Viele Schiffe, die Expeditionsreisen in die Antarktis anbieten, haben Wissenschaftler als Lektoren an Bord und halten sich an die Regeln der IAATO, des Verbandes der Antarktisreisen-Veranstalter. Er hat Verhaltensrichtlinien zum Schutz des Lebensraumes von Walen, Robben, Pinguinen, Seevögeln und anderen Tieren aufgestellt. Danach darf eine Bucht immer nur vier Stunden lang besucht werden. Niemals dürfen mehr als 100 Menschen auf einmal an Land, das Rauchen und Essen ist dabei nicht erlaubt. Und nichts darf zurückgelassen werden. Im Ewigen Eis verrottet alles nur sehr langsam. Moose und Flechten brauchen Jahrzehnte, um sich von groben Fußtritten zu erholen.
Dennoch steht man anfangs an Land und überlegt, ob die Antarktistour wirklich so eine gute Idee war. Hat der Pinguin nicht doch gerade ängstlich den Pfad gewechselt? Wie viele Schiffe und damit wie viele Leute waren heute wohl schon in der Bucht? Und wie viel Ruß stößt eigentlich der Dieselmotor des Schiffes aus? Zurück an Bord werden diese Fragen beim Abendessen diskutiert. Das Ergebnis: Natürlich muss man nicht unbedingt ins Ewige Eis. Aber es ist sehr beeindruckend. Und wer einmal dort war, dem wird die Notwendigkeit von Naturschutz oft erst richtig bewusst. Viele Antarktisfahrer widmen sich nach einer solchen Reise aktiv dem Umweltschutz.
Spätestens in Port Lockroy verfliegt bei vielen Besuchern die Sorge, ob sich die Pinguine gestört fühlen könnten. Die Tiere nisten bis vor die Stufen der alten britischen Marinestation. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Engländer den Unterschlupf auf Deception Island errichtet, um von dort die Schiffsbewegungen des Feindes zu beobachten. 1996 renovierte der britische Antarctic Heritage Trust Port Lockroy. Seither gibt es dort ein Museum, eine Poststelle und einen Souvenirladen. Diese Mischung macht den Hafen zu einem der beliebtesten Stopps in der Antarktis. Für die Gäste gibt es einen Pinguin-Stempel in den Pass - und zurück zum Schiff geht es beladen mit Pinguin-T-Shirts für die gesamte Verwandtschaft.
Ein weiterer Höhepunkt ist eine Fahrt durch den Lemairekanal. Die bis zu 1,6 Kilometer schmale Durchfahrt wurde 1873 erstmals gesichtet und 1898 das erste Mal durchfahren. Bei Sonnenschein spiegeln sich die Hänge der antarktischen Halbinsel und Booth Island in der elf Kilometer langen Passage, in der zahllose Eisberge treiben. Das ist natürlich ein beliebtes Fotomotiv - und daher hat der Lemairekanal bei den Expeditionsteams den Spitznamen "Kodakkanal".
BHs als Forscher-Trophäe
Mitunter ist auch ein Stopp bei Antarktisforschern angesagt, etwa bei der vor mehr als 50 Jahren errichteten, einst britischen und heute ukrainischen Forschungsstation Vernadsky auf der Insel Galindez. In einem dunklen Holzbau wohnen 13 Personen für jeweils 12 Monate im Eis - neben Wissenschaftlern auch Techniker, ein Koch und ein Arzt. Sie zeigen gerne ihre Räume und verkaufen selbst gebrannten Wodka für einen Dollar das Glas. Serviert wird an einer urigen Theke, an der aufgereiht BHs hängen. Jede Besucherin ist aufgefordert, die Anzahl dieser Trophäen zu vergrößern.
Berühmt wurde Vernadsky, weil die Forscher hier - zusammen mit ihren Kollegen der Halley Station im Wedellmeer - das riesige Ozonloch über der Antarktis entdeckten. Auch diese Station ist von Pinguinen umgeben, aber auf den Eisschollen ganz in der Nähe liegen auch Dutzende ihrer Erzfeinde: Seeleoparden.
Am Ende einer solchen Reise ist der Tourist ein kleiner Pinguin-Experte. Er weiß, dass Zügelpinguine einen schwarzen Strich rund um den Schnabel haben und Kaiserpinguine eher tief im Süden zu finden sind. Adeliepinguine wirken dunkel und kugelig und ziehen meistens zwei Junge groß, Eselspinguine müssen länger als andere brüten.
Er hat gelernt, dass Pinguine keine Landraubtiere fürchten müssen, wohl aber Seeleoparden, Zahnwale, Raubmöwen, Seidenschnäbel und Sturmvögel. Dass sie schwimmen wie Delfine, mit gelegentlichen Hopsern aus dem Wasser. Und dass die meisten eine Leidenschaft für Steine haben. Da trifft es sich doch gut, dass Besucher nichts mitnehmen dürfen aus der Antarktis. Nicht einmal Kiesel.
Hilke Segbers, dpa
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