Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Apnoe-Taucher Guillaume Néry: Der Wassermann

Von

Guillaume Néry will Abgründe erkunden, die noch kein Mensch gesehen hat. Der Franzose ist einer der weltbesten Apnoe-Taucher, für seinen Wagemut bewundert und gescholten. Ein neuer Film über ihn zeigt nun die erste "Ocean Film Tour".

Apnoetaucher Guillaume Néry: Die Abgründe des Ozeans Fotos
Attention

Das Beste ist der freie Fall. Wenn Guillaume Néry ins Wasser steigt, freut er sich jedes Mal darauf. Dieses Gefühl, das sich nach 20, 30 Metern Tiefe in ihm ausbreitet. "Vorher muss ich noch schwimmen, um nach unten zu kommen", sagt er. "Aber dann ist der Druck auf den Körper so groß und das Luftvolumen in der Lunge so gering, dass ich mich einfach zu Boden sinken lassen kann." Wie ein Stein fühlt er sich dann. "Wie ein Teil des Ozeans."

Néry braucht dafür keine Geräte, sein einziges Werkzeug ist sein Körper. Der Franzose ist einer der erfolgreichsten Apnoe-Taucher der Welt. Mit 20 stellte er als bislang Jüngster einen Weltrekord auf: 87 Meter Tiefe, mit nur einem Atemzug und einer Flosse, das hatte vor ihm noch niemand geschafft. Heute ist er 31, hat drei weitere Rekorde aufgestellt und bringt es auf 125 Meter - drei Meter weniger als die aktuelle Bestleistung. Sieben bis acht Minuten kann er die Luft anhalten.

Was Taucher wie er im Meer treiben, ist für die meisten Menschen ein fast irreales Abenteuer, eine das Mögliche übersteigende Vorstellung. Wie kann jemand solche Tiefen aushalten, den Druck, die Dunkelheit? Woher nimmt er den Mut - oder den Leichtsinn -, ein solches Risiko einzugehen?

Berühmt durch Bilder und Videos wie "Free Fall"

Néry hat dafür keine Erklärung. "Obsession", sagt er nur - es sei eine Sucht, die ihn immer wieder in die Tiefe treibt. Er will Orte sehen, die noch keiner vor ihm besucht hat, er will seine Grenzen testen. Viele kritisieren ihn dafür und sehen in dem lockeren, immer gutgelaunt wirkenden Surfer-Typen aus Nizza den Botschafter eines gefährlichen, mitunter tödlichen Sports. Andere bewundern ihn für seinen Wagemut. Die Bilder und Videos von seinen Tauchgängen haben den schmalen Blonden berühmt gemacht.

Der Kurzfilm "Free Fall", den Nérys Frau Julie Gautier 2010 mit ihm drehte und dann ins Internet stellte, ist bislang mehr als 17 Millionen Mal aufgerufen worden. Ein Mann, der unter Wasser in ein fast schwarzes Loch springt, das ihn zu verschlingen scheint. Bilder wie aus einem Alptraum - für Néry ein Vergnügen, auf das er lange hingearbeitet hat.

Mit 14 hat er angefangen, seitdem trainiert er Körper und Geist für immer größere Tiefen. Er schwimmt, fährt Rad, läuft, stemmt Gewichte. Doch fast noch wichtiger ist die Einstellung, sagt er: "Beim Freitauchen geht es ums Anpassen." Anpassen an das Wasser, an die eigenen Möglichkeiten, die eigene Geschwindigkeit. Man braucht viel Geduld: Wer zu schnell zu viel will, riskiert sein Leben. Immer wieder kommt es zu Todesfällen. Auch Néry ist unter Wasser schon ohnmächtig geworden.

Halluzinationen unter Wasser

"Um seine Kraft unter Wasser effizient einsetzen zu können, muss man selbstbewusst und dafür wiederum entspannt sein", sagt er. Das gehe nur durch das richtige Training und die richtige Atemtechnik. Durchs Loslassen: Wer kämpft, Stress erlebt, hat verloren, sagt Néry. Er habe selbst lange gebraucht, um das zu lernen. Heute kann er von seinem Sport sogar leben. Auch wenn er das Geld über Umwege verdient.

Néry spricht auf Konferenzen über seine Erfahrungen, gibt Mitarbeitern von Unternehmen Ratschläge, wie man im entscheidenden Moment abliefert, was von einem verlangt wird. Er tritt in Werbespots auf und wird für Shootings engagiert. Er und seine Frau - ebenfalls Apnoe-Taucherin - führen eine eigene Produktionsfirma und drehen selbst. "Narcose", der aktuelle Film von ihr mit ihm, ist ein Einblick in die Halluzinationen, die Extremtaucher in der Tiefe haben können.

Einen Einblick in das Leben der beiden bietet der Dokumentarfilm "Attention - A Life in Extremes" aus dem Programm der ersten International Ocean Film Tour, die am Wochenende in Hamburg startet. "Kein Tag ist wie der andere", sagt Néry, wenn er über seinen Alltag spricht. Er klingt zufrieden dabei. Aber es gibt auch vieles in seinem Leben, das bleibt.

Vertrauen in sich und andere

Er lebt noch immer in Nizza, wo er aufgewachsen ist, studiert und gearbeitet hat, bis er sein Leben 2005 endgültig aufs Tauchen ausrichtete. Der erste große Sponsor, den er 2006 fand, ist noch immer an seiner Seite. Ihm liegt daran, langfristig zusammenzuarbeiten, sagt er. "Das ist für mich ein wichtiger Wert." Vielleicht ist es auch dieser Rückhalt, der ihm ermöglicht, sich in die Abgründe unter Wasser zu stürzen. Risikofreude basiert auf Vertrauen, in sich selbst und andere.

Wenn man ein gutes Team hat, das einen begleitet und berät, ist man in diesem Sport sicher, dachte Néry noch im vergangenen Jahr. Dann starb im November ein Apnoe-Taucher bei einem Wettbewerb vor den Bahamas, und der Franzose kam ins Grübeln. Zudem hat sich eine entscheidende Sache verändert: Néry ist jetzt Vater. Zwei Jahre ist seine Tochter alt. Er entschied, vorerst an keinem Wettbewerb mehr teilzunehmen. Das war vor ein paar Monaten. Heute denkt er schon wieder anders. Obsession - die Sucht.

Im nächsten Jahr will Néry zurückkommen und wieder ganz tief tauchen. Einmal mehr die Unendlichkeit erleben, wie er es nennt. "Es gibt unter Wasser keine Grenzen", sagt er. Wenn das helle Blau erst dunkel wird und am Grund fast schwarz, vergisst er alles andere und konzentriert sich nur noch auf sich. Im freien Fall. Eins mit dem Ozean.

)

Die International Ocean Film Tour mit Dokumentationen rund um Wasser, Umwelt und mehr zeigt auch den Kurzfilm "Attention - Life in Extremes" mit Guillaume Néry. Das Programm startet am 16. März in Hamburg und wird anschließend in weiteren Städten in Deutschland, den Niederlanden, Schweiz und Österreich gezeigt. Termine und eine Möglichkeit, Karten zu bestellen, finden Sie hier.

Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Auch er..
Pixopax 14.03.2014
..wird schon in naher Zukunft unten bleiben, wie seine Mitgefährten vor ihm. Diese Rekordjagd wird ihn umbringen, aber das weiss er sicher schon.
2. Blödsinnige Rekordjagd
onkendonk 14.03.2014
Diese ganze Rekordjagerei im Apnoetauchen ist ein absoluter Blödsinn. Es sind schon soviele gute Leute dabei über den Bach gegangen, und das nur beim Training. Warum hauen sich die Idioten nicht mit einem Hammer auf den Daumen und der Gewinner ist der, der sich nichts gebrochen hat?
3. Was
BeatDaddy 14.03.2014
ist an Leuten "gut", die nicht wissen, wo Ihre Grenzen sind, ob physisch oder psychisch...solche Überleistungen helfen der Menschheit nicht wirklich weiter (anders vielleicht als die verunglückten Menschen in der Wissenschaft o. ä.). Solche Leute haben für mich einen Knacks im Hirn, ähnlich anderen süchtigen Menschen...
4. mhm
mehrgedanken 14.03.2014
Zitat von Pixopax..wird schon in naher Zukunft unten bleiben, wie seine Mitgefährten vor ihm. Diese Rekordjagd wird ihn umbringen, aber das weiss er sicher schon.
mhm, als junger Mann konnte ich sehr weit, lange tauchen, aber tief? nee lieber nicht. Der verlinkte Kurzfilm erinnert mich an "El Camino del Rey", da wird mir genauso unheimlich... so ganz richtig im Kopf sind die nicht oder?
5. El Camino del Rey
atropin 14.03.2014
Den sollte sich jeder mal angesehen haben; aber nichts für Leute mit Höhenangst. Besser am Bürostuhl festketten :-D
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH