Antarktis-Schiffsreise Bilder vom Ende der Welt

Wie viele Farben können Eisberge haben? Wie sieht eine Insel aus, die jahrelang kein Mensch betreten hat? Eine Antarktisreise bietet Fotomotive wie von einem anderen Planeten.

Michael Martin

Von Michael Martin


Das Meer ist grau und spiegelglatt, eine hauchdünne Eisschicht spiegelt die tief hängenden Wolken und kündigt das Herannahen der langen Polarnacht an. Seit acht Tagen haben wir kein Land mehr gesehen. So sieht also das Ende der Welt aus.

Die Amundsensee ist das entlegenste Meer der Erde, im Süden liegt das ewige Eis von Marie-Byrd-Land, des größten Niemandslandes der Erde. Hier gibt es weder Schiffsverkehr noch Fangflotten, im Marie Byrd Land gibt es nicht einmal Forschungsstationen. Nur eine Kette aktiver, kaum erforschter Vulkane durchbricht den Eispanzer.

Mit zehn Knoten, der Geschwindigkeit eines Fahrradfahrers, fährt die "Ortelius" seit mehr als einer Woche durch die Amundsen-See. Wie gern würde ich den Kapitän bitten, auf die vergletscherte Küste Kurs zu nehmen, um das von keinem Staat der Erde beanspruchte Marie-Byrd-Land zu erkunden. Doch ein dichter Packeisgürtel macht jede Annäherung unmöglich.

So halten wir uns auf unserer 31-tägigen Fahrt von Neuseeland nach Südamerika rund um Antarktika oft fern von der Küste. Nur die Eisberge zeugen davon, dass die Gletscher nicht weit sind. Meine Frau Elly und ich stehen oft stundenlang an Deck und lassen die Eisriesen vorbeiziehen. Ihre Vielfalt und Form ist unerschöpflich, manche wirken geradezu majestätisch und bieten mit ihren Blautönen einen starken Kontrast zum Grau von Himmel und Meer.

Der finnische Kapitän hält respektvollen Abstand, sind doch die Ausmaße von Eisbergen unter Wasser schwer abzuschätzen. Aufgrund der sogenannten Dichteanomalie von Wasser schwimmen Eisberge im Wasser, ein Siebtel ist dabei sichtbar. Ihr Eis ist oftmals Hunderttausende Jahre alt und lässt Rückschlüsse auf die Klimageschichte der Erde zu. Auch in Zeiten des weltweit diskutierten Klimawandels ist es eine Tatsache, dass es seit 500.000 Jahren auf der Erde nicht mehr so kalt war wie zu unseren Lebzeiten.

Endlich in Ufernähe

Nach neun Tagen auf hoher See wache ich frühmorgens in unserer Kabine auf und sehe die Morgensonne hereinstrahlen. Minuten später bin ich mit meinen Objektiven an Deck und fotografiere: nichts als Eis und Eisberge um das Schiff herum, stahlblauer Himmel und eine rot gefärbte Morgensonne am Horizont. Bis zum Frühstück im Unterdeck habe ich 200-mal auf den Auslöser gedrückt, dann gibt Expeditionsleiter Don bekannt, dass die Zodiac-Schlauchboote zu Wasser gelassen werden. Er hatte den Kapitän über Nacht Richtung Küste steuern lassen.

Jetzt treibt das Schiff irgendwo vor der Thurston-Insel im Treibeis - dort, wo die Amundsensee in die Bellingshausensee übergeht. Das auf dem Meer treibende Eis hat ganz unterschiedliche Herkunft. Einerseits ist es mehrjähriges Meereseis, das im kurzen antarktischen Sommer nicht getaut ist. Die Eisberge dagegen stammen vom Pine-Island-Gletscher auf dem antarktischen Kontinent. Kein anderer Gletscher weltweit erfährt durch den Klimawandel einen größeren Massenverlust: Die Dicke des bis zu 2000 Meter mächtigen Kolosses nimmt jährlich um einen Meter ab, die Gletscherkante hat sich in den beiden vergangenen Jahrzehnten um 20 Kilometer zurückgezogen.

Drei Stunden fahren wir mit den Zodiacs durch das Treibeis, suchen nach Robben und Seeleoparden und halten nach Walen Ausschau. Wo das Meer eisbedeckt ist, blüht das Leben, findet sich doch an der Unterseite des Eises viel Phytoplankton, das am Beginn einer ganzen Nahrungskette steht, deren nächstes Glied die riesigen Krillschwärme sind.

Ein unbestiegener Eintausender

Nach zehn Tagen auf See kommt mitten auf der Bellingshausensee Land in Sicht, ein paar Minuten geben die Wolken den Blick auf die Westküste der Peter-I.-Insel frei. Die wurde im Jahre 1821 zum ersten Mal von Kapitän Fabian Gottlieb von Bellingshausen gesichtet, der sie nach dem russischen Zar Peter dem Großen benannte. Aufgrund ihrer einsamen Lage, ihrer schroffen Küste und des meist schlechten Wetters sollte es über hundert Jahre dauern, bis Mitglieder einer norwegischen Expedition sie erstmals betreten konnten. Bis heute waren mehr Menschen im Weltraum als auf dieser Insel.

Die 156 Quadratkilometer große Insel ist ein Schildvulkan, der sich vor 10.000 Jahren über 4000 Meter vom Meeresboden aus erhob. Der höchste Gipfel ist 1640 Meter hoch und bislang unbestiegen. Die letzte Anlandung durch ein Expeditionsschiff ist viele Jahre her, auch für uns sieht es nicht gut aus. Heftiger Wind treibt niedrige Wolken über das Meer.

Deswegen bin ich überrascht, dass Don einen Helikopter startklar machen lässt, um mit Chefpilot Marcello zur Insel hinüberzufliegen. Nach einer halbe Stunde kehren die beiden auf das Helikopterdeck der "Ortelius" zurück und geben trotz schwieriger Sichtbedingungen grünes Licht, die Passagiere Zug um Zug auf die Insel hinüberzufliegen.

Elly und ich klettern genau zum richtigen Zeitpunkt in den Helikopter, denn durch die Wolken lässt sich Sonnenschein an der Ostseite der Insel erahnen. Zwei Minuten nach dem Start haben wir die Südspitze umflogen und werden von der tief stehenden Sonne geblendet, welche die gewaltigen Gletscher an der Ostflanke der Insel aufleuchten lässt.

Ich sitze neben Marcello, der Passagieren nur zu gern seine Flugkünste demonstriert. In waghalsigen Tiefflügen geht es über Seracs und Gletscherspalten und Felskanten hinweg, in geringer Höhe fliegen wir über Eisberge, die vor der Küste im tiefblauen Meer schwimmen. Meine Kamera schafft acht Bilder pro Sekunde, und so ist die Speicherkarte voll, als wir nach zehn aufregenden Minuten auf einem Plateau unterhalb des Gipfels landen. Elly und ich haben 30 Minuten Zeit, um zu fotografieren, dann geht's zurück zum Schiff.

Nächstes Ziel wird die Antarktische Halbinsel sein, das Ziel fast aller Antarktis-Schiffsreisen. Wir ankern in den nächsten Tagen mehrfach in Buchten und vor Gletscherkanten und durchfahren den berühmten Lemaire-Kanal. Aber uns ist klar: So spektakulär, wie wir die Antarktis in den letzten Wochen erlebt haben, wird es bis zum Zielort Ushuaia nicht mehr werden.

Dies ist der letzte Blog der Reihe "Planet Wüste" von Michael Martin für SPIEGEL ONLINE. Hier auf der Themenseite finden Sie alle Texte des Fotografen:

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
trepeis 19.04.2015
1. Achtung
Nicht zu vergessen ist, welche erheblichen Umweltschäden Antarktisreisende mittlerweile hinterlassen. Die dort vorhandene Natur, sprich v.a. Moore braucht Jahrzehnte, um sich von solchen Einflüssen und sei es nur ein Spaziergang zu erholen. Genauso verhält es sich bei etwaigen Schiffsunglücken, bei denen Öl und ähnliches ins Meer gelangen. Aufgrund der Kälte dauert die Zersetzung erheblich länger. Bis jetzt ist es zum Glück nur der Tourismus, der die Antarktis bedroht - 2042 läuft allerdings der Antarktiscertragvaus.
quark@mailinator.com 19.04.2015
2.
Mir wärs lieber wenigstens die Pole blieben frei von Touris ...
hjm 19.04.2015
3.
Zitat von trepeisNicht zu vergessen ist, welche erheblichen Umweltschäden Antarktisreisende mittlerweile hinterlassen. Die dort vorhandene Natur, sprich v.a. Moore braucht Jahrzehnte, um sich von solchen Einflüssen und sei es nur ein Spaziergang zu erholen. Genauso verhält es sich bei etwaigen Schiffsunglücken, bei denen Öl und ähnliches ins Meer gelangen. Aufgrund der Kälte dauert die Zersetzung erheblich länger. Bis jetzt ist es zum Glück nur der Tourismus, der die Antarktis bedroht - 2042 läuft allerdings der Antarktiscertragvaus.
Wenn „Naturschutz” bedeutet, dass das Betreten derselben verboten ist, dann hat „Naturschutz“ für mich (und meine Kinder und Enkel) genau die gleichen Auswirkungen wie ein auslaufender Öltanker: Ich kann die Natur nicht mehr genießen. Warum also sollte ich für „Naturschutz” sein?
quark@mailinator.com 20.04.2015
4.
Zitat von hjmWenn „Naturschutz” bedeutet, dass das Betreten derselben verboten ist, dann hat „Naturschutz“ für mich (und meine Kinder und Enkel) genau die gleichen Auswirkungen wie ein auslaufender Öltanker: Ich kann die Natur nicht mehr genießen. Warum also sollte ich für „Naturschutz” sein?
Weil die Pinguine wichtiger sind als Ihre Enkel.
tlatz 20.04.2015
5.
Zitat von hjmWenn „Naturschutz” bedeutet, dass das Betreten derselben verboten ist, dann hat „Naturschutz“ für mich (und meine Kinder und Enkel) genau die gleichen Auswirkungen wie ein auslaufender Öltanker: Ich kann die Natur nicht mehr genießen. Warum also sollte ich für „Naturschutz” sein?
Unberührte Landschaften, Naturräume sind also wertlos, wie Sie persönlich da nicht so einfach hinkommen? Eine sehr unschöne, weil extrem konsumbezogene Einstellung. „Alles was da ist, ist nur da, damit ich es genießen kann, wenn ich es nicht genießen kann, dann hat es auch keinen Erhaltungswert.“ Was kommt denn dann als nächstes? Wie wäre es, wenn wir einfach sagen: „Dinge sind schützenswert, weil sie einfach da sind. Dinge sind erhaltenswert, weil es sie gibt.“ Ich bin durchaus für einen maßvollen Tourismus, sehe aber die Notwendigkeit für den Erhalt als deutlich wichtiger an, als die Interessen der Touristen.
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