Vancouvers Wasserzoo Nachts im Aquarium

Für dieses Unterwassererlebnis braucht man keinen Tauchschein: Im Aquarium von Vancouver können Kinder und ihre Eltern bei den Fischen schlafen. Dabei erleben sie ohne störende Besuchermassen Belugawale und Delfine in Aktion - und giftige Meeresviecher zum Anfassen.

Getty Images

Von Pia Volk


Über der Wasseroberfläche können wir den Mond leuchten sehen, hinter Glas schweben riesige weiße Belugawale vorbei. Ein paar Meter weiter, hinter einem anderen Fenster, drehen sich Delfine im blauen Nass. Die Kulisse ähnelt einem Traum, und das passt: Direkt vor den Scheiben liegen ein paar Menschen in Schlafsäcken und dösen vor sich hin.

Mein Sohn Paul und ich sind nicht die Ersten, die eine Nacht im Aquarium von Vancouver verbringen. Seit 1986 bietet der Wasserzoo nächtliche Abenteuer an. Zuerst nur als Führungen, in denen Kinder mit Taschenlampen durch die dunklen Gänge streunten und die Unterwasserwelt erkundeten - wie bei einem Spaziergang in der Tiefsee, nur nicht so kalt. Einige Jahre später kamen Bastel-Workshops dazu und eine Filmvorführung. Heute wird man hinter die Kulissen des Unterwasserzoos geführt, darf in Laboren Anemonen und Seesterne befühlen, kann sich fühlen wie in einem U-Boot und schließlich neben Belugawalen einschlafen - und lernt ganz nebenbei etwas über das Leben vor der Küste von Vancouver.

Das Aquarium von Vancouver liegt im Stanley Park, einer Park- und Waldlandschaft, die eine Halbinsel in Vancouver einnimmt. Läuft man von der Stadt zum Aquarium, schlendert man entlang des Pazifiks und kann Seehunden zusehen, die in den Gewässern auf Fischjagd gehen. Im Hafen leben Schweinswale, Verwandte der Delfine. Manchmal verirren sich auch Orcas in die Bucht.

Klebe-Anemonen im Backstage-Bereich

Ein paar Stunden bevor wir unsere Isomatten ausbreiten, lernen wir Crystal kennen. Sie ist Biologin und unser Kindermädchen für die Nacht. Als Erstes geht sie mit uns in einen Raum, in dem vier große Tische stehen. Es ist das Nasslabor, ein Ort, den Besucher normalerweise nicht zu sehen bekommen. Auf den Tischen stehen Aquarien, in denen es von bunten Viechern wimmelt. Wir dürfen überall unsere Finger reinstecken, aber nur ganz vorsichtig.

In den Becken vor uns lassen Anemonen ihre Tentakel im Wasser treiben wie Luftschlangen im Wind. Wenn man sie mit den Fingern berührt, dann bleiben sie kleben, es piekst ein bisschen. "Die Tentakel haben ganz kleine Haken, die sich in eure Haut krallen", erklärt Crystal. "Und sie können töten." Aber das interessiert die Kinder nicht, keiner zieht seine Finger zurück. Sie werden heute noch viel über Fressen und Gefressenwerden lernen, denn das Thema des Abends ist "Jäger und Gejagte".

Für Menschen sind diese Anemonen nicht gefährlich, sie töten nur Kleintiere und Fische. Durch unsere dicke Haut kommt das Gift, das sie absondern, nicht durch. Es sei denn, man würde sie mit den Lippen berühren, da nämlich ist die Haut besonders dünn. "Aber Nemo, der Clownfisch, lebt doch in Anemonen", sagt Paul. Crystal nickt. Er schütze sich, weil er eine dicke Schleimschicht auf dem Körper habe, erklärt sie.

Wir bekommen die Unterwasserwelt vor der Küste der Stadt erklärt, lernen, dass Abalonemuscheln unter Naturschutz stehen, weil zu viele Menschen sie gejagt haben, wegen ihrer Innenhaut, dem Perlmutt. Crystal zeigt uns Seegurken, die so wabbelig wie Wasserbomben sind, obwohl sie stachlig aussehen, und Seesterne, die sich ganz hart anfühlen, wie ein unebener Stein.

Kulisse für "Akte X"

"Seesterne können für immer leben", erklärt sie den Kindern, "weil sie ihre Arme nachwachsen lassen können. Allerdings nur, solange von den fünf Armen noch drei übrig sind." Paul findet das ziemlich cool und überlegt, wie das wohl wäre, wenn man sich einen Arm einfach wie im Film mit einem Laserschwert abtrennen könnte, ohne sich Sorgen machen zu müssen.

Filme werden auch manchmal im Aquarium gedreht. Crystal führt uns durch lange, schmale Gänge, an dessen Wänden sich dicke Rohre entlangziehen. Es gluckert und gurgelt überall in diesem unterirdischen Labyrinth. Eine Folge der Science-Fiction-Serie "Akte X" wurde hier gedreht, und für den Film "The Abyss" musste der Gang als Innenraum eines U-Bootes herhalten.

"Ihr könnt schwimmen, oder?", fragt Crystal. Die Kinder nicken andächtig. Die Augen der meisten sind schon etwas kleiner geworden, langsam kriecht ihnen trotz der Aufregung die Müdigkeit in die Knochen. Wir sind jetzt unter dem Aquarium, die Röhren führen in einen großen Raum mit noch mehr Rohren und tonnenartigen Behältern. Hier wird das Wasser gereinigt.

Das Aquarium holt sich Salzwasser aus der Bucht und Trinkwasser aus der Leitung, um die Becken aufzufüllen. Jedes bekommt alle 90 Minuten frisches Wasser, allein das Delfinbecken braucht vier Millionen Liter. Das benutzte Wasser wird zurück ins Meer geleitet - und zwar genau in der Temperatur, die das Meer an diesem Tag hat. "In Port Moody, einer kleinen Stadt etwas weiter im Norden, machen sie das nicht. Und dort sind alle Tiere in der Bucht gestorben. Die sind einfach gekocht worden, weil das Wasser zu warm war", sagt Crystal.

Kein Gejammer, kein Gedrängel

Wir verlassen die Gänge, laufen vorbei an geschlossenen Eisständen und Imbissen mit leeren Auslagen. Es gibt keine jammernden Kinder, kein "Ich will Pommes!", kein Geheule, kein Gedrängel. Eine solche Ruhe ist hier nicht alltäglich: Wir sind nur 35 Leute, die die Gebäude unsicher machen, normalerweise kommen im Sommer täglich 5000 Menschen. Jetzt geht es in die Tropen, Crystal will uns ihr Lieblingstier zeigen: die Riesenschildkröte Schoona.

Schoona wurde im Ozean vor Prince Rupert gefunden, einer Stadt auf Kaien Island, 1000 Kilometer nördlich von Vancouver. Sie hatte sich verirrt. Eigentlich gehört sie in die tropischen Gewässer um Hawaii. Nun schwebt sie durch die nachgebauten tropischen Gewässer im Aquarium. Die Kinder stehen vor dem Fenster und halten ihre Hände an die Scheibe, als könnten sie das Tier streicheln. Das Aquarium kauft schon lange keine Tiere mehr, es ist nun eine Rettungsstation für verirrte oder verletzte Lebewesen. Die letzten Tiere, die sie kauften, waren die Belugawale.

Die sehen etwa so aus, als hätte ein Kind versucht, aus einem Stück weißer Knete einen Wal zu formen, aber nach der Hälfte aufgegeben. Ihr Kopf ist zu kurz im Verhältnis zum Körper, die Flossen sitzen ganz weit vorne, so ähnlich wie bei Seebären. Ihr Körper ist dick und unförmig, voller Dellen und Beulen.

"Belugawale leben eigentlich in den Polarregionen und sind eine leckere Mahlzeit für Eisbären", sagt Crystal und zeigt uns ein Bild, auf dem ein Bär auf dem Eis vor einem Loch sitzt, in dem mehrere der Wassertiere zum Luftholen aufgetaucht sind. "Oh, no!", ruft ein Mädchen, das offenbar soeben zum Wal-Fan geworden ist, und beginnt mit ihren Freundinnen zu tuscheln.

Dann ist es Zeit, die Isomatten auszurollen und Luftmatratzen aufzupumpen. Die Mädchen flüstern noch immer, sie werden es die halbe Nacht lang tun. Paul will nicht mehr reden, er wickelt sich in seinen Schlafsack ein und starrt durch das große Fenster in das Becken, durch das sanft die weißen Riesen schweben. Seine Lieblingstiere sind die übrigens nicht. "Das nächste Mal möchte ich aber vor dem Delfinbecken schlafen", sagt er.



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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
annanurse 19.10.2012
1. bitte mehr Fotos vom Aquarium
7 von 9 Bildern mit Paul, dem Sohn der Autorin? Gibt's dafür nicht Facebook? Klar ging es im Artikel um das Angebot für Kinder, aber ich hätte lieber mehr Bilder vom Aquarium gesehen, den Tieren und der Einrichtung dort. Schade um diese private Nutzung des Spiegel.
spon-44t-6f99 19.10.2012
2. optional
Es wäre sicherlich nicht so ein harmonischer Tag gewesen, aber vielleicht hätte man Paul eher erklären sollen, dass Aquarien eine widerliche Form von Tierquälerei sind, die bei den ach-so-niedlichen Tieren traurige Formen von psychischem und physischem Leiden verursachen, die nicht selten zum qualvollen Tod führen (siehe beispielsweise die traurigen Zahlen des Duisburger Delfinariums) Es gehört kein Tier zur Belustigung von verwöhnten Pauls eingesperrt.
thelix 19.10.2012
3.
Zitat von annanurse7 von 9 Bildern mit Paul, dem Sohn der Autorin? Gibt's dafür nicht Facebook? Klar ging es im Artikel um das Angebot für Kinder, aber ich hätte lieber mehr Bilder vom Aquarium gesehen, den Tieren und der Einrichtung dort. Schade um diese private Nutzung des Spiegel.
Ääh, wenn jedes der abgebildeten Kinder "Paul" heißt, haben Sie natürlich recht, ja. ^^ Hier geht es aber nun mal darum, daß dort "Kinder und ihre Eltern bei den Fischen schlafen" können und eben nicht um Ihre persönlichen Interessen. Ich empfehle Ihnen, die Homepage des Aquariums zu besuchen, die ist pickepackevoll mit dem, was Sie sehen wollen. Ansonsten: Schade um diese private Nutzung des Forums.
pförtner 19.10.2012
4. Sehr gut
Schöne Idee!! Schafft Achtung vor der Schöffung.
thelix 19.10.2012
5.
Zitat von spon-44t-6f99Es wäre sicherlich nicht so ein harmonischer Tag gewesen, aber vielleicht hätte man Paul eher erklären sollen, dass Aquarien eine widerliche Form von Tierquälerei sind, die bei den ach-so-niedlichen Tieren traurige Formen von psychischem und physischem Leiden verursachen, die nicht selten zum qualvollen Tod führen (siehe beispielsweise die traurigen Zahlen des Duisburger Delfinariums) Es gehört kein Tier zur Belustigung von verwöhnten Pauls eingesperrt.
Sie haben sich hier extra angemeldet, um diesen Blödsinn abzulassen? Ernsthaft? Sind Sie PETA-Mitglied? Es wäre besser gewesen, Sie hätten den Text gelesen, dann hätten Sie Ihren Beißreflex vielleicht unterdrücken können: Das Aquarium ist eine "Rettungsstation für verirrte oder verletzte Lebewesen" und hat schon sehr lange keine Tiere mehr gekauft. Aus genau den von Ihnen angeführten Gründen. Und die Stelle, der Sie entnehmen, daß der Sohn der Autorin verwöhnt ist, kennen wohl nur Sie allein. ^^
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