Arbil im Nordirak: Zitadelle der Zukunft

Von , Arbil

Arbil will zur Tourismusmetropole aufsteigen - im vom Terror erschütterten Irak eine heikle Aufgabe. Doch die Stadt im kurdischen Teil des Landes bietet gute Voraussetzungen: Die Sicherheitslage ist stabil, die Wirtschaft boomt. Jetzt soll die aufwendig restaurierte Zitadelle Reisende anlocken.

Arbil in Kurdistan-Irak: Wiederauferstehung der Schönen Fotos
Simone Kaiser

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Wer wissen will, wie touristisch unberührt ein Ort auf dieser Welt noch ist, der kann sich an der Postkartenquote orientieren. Wo es viele Touristen gibt, da sind auch die Drehständer mit den abgegriffenen Motiven und vorgedruckten Greetings from nicht weit. In Arbil kann davon keine Rede sein, auch wenn sich das bald ändern könnte.

Die Region Kurdistan-Irak im Norden des kriegsgebeutelten Landes ist entschlossen, der Welt einen neuen Irak zu zeigen. "2006 gab es hier keine Infrastruktur, kein Fünf-Sterne-Hotel, jede einzelne Wasserflasche musste importiert werden", erzählt der Chef der Investitionsbehörde, Herish Muharam. Doch im kommenden Jahr trägt die Stadt den Titel "Arab Tourism Capital". Zudem bereitet man sich auf ein Filmfestival vor, die Kinos dafür sind gerade im Bau.

Überall in der Stadt entstehen Hotels und Shoppingmalls, Luxus hinter Glasfassaden, an jeder Ecke wird gebaggert und gebohrt. Seit ein paar Jahren schon ist die 800.000-Einwohner-Stadt für internationale Geschäftsleute ein Fixpunkt in einer unbeständigen Region, die Fachmessen in Arbil gelten als sicherer Treffpunkt für Verhandlungen mit Partnern aus dem arabischen Raum.

Restaurierung nach Unesco-Richtlinien

Arbils Kapital ist die stabile Sicherheitslage. "Der andere Irak" - so bezeichnet sich die autonom regierte Region Kurdistan gern. Die Reisewarnung des Auswärtigen Amts gilt für dieses irakische Gebiet, in dem rund fünf Millionen Kurden leben, nur eingeschränkt. Auf der Homepage heißt es vorsichtig: Aufenthalte können hier nach Prüfung der aktuellen örtlichen Gegebenheiten in Betracht gezogen werden. Während es im nur knapp hundert Kilometern entfernten Kirkuk und Mosul beinahe täglich zu tödlichen Anschlägen kommt, hat die Region Kurdistan-Irak den Terror eingedämmt.

Vor allem die sandfarbene Zitadelle zieht Touristen an. Imposant thront ihre Festungsmauer fast 30 Meter über der lärmenden Stadtmitte. Die Burg gilt als eine der ältesten dauerhaft bewohnten Siedlungen der Welt. Seit mehr als 7000 Jahren siedeln Menschen hier, das Gelände steht auf der Anwärterliste der Unesco zum Weltkulturerbe, aber momentan gleicht es wie der Rest der Stadt einer Großbaustelle.

Betonmischer, Stützbalken und Absperrbänder dominieren das Bild in den Straßen. Die Restaurierung der halbverfallenen Gebäude ist mühsame Handarbeit. Im Kuppelbau des Hamam, des öffentlichen Bades, werden übermalte Deckenverzierungen freigelegt. Stein um Stein müssen die Fassaden und Grundmauern vermessen, abgetragen und wieder aufgebaut werden. Dabei dürfen nur Originalmaterialien verwendet werden, um den Unesco-Titel nicht zu gefährden.

In den dämmrigen Gassen des Basars

Derzeit sind erst 15 von rund 180 Gebäuden instand gesetzt. "Natürlich gibt es noch viel zu tun", sagt Dara al-Jakubi, Leiter der Zitadellen-Kommission, "aber wir sind auf einem guten Weg. Vergessen Sie nicht, dass wir bei null angefangen haben." Schon der Großvater von al-Jakubi besaß einst ein Haus hier oben. Jahrzehntelang bröckelte die Zitadelle vor sich hin. In wenigen Wochen, so hofft der Enkelsohn, wird nun das Zitadellen-Café eröffnen, im Innenhof eines alten Kaufmannshauses, "das wird ein Treffpunkt für alle Touristen".

Noch ein perfekter Ort für Touristen, um in den irakischen Alltag einzutauchen, ist der alte Basar mit seinen geschwungenen Eingangstoren. Von der Zitadelle aus schaut man in die dämmrigen, verwinkelten Gassen, in denen sich die Arbiler mit Lebensmitteln, Kleidung und Schmuck versorgen. In der Schneidergasse türmen sich die Anzugsstoffe bis zur Decke; bei den Schreinern, die an traditionellen Kinderwiegen aus Holz feilen, duftet es nach frischen Sägespänen.

Der Kontrast zu den tiefgekühlten Einkaufszentren, in denen sich die modernen Arbiler bei westlichen oder türkischen Modeketten einkleiden, könnte kaum größer sein. Urlauber, die nach typisch irakischen Mitbringseln Ausschau halten, werden zunächst enttäuscht. Die Kinderjeans und die Kopftücher auf dem Basar stammen aus China oder der Türkei, die Henna-Paste aus Indien, die Zimt-Seife ist made in USA.

Stattdessen gibt es heimische Mandeln in blauer Zuckerhülle und scharfe Gewürze in Großfamilienmengen zu erstehen. Und genau das ist es, was die Stadt für Reisende noch so interessant macht: Hier gibt es keine aufdringlichen Postkartenverkäufer und keine Kamel-Safari-Anbieter. Dafür den heißen, staubigen Alltag, der in seinen besten Momenten nach Kebab und Rosenwasser duftet.

Traum von Ferienressorts und Wanderwegen

Kurdistans Wirtschaft boomt, und was den Tourismus betrifft, hat die Regierung große Pläne. "Es gibt hier enormes Potential", meint Herish Muharam von der Investitionsbehörde. Er ist sichtlich stolz auf den Wiederaufbau, die schicken Hotels mit den unterwürfigen Kellnern aus Südindien, der internationalen Cocktail-Karte, den vergoldeten Polstersesseln wie aus Dubai.

Noch stammen die meisten Touristen in Kurdistan-Irak aus den Nachbarländern Iran, Syrien oder der Türkei. Doch wenn es nach Muharam geht, soll sich das bald ändern. Er hat auch schon konkrete Pläne, wie man internationales Publikum nach Arbil locken könnte. Er träumt von ausgewiesenen Wanderrouten in den kühleren, bewaldeten Bergen, Ferienressorts an den großen Stauseen mit malerischem Panoramablick. So etwas wäre doch auch für Individualtouristen aus Europa interessant, sagt er. Noch sind das alles nur Pläne. Aber Herish Muharam sagt: Die Herzen der Menschen hier sind offen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Erbil.., kontrovers...
heavenstown 01.07.2013
Also ich bin derzeit in Erbil / Arbil oder auch Hawler wie es in der kurdischen Sprache heißt. Eine interessante Stadt, laut, staubig, heiß, dichter Verkehr. Sicher schön und gut etwas der Verfasser da geschrieben hat, Kurdistan muss aber erst mal seine prinzipiellen Problem lösen. Arbeitsplätze (über 60 % der arbeitenden Bevölkerung arbeiten beim Staat, Korruption ist weit verbreitet, bei Kreditkarten werden nur Mastercard und ab und zu Visa akzeptiert, ansonsten Bares ist Wahres… Öffentlichen Transport außer Taxis gibt es nicht, außerhalb der großen Hotels spricht man kaum englisch, und frage nie einen Taxifahrer nach dem Weg oder (versuche) ihm zu sagen wo Du hinwillst, außer den Shopping Malls und großen Hotels weiß er nichts, weder sprachlich noch sonst was. Das sind nur bessere Fahrer. Und, Zeitangaben wann was fertig ist kann man vergessen, aus einigen Wochen werden ruck-zuck einige Monate wenn nicht Jahre… Und zu guter Letzt, billig ist nichts in Erbil, außer man begnügt sich mit den Grundnahrungsmitteln. Samoun, das Krakisch/Kurdische Brot, 10 Stück kosten 1000 IQD (ca. 60 Eurocents…)…, ansonsten ist das Essen in den halbwegs vernünftigen Lokalen teurer als in Europa…, ein Problem für die ein heimische Bevölkerung da die Gehälter beim Staat nicht sehr hoch sind, dafür ist die Arbeitszeit kurz. Außerhalb Erbil sind die Leute extrem konservativ, Ehrenmorde sind fast schon an der Tagesordnung, darüber liest man aber nur sehr wenig…, nichtsdestotrotz, die Leute sind nett und Gastfreundlich…
2. In der Tat kontrovers!
damascus123 01.07.2013
Wie der vorige Schreiber schon erwaehnt hat, nicht alles ist Gold, was glaenzt. Das Zitadellencafé zum Beispiel hat Anlaufprobleme, weil eine einzige Stelle der Verwaltung einen Stempel verweigert, alle anderen haben kein Problem mit der Idee eines Cafés innerhalb der Zitadellenmauern, das noch dazu nicht teurer ist als anderswo in der Stadt. Prozesse sind nicht definiert / undurchsichtig / staendig wechselnd und persoenliche Verbindungen steuern oft den Ausgang von Behoerdengaengen. Das Marketing Kurdistans verweist auf den wichtigsten Standortvorteil, naemlich Sicherheit. Das ist die eine Seite und ohne Einschraenkung wahr. Aber wirklich viel touristisch Interessantes zu bieten hat die Stadt Erbil nicht ausserhalb enger Grenzen. Das von der Zitadelle aus fotografierte Bild vom Bazar zeigt treffend, wie ausserhalb der Zitadelle nur schnell cachiert statt richtig renoviert wird. Klar, die neuen Fassaden werten die Stadt auf; man sieht aber sofort im Vorbeigehen, dass dahinter die haesslichen Gebaeude und Verschlaege sind, die einem auf Schritt und Tritt dort begegnen. Natuerlich haben einige der Maerkte auch Charme, aber diese sind fuer Touristen nur schwer zu finden. An sich ist Erbil eine ueberwiegend langweilige Stadt, die jedoch Ambitionen hat, mit den moderneren Staedten des Nahen Ostens zu konkurrieren. Das wird auch gelingen, aber nicht bis 2014. Zu viel fehlt noch an Infrastruktur, denn bis vor 10 Jahren war Kurdistan in etwa irakisch-Sibirien. Mehr als verstaendlich, dass es nach so viel Jahren der Inaktivitaet sehr viel zu tun gibt und es ist loeblich, dass sich trotz ausufernder Korruption doch Fortschritt sehen laesst. Fuer westliche Touristen sind die relativ einfach gestrickten Freizeitparks, die Zitadelle und der Bazar m.E. jedoch nicht ausreichend als Tourismusziel. Fremdsprachenkenntnisse sind ausserhalb internationaler Hotels sehr begrenzt, was die Sache fuer Individualtouristen nicht leichter macht ebenso wie das Fehlen von brauchbarem Kartenmaterial oder gut auffindbarer und verlaesslicher Autoverleihfirmen. Fuer innerstaedtische Taxifahrer kommt es v.a. darauf an, Touristen abzuzocken wenn sie nicht genau wissen, was eine Fahrt kostet. Schliesslich gibt es keine Taxameter. Dass der "heisse, staubige Alltag" in seinen besten Momenten nach Kebab und Rosenwasser duftet ist nur die eine Seite der Medaille. Rosenwasser wuerde ich eher ins Reich der Fabel verweisen; dass es vor allem aufgrund der Art der Nutzwasserentsorgung in weit mehr Momenten beissend stinkt sollte naemlich nicht unerwaehnt bleiben. Es ist eine aufstrebende Stadt mit wenig Masterplanung. Dazu kommt das voellig fehlende Umweltbewusstsein, das selbst die Landschaften entlang der Strassen zu den sehenswerten Touristenzielen mehr nach Muellhalde als sonst irgendetwas aussehen laesst. Es wird noch mindestens 10 Jahre brauchen, bis sich das eingestellt hat und dann wird die Region auch fuer westliche Touristen interessant, die nicht einen auf Backpacker machen.
3. optional
waal79 01.07.2013
Ich finde es merkwürdig, dass, trotz hoher Arbeitslosigkeit die Kellner aus Indien kommen. In den Golfstaaten kann man sich leisten, aber wollen die Kurden diese Jobs nicht?
4. Kellner aus Indien
heavenstown 01.07.2013
Die Erklärung ist ganz einfach. Der Präsident hat den Kurden versprochen aus Kurdistan en zweites Dubai zu machen, ergo, man muss nicht mehr arbeiten sondern lässt arbeiten...
5. Auch Christen
Olaf53 01.07.2013
Eine weitere Information verdanke ich einer anderen Quelle. Ganz in der Nähe liegt die christliche Siedlung Ankawa mit immerhin 40.000 Einwohnern. Das soll eine ziemliche Kneipenszene sein. Eine kurdische Webseite macht damit Werbung zwischen den Zeilen. Gut für Araber, die das nicht so eng sehen. Ja was wohl? Das Alkoholverbot sehen sie nicht so eng. Gut auch für einen Deutschen, der im Urlaub mal ein Bier trinken möchte.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Irak
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare

Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Nuri al-Maliki (zurückgetreten); Haider al-Abadi (designiert)

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon