Fußmarsch durch die USA "Wie auf einem anderen Planeten"

Zu Fuß quer durch Amerika: Mit Mandoline und Kinderwagen ging Andrew Forsthoefel mehr als 6000 Kilometer von Philadelphia bis zum Pazifik. Er wollte mehr über den Sinn des Lebens erfahren - und lernte vor allem etwas über den Tod.

Andrew Forsthoefel

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Forsthoefel, es gibt ein Bild von Ihnen, auf dem Sie einen Kinderwagen quer durch die Wüste schieben. Wie kam es dazu?

Forsthoefel: Das war in der Mojave-Wüste in Kalifornien. Ich war zuvor zehn Monate quer durch die USA gewandert. Anfangs habe ich meinen 23-Kilo-Rucksack auf dem Rücken getragen. Irgendwann ging das nicht mehr. Ich konnte nicht so viel Wasser tragen, wie ich in der Wüste brauchte. Deshalb habe ich mich nach einem Gefährt umgesehen, auf dem ich meinen Rucksack schieben konnte. Ich hatte natürlich an was Cooleres als einen Kinderwagen gedacht. Aber für meine Zwecke war er perfekt. Und er war runtergesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Leute reagiert, denen Sie Kinderwagen schiebend in der Wüste begegnet sind?

Forsthoefel: Manche hielten an und fragten, ob ich oder das Baby Hilfe brauchen - und schon kamen wir ins Gespräch. Genau dafür war ich ja aufgebrochen: Um mit Leuten zu reden.

SPIEGEL ONLINE: Trugen Sie deshalb das Schild "Walking to listen" auf dem Rücken?

Forsthoefel: Das Schild sollte eine Einladung sein, mich anzusprechen. Normalerweise hält ja kaum jemand an, wenn man irgendeinen Fremden an der Straße entlanggehen sieht, ich ja auch nicht. Manche haben dann auch "Walking to listen" gegoogelt und sind auf meinen Blog gestoßen. Dann riefen Sie mich an und boten mir einen Schlafplatz an.

Wanderprojekt "Walking to listen": Ein halbes Jahr nach seinem Aufbruch besuchte Forsthoefels Mutter ihren Sohn, als er durch Austin lief.
Andrew Forsthoefel

Wanderprojekt "Walking to listen": Ein halbes Jahr nach seinem Aufbruch besuchte Forsthoefels Mutter ihren Sohn, als er durch Austin lief.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind von Philadelphia im Osten bis zum Pazifik im Westen gewandert, insgesamt mehr als 6000 Kilometer. Wie kommt man auf sowas?

Forsthoefel:
Ich wollte Menschen treffen und von ihnen lernen. So viele wie möglich, eine möglichst bunte Mischung. Deshalb bin ich auch keine Wanderwege gegangen, sondern entlang großer Straßen. Auf Highways sind alle möglichen Leute unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht zu Fuß...

Forsthoefel: Ganz ehrlich - an Highways entlangzulaufen, ist beschissen. Und gefährlich. Am Anfang habe ich mich total allein und ausgeliefert gefühlt. Dann habe ich mich daran gewöhnt und mochte es sogar. Als einziger Fußgänger fühlst du dich wie auf einem anderen Planeten.

SPIEGEL ONLINE: Was wollten Sie von den Menschen lernen?

Forsthoefel: Ich suchte Antworten auf grundsätzliche Fragen, die sich wahrscheinlich viele mit 23 stellen: Was fange ich mit meinem Leben an? Wie will ich sein? Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich 14 war. Damals kamen meine Vorstellungen vom Erwachsenwerden, von Heimat und Familie ins Wanken.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem Älteren stellten sie die Frage, welchen Rat würden sie ihrem 23-jährigen Ich geben würden, wenn sie eine Zeitreise machen könnten. Welche Antworten bekamen Sie?

Forsthoefel: Dass man sich nicht so viele Sorgen machen sollte. Eine ältere Lady sagte: Wie viele Dinge treffen tatsächlich ein, vor denen man sich fürchtet? Sehr wenige! Aber meistens drehten sich die Antworten ums Abschiednehmen und den Tod.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten mehr übers Leben wissen - und lernten etwas über den Tod?

Forsthoefel: Ja. Da war dieser alte Mann, der schon viele seiner Geschwister und Freunde verloren hatte. Während wir uns unterhielten, schaute er mich plötzlich ernst an, zeigte auf mich und sagte, ich würde in deinem Leben noch viel trauern. Das war beängstigend - aber Abschiednehmen gehört zum Leben dazu. Am Ende dachte ich ständig über den Tod nach. Meine Reise war eine Übung fürs Sterben.

Von einem, der auszog um von Menschen zu lernen, wie von Familie Maxwell aus Texas. Sie beherbergte ihn gleich für mehrere Tage.
Andrew Forsthoefel

Von einem, der auszog um von Menschen zu lernen, wie von Familie Maxwell aus Texas. Sie beherbergte ihn gleich für mehrere Tage.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich auf die Wanderung vorbereitet?

Forsthoefel: Kaum. Nach dem College habe ich den Sommer über auf einem Fischerboot gearbeitet. Eigentlich hatte ich geplant, auch den Herbst und Winter über dort zu arbeiten, wurde aber gefeuert und stand plötzlich ohne Job da. Da kam mir der Gedanke, einfach loszugehen. Schließlich brauchst du fürs Wandern kaum Geld. Insgesamt habe ich in den elf Monaten, die ich unterwegs war, tausend Dollar ausgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten Ihre Route nicht geplant?

Forsthoefel: Ich wusste nur die grobe Richtung. Der Winter stand bevor, deshalb wollte ich erst mal in den Süden, von da aus weiter nach Westen. Ich wollte nicht alles durchplanen, auch mal vom Weg abkommen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie deshalb kein Smartphone dabei?

Forsthoefel: Genau, nur ein altes Mobiltelefon. Ein Smartphone wäre zu verführerisch gewesen. Ich wollte nicht ständig auf den Bildschirm starren, um den blauen Punkt auf der Karte zu verfolgen. Es ist so einfach, sich von diesem kleinen Ding vereinnahmen zu lassen und seine Zeit zu verdaddeln. Das möchte ich nicht. Wie gesagt: Zeit ist kostbar.

SPIEGEL ONLINE: Was hatte es mit Ihrer Mandoline auf sich?

Forsthoefel: Ich dachte, sie würde mir helfen, wenn mich die Einsamkeit packt. Das Gegenteil war der Fall: Sie war ein unglaublich guter Eisbrecher. Wenn du vor anderen singst, bist du verletzlicher. Manchmal habe ich auch gespielt, um mich zu bedanken, wenn Leute mir Essen gekocht oder mich bei sich aufgenommen haben. Ich spiele nicht überragend, aber ich glaube, sie mochten das.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mal ans Aufhören gedacht?

Forsthoefel: Ein paar Mal. Vor allem im letzten Monat, als ich emotional total erschöpft war. Ich wollte einfach nur stehen bleiben, mich nicht mehr bewegen müssen. Aber es waren nur noch 800 Kilometer bis zum Ozean. Ich habe zwar von Anfang an gesagt, dass ich jederzeit aufhören kann, aber als ich so nah dran war, wollte ich nicht aufgeben.

SPIEGEL ONLINE: In der Radioreportage, die Sie von Ihrer Reise gemacht haben, sagen Sie, dass Sie Ihrem 23-jährigen Ich drei Dinge raten würden. Können Sie sich jetzt, zwei Jahre später, noch daran erinnern?

Forsthoefel: Du weißt genau, was zu tun ist. Du musst keine Angst haben. Geh weiter.

SPIEGEL ONLINE: Und - befolgen Sie Ihre eigenen Ratschläge heute noch?

Forsthoefel: Im Alltag fällt es mir oft schwer, keine Angst zu haben und gegenüber Neuem offen zu sein. Aber es geht, und es fängt mit den kleinen Dingen an: Sich zum Beispiel einfach mal mit dem Mann zu unterhalten, neben dem man jeden Morgen im Bus sitzt.

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