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Anden: Mit dem Boot von Chile nach Argentinien

Auf einer Bootsfahrt durch die Anden zeigen sich den Passagieren nicht nur Vulkane, Berge und Wälder. Auch Einflüsse deutscher Einwandererfamilien haben sich hier bis heute gehalten. So vermischt sich der Anblick von Schwarzwaldhäusern und Rhododendronhecken mit dem Eindruck chilenischer Traditionen.

Am "Lago Frias": Die Landschaft ähnelt den Alpen
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Am "Lago Frias": Die Landschaft ähnelt den Alpen

Puerto Montt - Der See ist spiegelglatt. Wie ein Messer schneidet sich die "Condor" ihren Weg durch das tiefblaue Wasser. An Bord beobachten die rund 30 Passagiere, wie eine Märchenlandschaft an ihnen vorbeizieht: Schneebedeckten Vulkanen folgen Berge und Wälder, deren Bäume und Farne bis ans steile Ufer heranragen. Der See Todos los Santos liegt inmitten der Anden in Südamerika. Er ist Teil einer einzigartigen Passage, in der die längste Gebirgskette der Welt von Westen nach Osten mit einer Bootsfahrt über drei Seen überquert wird.

Ausgangspunkt der zweitägigen Reise ist die chilenische Hafenstadt Puerto Montt. Sie befindet sich rund 1000 Kilometer südlich von der Hauptstadt Santiago und gilt als "Tor zu Patagonien". Heute leben dort 110.000 Einwohner. In der Mitte des 19. Jahrhunderts ließen sich in dieser Region Chiles Hunderte deutscher Einwandererfamilien nieder. Der deutsche Einfluss ist der Umgebung bis heute anzusehen. Holzhäuser im Schwarzwaldstil sind dort genauso typisch wie der "Clube Alemán" und die perfekt geschnittene Rhododendronhecke.

Von Puerto Montt aus geht es zunächst mit dem Bus entlang des Sees Llanquihue, der fast ein Drittel größer ist als der Bodensee. An ihm liegt auch der Vulkan Osorno, der mit seinem 2660 Meter hohen Schneegipfel über der Landschaft thront. Ein kleiner Abstecher führt in den Ort Frutillar, in dem es ein deutsches Immigrantenmuseum gibt.

Die deutsche Sprache beherrschen jedoch nur noch wenige Bewohner. Wahrscheinlicher ist es, Zeuge einer spontanen "Cueca"-Aufführung auf dem Marktplatz zu werden. In traditionellen Ponchos, Stiefeln oder Rüschenkleidchen tanzen schon die Kleinsten den chilenischen Nationaltanz. Wichtigstes Utensil ist dabei das weiße Taschentuch, mit dem die Tänzer zu der Musik winken. Auf der Straße geht es dann weiter bis nach Petrohué, der Anlegestation für die erste See-Etappe.

"Cueca"-Aufführung: Schon die Kleinsten tanzen den chilenischen Nationaltanz
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"Cueca"-Aufführung: Schon die Kleinsten tanzen den chilenischen Nationaltanz

Die Motoren der "Condor" brummen, Reiseführer Marcelo Uribe erklärt den Passagieren die Geschichte der "See-Anden-Überquerung". "Ursprünglich sollte der Weg als Handelsroute genutzt und ausgebaut werden", sagt der 30-Jährige. "Die Betreiber gingen jedoch bankrott, und ein in Argentinien lebender Schweizer erkannte seine Chance." Ricardo Roth kaufte kurzerhand alles Land entlang der Route und begann, das Gebiet touristisch zu erschließen. 1913 führte er seine erste Reisegruppe mit fünf französischen Urlaubern in kleinen Kanus durch die See-Passage. Heute fahren die mehr als 26.000 Touristen im Jahr in modernen Motorbooten.

Am Ufer des Todos-los-Santos-Sees leben einige Menschen wie Einsiedler. Vor einem kleinen Haus stoppt die "Condor" plötzlich, um einen Mann mit langem weißen Bart an Bord zu holen. "Die Boote sind für die Bewohner der einzige Kontakt zur Außenwelt", sagt Uribe. "Wer einkaufen will, muss entweder schwimmen oder den Kapitän um eine Mitfahrgelegenheit bitten."

Nach zwei Stunden Fahrt erreicht das Schiff den Anleger von Peulla. Der Ort besteht lediglich aus einem alten Hotel, den Häusern der Angestellten sowie einer Schule. Auf mehreren Pfaden können die Naturschönheiten des Ortes erkundet werden. Der Wald duftet nach Moos, in der Nähe rauscht ein Wasserfall.

Am Abend versammeln sich die Gäste im rustikalen Kaminzimmer des Hotels. Wer die Reise nicht in der Dunkelheit fortsetzen möchte, übernachtet in einem der Zimmer. Am Morgen darauf müssen bis zum nächsten See rund 800 Meter Höhenunterschied überwunden werden - von 150 auf 976 Meter. Die Straßen sind nicht befestigt, doch Fahrer José beruhigt die Gemüter: "Das mach' ich jetzt seit sieben Jahren", sagt er. "Selbst bei Regen bin ich noch nie stecken geblieben."

Holzhaus im Schwarzwaldstil: Deutscher Einfluss ist der Gegend von Puerto Montt bis heute anzusehen
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Holzhaus im Schwarzwaldstil: Deutscher Einfluss ist der Gegend von Puerto Montt bis heute anzusehen

Gemächlich schaukelt der Wagen die Serpentinen hinauf. Nach zwei Stunden erscheint eine kleine Grenzstation. In einer Holzhütte kontrolliert ein Zollbeamter die Pässe. Der erste See auf argentinischer Seite der Andenpassage ist erreicht. Die Landschaft um den Lago Frias ähnelt den Alpen: Schnee bedeckte Berge, schroffer Fels und Tannenwald. Die Fahrt bis Puerto Alegre dauert 20 Minuten.

Die letzte Etappe führt über den großen See Nahuel Huapi bis in die Stadt San Carlos de Bariloche, die alle nur Bariloche nennen. Der Nahuel Huapi ist ein Gebirgssee mit kristallklarem Wasser und an manchen Stellen mehr als 500 Meter tief. Während der einstündigen Bootsfahrt verändert sich auch die Landschaft. Die Vegetation wird karger und das Blau des Sees zum einzigen Farbtupfer in der sonst steppenartigen Umgebung.

In Bariloche endet die Anden-Überquerung. Die um 1900 von Schweizern gegründete 100.000-Einwohner-Stadt am Nahuel Huapi ist ein beliebter Urlaubsort. Dort gibt es rund 250 Hotels und Pensionen, zahlreiche Restaurants und Einkaufsgalerien.

Die größte Attraktion ist auch hier die Natur. Der Kondor hat an den schroffen Felsen um Bariloche sein Zuhause. Er ist mit einer Spannweite von mehr als drei Metern der größte aller flugfähigen Vögel. Die Seen-Landschaft der Anden erlebt der Kondor meist aus besonderer Perspektive: in Höhen von bis zu 7000 Metern.

Von Christina Otten, gms

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