mein Sohn eine Behinderung, und ich möchte jeden Abend bei ihm zu Hause sein und für ihn sorgen können.

SPIEGEL ONLINE: Für viele ist Fliegen heutzutage eine Qual. Für Sie nicht?

Nash: Da hätten Sie mal früher fliegen müssen! Die Klimaanlagen waren bei weitem nicht so gut wie heute, es war brüllend heiß oder eiskalt. Ich hatte sechs bis neun Landungen und 13-Stunden-Schichten. Vieles, was heute automatisiert ist, musste man damals mit der Hand machen, das Essen haben wir im Flugzeug zubereitet. Aber natürlich wird es in meinem Alter anstrengender.

SPIEGEL ONLINE: Wie fit muss man denn sein, um Stewardess bleiben zu können?

Nash: Ich muss zum Beispiel jedes Jahr einen Test bestehen, bei dem ich zeigen muss, dass ich in der Lage bin, einen erkrankten Passagier aus dem Sitz in den Gang zu bugsieren, um dann dort Mund-zu-Mund-Beatmung zu machen. In meinem Alter ist Gesundheit wirklich alles. Ich bin schon geflogen, da war Barack Obama noch gar nicht geboren. Es gibt auch niemanden, der das so lange macht wie ich. Die meisten meiner Kolleginnen von früher sind heute tot.

SPIEGEL ONLINE: Früher galt Fliegen als Luxus.

Nash: Das war es auch. Wir servierten Hummer auf Porzellantellern, es gab Cocktails, das Corned Beef schnitten wir vor den Augen der Passagiere in Scheiben. Wir servierten Kuchen und Tee in Silberkannen. Nach dem Essen gingen wir mit Zigaretten durch den Gang, Marlboros, Winstons und Kents, natürlich gratis: "Eine Marlboro für Reihe 14? Klar!" Die Streichhölzer kamen auf einem eigenen Tablett.

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben sich die Gäste verändert?

Nash: Die zogen früher ihre Sonntagskleider an, wenn sie einen Flug unternahmen. Wir trugen weiße Handschuhe und auf dem Kopf ein Hütchen. Wie verrückt, wer würde schließlich daheim einen Hut aufsetzen, wenn er das Abendessen serviert? Auf meiner Pendelstrecke zwischen Washington und Boston waren übrigens häufig die Kennedys unterwegs. Manchmal saß da Jackie Kennedy und fragte, ob sie noch ein bisschen Milch für den Kaffee haben könnte. Es war schon glamourös.

SPIEGEL ONLINE: Da war es sicher nicht einfach, so einen Job zu ergattern?

Nash: Jeder wollte das machen, der Wettbewerb war riesig. Wir machten Witze, dass wir sogar umsonst arbeiten würden, wenn man uns nur nähme. Wurde man ausgewählt, ging es erst los. Die Fluglinie hatte sogar Kosmetikerinnen angestellt, die den Stewardessen Schminktipps gaben. Wimperntusche war okay, Lidschatten nicht. Die Haare durften nicht zu lang sein. Wenn Kolleginnen mal das vorgeschriebene Gewicht überschritten, bekamen sie eine Woche Zeit, um mit Hungerkuren die Pfunde wieder wegzubekommen. Wenn nicht, wurde ihnen gekündigt. Schließlich die Kleider! Am Anfang sehr formell, irgendwann kamen sogar Hotpants oder weiße hohe Stiefel oder Rollkragenpullover. Inzwischen sind unsere Uniformen viel vernünftiger.

SPIEGEL ONLINE: Und wie fanden Ihre Eltern Ihre Berufswahl?

Nash: Als ich 16 war, saß ich neben meiner Mutter auf einem grünen Sofa hier im Flughafen von Washington. Es war vor meinem ersten Flug. Uns kamen zwei Piloten und eine Flugbegleiterin entgegen. Sie sahen so elegant aus, so professionell, hatten makelloses Benehmen. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich nur diesen Beruf ergreifen wollte! Am 4. November 1957, da war ich 21, fing ich an. Meine Mutter schlief nächtelang nicht, weil sie sich so um mich sorgte. Aber das hat sich irgendwann gelegt.

SPIEGEL ONLINE: Kommen Sie eigentlich bei der technischen Entwicklung noch mit?

Nash: Ich bin da nicht so schnell, aber inzwischen kann ich ein Tablet prima bedienen. Die Technik entwickelt sich, und man muss sich mit ihr entwickeln. Das sind natürlich riesige Fortschritte, die unseren Job so viel leichter machen. Früher wurden unsere Dienstpläne mit Kreide auf Tafeln geschrieben, und die Flugtickets stellte ich oft während des Flugs von Hand aus. Aber es waren auch weniger Passagiere als heute.

SPIEGEL ONLINE: 60 Berufsjahre sind eine lange Zeit! Warum tun Sie sich das mit 82 noch an?

Nash: Ehrlich, für mich ist es das Größte, beim Ein- und Aussteigen die Menschen anzulächeln und "Thank you!" zu sagen. Ich lächle gern, und man bekommt immer ein Lächeln zurück. Die Kunden brauchen genau das, ein bisschen Liebe und ein Lächeln, "human touch" eben. Ich glaube Flugbegleiterinnen wird es immer geben, weil Menschen eben gerne lächelnde Menschen um sich haben.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Dr. Metro 14.11.2017
1. ? tolle Geschichte!
Ich liebe ? Menschen, welche Spaß an ihrem Job haben und darin aufgehen! Perfekt ?
smartphone 14.11.2017
2. die USA ist um vieles weiter
arbeiten Sie hier mal mit 82 ...... in einem Land des Fachkräftemangels, in welchem genau dieselben mit 35 schon als Absage reingedrückt bekommen , "man sei mit 39 nicht merh arbeitsfähig ( Fa T aus P ) ..
geotie 14.11.2017
3.
Ich denke auch, dass die Dame es sich nicht eingestehen möchte einfach zu wenig Geld zu verdienen. Dazu kommt noch, dass zu Hause jemand behindert ist und Pflege bedarf. Krankenkassen wie hier in Deutschland gibt es nicht, wie wir inzwischen wissen. Scheinbar macht das Bedienen im Flugzeug wenigstens Spaß.
Gluehweintrinker 14.11.2017
4. Jede Entwicklung der USA fand den Weg zu uns
Auch bei der größten deutschen Airline ist noch eine Stewardess im Dienst mit 73. Übrigens... sie ist Amerikanerin und sagt, sie könne es sich nicht leisten aufzuhören. Ihre Kinder würden studieren...
The Independent 14.11.2017
5. ...
Zu 1): Das ist Unsinn. Als erster Bundesstaat der USA erlaubte South Dakota 2013 flächendeckend das Tragen von Waffen an Schulen. Gemäß dem Gesetz dürfen Lehrer, Schulleiter, Hausmeister sowie andere Schulangestellte und sogar "freiwillige Helfer" (z.B. Elternvertreter) ab dem 1. Juli 2013 Waffen an der Schule tragen, wenn sie zuvor ein Training für Ordnungskräfte absolviert haben. Dies hatte die NRA nach einem Amoklauf, mit der Begründung, dass in ländlichen Gegenden die Polizei oft viele Kilometer weit entfernt sei, und wurde dann auch tatsächlich vom Gouverneur des Bundesstaates so umgesetzt. Tatsächlich beschäftigten in solchen Gegenden manche Schulen (meist Privatschulen) gern bewaffnetes Security-Personal, genau wie Schulen in Problemvierteln von Großstädten. Das Tragen von Waffen erfolgt allerdings freiwillig, es gibt in den USA keine Gesetze oder Schulrichtlinien, die das Tragen von Waffen für Schulpersonal zur Pflicht erheben. Zu 2): Auch das ist Unsinn. Wenn eine Stewardess ( so wie Bette Nash) in der Lage ist, erste Hilfe zu leisten und sicherzustellen, dass die Passagiere im Notfall innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens aus dem Flugzeug evakuiert werden können, und sie auch sonst alle üblichen Arbeitsschritte an Bord ausführen kann, und wenn zudem dann auch vor allem die Flugtauglichkeit fortlaufend bescheinigt wird, würden europäische Richtlinien einer Weiterbeschäftigung der Stewardess auch nach dem Erreichen des Rentenalters nicht im Wege stehen. Die amerikanische Luftfahrtbehörde ist sogar in vielen Bereichen wesentlich strenger, gerade auch was psychologische Verfassung und körperliche Fitness angeht. Auch schreibt sie z.B. vor, dass - wenn einer der beiden Piloten das Cockpit verlässt - immer ein zweites Augenpaar (z.B. Chef-Stewardess) im Cockpit sein muss.
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