Selbstversuch Apnoetauchen Noch einmal tief Luft holen

Entspannt in die Tiefe sinken, durch den Ozean schweben, ohne zu atmen? Apnoetaucher lieben das. Heike Klovert hat es ausprobiert, gegen den verflixten Atemreflex angekämpft und war weniger begeistert.

Marcel Klovert

Einatmen. Aaaausaaaatmen. Einatmen. Aaaausaaaatmen. Ich schaukle auf den Wellen, schaue hinab ins dunkle Blau, ziehe Luft durch den Schnorchel. Meine letzten Atemzüge. Gleich soll ich da runtertauchen. Ohne nervige Sauerstoffflaschen schwerelos in die Tiefe sinken, entspannt, glücklich, frei. Wir sind auf der Insel Koh Tao in Thailand, um Apnoetauchen zu lernen. Ich höre mein Herz wummern. Noch fünfmal atmen.

Im Klassenzimmer der Tauchschule hatte Jin uns am Vormittag erklärt, wie wir atmen sollen. Kurz ein, lang aus. Jin, 35, Ziegenbärtchen, Baseballkappe, kommt aus Korea. Er war Bildhauer, bevor er auf Reisen ging und das Tauchen für sich entdeckte. "Unter Wasser kann man zehnmal besser entspannen!", sagt er. Das Herz schlägt langsamer, es fließt weniger Blut in Arme und Beine, der Körper fährt auf Sparflamme herunter, um weniger Sauerstoff zu verbrauchen. Der Tauchreflex. Er fühle sich gut an, sagt Jin. Ruhig, friedlich.

Ich halte mich an der Boje fest. An ihr hängt ein Seil und daran in zehn Metern Tiefe ein Gewicht. Das ist unser Ziel an diesem Tag: zehn Meter, ohne zu atmen. Die Sicht ist schlecht, ich kann das Gewicht kaum erkennen. Unmengen silberne Flocken und Fädchen schaukeln im Wasser hin und her, wie ich. Etwas sticht mich in die Lippe. Eine Qualle...? Noch einmal einatmen, aaaausaaaatmen. Dann hole ich tief Luft, fülle meine Lungen mit Sauerstoff wie einen Ballon. Und greife nach dem Seil, um mich in die Tiefe zu ziehen.

Nase zuhalten und pusten

Wir hatten vorher ausprobiert, wie lange wir die Luft anhalten können. "Keine Angst, es ist medizinisch unmöglich, dass ihr euch damit selbst umbringt", hatte Jin mit seiner melodischen Stimme versichert. Ich lag auf einem Kissen und atmete nicht, bis meine Gliedmaßen kribbelten und mir das Blut wild in den Ohren pochte. 1:50. Mein Mann schaffte 2:40. Unter Wasser gehe das noch viel besser, sagte Jin. Da sei die Lunge nicht so aufgebläht, wegen des höheren Drucks.

Ich greife, ich gleiche aus, ich greife, ich gleiche aus. So haben wir das gelernt. Nach jedem Meter einmal Nase zuhalten und Luft ins Mittelohr pusten für den Druckausgleich. Ich ziehe mich drei Meter mit dem Kopf voran in die Tiefe. Dann sticht es plötzlich in meinem Ohr. Ich puste. Hilft nicht. Okay, vielleicht beim nächsten Tauchgang. Ich schwebe zurück an die Oberfläche.

"Nur unter Wasser ist es in meinem Kopf wirklich komplett still", hatte Daniel, 27, geschwärmt, als wir vorhin auf dem Boot saßen, neben einem Dutzend anderer Tauchschüler in Neoprenanzügen. Daniel spricht von der "Geborgenheit vor der Geburt". Zu Hause in Wien hat er alles aufgegeben, um Freitauchlehrer zu werden. Er schafft es schon auf 34 Meter.

Ich soll mal mit den Füßen voran nach unten, sagt Ko. So sei der Druckausgleich leichter. Sie kommt auch aus Korea und ist unsere Lehrerin hier auf dem Meer. Schmal, zerbrechlich, elegant wie ein Fisch, gerade mit der Uni fertig, Studiengang Animation. Sie taucht seit sieben Jahren. Im ersten Jahr hatte sie ständig Angst unter Wasser, sagt sie, aber es ließ sie trotzdem nicht los. Jetzt liebt sie es, schwerelos in die Tiefe zu sinken. Ich klemme mir das Seil zwischen die Schwimmflossen und rutsche ungelenk daran hinab wie in einen Brunnenschacht.

"Geh nur so tief, wie du dich wohlfühlst, und dann bleibe da und genieße es." Der Tipp kam von André, einem netten, schlaksigen Deutschen. Er taucht immer erst mal auf zehn Meter, zum Warmwerden, und "hängt dann da unten ein bisschen herum", weil es so schön ist unter Wasser.

Ich seile mich ab auf fünf, vielleicht sechs Meter. Druckausgleich klappt, keine Schmerzen. Vor mir schwebt Ko, eine Meerjungfrau in Schwarz. Durch das Fenster ihrer Schwimmbrille gucke ich in ihre Augen. Sie schauen sanft und still und fest. Ich möchte darin versinken, mich vom Seil lösen und sorglos durch den Ozean gleiten, stundenlang. Na ja, wenigstens minutenlang.

Panik! Sauerstoff!

Der Weltrekord liegt bei 11 Minuten und 35 Sekunden. So lang kann Stéphane Mifsud aus Frankreich unter Wasser die Luft anhalten. Am tiefsten taucht Herbert Nitsch aus Österreich. Auf einer Art Schlitten fährt er 214 Meter hinab und lässt sich zurück an die Oberfläche ziehen, ohne einmal zu atmen. Das klingt, ehrlich gesagt, krank. Ist auch gefährlich. Es sind schon Taucher gestorben, als die Ausrüstung versagte.

Ich hänge noch auf fünf, vielleicht sechs Metern. Schaue in Kos Augen. Ich könnte es schön finden hier, wenn kein Sack Zement auf meinen Brustkorb drücken würde. Ich muss sofort Luft in meine Lungen pumpen, kühlen, süßen Sauerstoff, sonst drehe ich durch! Panik flimmert durch mein Blickfeld. Ich lasse das Seil los, strampele dem Licht entgegen und ploppe wie ein Sektkorken aus dem Golf von Thailand. Es sind höchstens 40 Sekunden vergangen.

"Ach ja, der Atemreflex, sehr lästig", sagt Jin später. Den müsse man ignorieren. Man bekommt ihn nämlich, weil der Körper das überschüssige Kohlendioxid loswerden will - lange bevor der Sauerstoff tatsächlich zur Neige geht. Es ist also eigentlich ein Ausatemreflex. Freitaucher lernen, damit umzugehen und die Zeit da unten trotzdem zu genießen.

Ich sitze auf dem Boot, das uns zurück an Land bringt. Mir ist kalt und übel von den Wellen, ich bin enttäuscht von mir. Mein Mann hat die Zehn-Meter-Marke mühelos geknackt, und er hatte Spaß. "Ich hätte noch länger unter Wasser bleiben können", sagt er. Warum konnte ich meine Gedanken nicht ausknipsen? Ich bin zehnmal hinabgetaucht, und zehnmal wollte ich dringend wieder nach oben.

Jin taucht auf 70 Meter, ohne Brille, nur mit Nasenklemme. Er sieht kaum etwas, er denkt nicht, er macht einfach. Ko taucht auf 56 Meter. Irgendwann sind sie an dem Punkt, an dem sie nicht mehr schwimmen müssen. Der Wasserdruck ist so hoch, dass sie von allein in die Tiefe sinken. Sie finden es großartig. Mir wird schlecht, wenn ich dran denke.

Aber es muss einen Grund geben, warum Jin, Ko, Daniel und die anderen Freitaucher so begeistert sind. Ich will noch ein bisschen weiterüben, die Luft anzuhalten. Aber erst mal im Pool, ohne Wellen, Quallen und Gewichte an endlos langen Seilen.

Zu den Autoren
  • Marcel Klovert
    Indien, Guatemala, Indonesien: Heike und Marcel Klovert waren zunächst mehrere Monate mit dem Rucksack unterwegs, dann verbrachten sie ihre Elternzeit in Asien. Kurz nach Weihnachten 2013 waren sie mit ihrem kleinen Sohn Tom nach Thailand aufgebrochen, 20 Monate reisten sie. Ihre Abenteuer unterwegs lesen Sie in Toms Blog.
  • Travelling Tom

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
satori1988 07.01.2015
1. hmmm...
11 minuten 45 unter wasser in bewegung... aber gibts da nicht einen rumänen der bleibt länger unter wasser, ohne sich zu bewegen...
Mario V. 07.01.2015
2.
Unentspannt geht so etwas natürlich nicht. Und wenn ihr schlecht wird bei dem Gedanken daran, ist es wohl nicht das Richtige für Frau Klovert. Es springt ja auch nicht jeder aus 4000m Höhe aus dem Flugzeug. Ich finde das Gefühl toll, im Wasser zu schweben. Das ist ein bisschen wie fliegen. Allerdings bevorzuge ich es, die Tiefe aus eigener Kraft zu erreichen. Ich will mich nicht auf irgendwelche Technik verlassen, um wieder hoch zu kommen.
ramtave 07.01.2015
3.
Atemnot, von der ersten bis zur letzten Zeile. Enorm.
krustentier120 07.01.2015
4. Sauerstoffflaschen...
Wieso schreiben eigentlich deutschlands Journalisten immer von Sauerstoffflaschen? Der gemeine Sporttaucher taucht mit Pressluft! Sauerstoff ist ab Tiefen von ca. 5m toxisch! Tut mir leid, aber wenn so ein Schnitzer schon im ersten Absatz auftritt spreche ich dem Autor jegliche Ahnung ab und kann nicht mehr weiterlesen.
ksmichel 07.01.2015
5. Sauerstoffflasche
Da war sie wieder: die Sauerstoffflasche. Die ist nur in wenigen Fällen dabei, weil ein Sauerstoffanteil von 100 % schon in geringer Tiefe zu oft tödlichen Unfällen führt. Gemeint ist fast immer eine hundsgewöhnliche Pressluftflasche, möglicherweise noch mit mehr oder weniger erhöhtem Sauerstoffanteil (Nitrox, auch Enriched Air genannt). Ich hätte der Autorin etwas mehr Geduld gewünscht, sich dieses Themas fundierter anzunehmen. Sie hat die Lernkurve offenbar nicht bewältigen können und zeigt hier eine typische "was ich nicht kann, kann ja nix sein"-Abwehrreaktion. Schade, Apnoe kann durchaus den Horizont erweitern, selbst wenn man das nur mal gründlich (!) austestet. In diesem Sinn: Gut Luft!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.