Argentinien Haifischzähne der Anden

Der argentinische Aconcagua ist der höchste Berg außerhalb Asiens - und unter Bergsteigern einer der beliebtesten der Welt. Zwar scheitern rund 60 Prozent aller Expeditionen vor dem Erreichen des Gipfels, doch der Aufstieg ist das Ziel: vorbei an mondartigen Täler und bizarren Eisfeldern.


Mendoza - In Brad Pitts Fußstapfen zu treten ist nicht leicht. Besonders schwierig aber ist es am Aconcagua-Massiv in der argentinischen Andenregion Mendoza. Dort drehte der US-Schauspieler mehrere Wochen lang "Sieben Jahre in Tibet"-Wanderszenen inklusive. Wer sich als Tourist auf die gleichen Pfade begibt, merkt schnell: In der dünnen Luft des Hochgebirges ist das Laufen alles andere als leicht. Dafür werden Besucher mit spektakulären Ausblicken belohnt. Im Zeitlupentempo setzen die Wanderer einen Fuß vor den anderen.

Vom Basislager Confluencia bis zum Camp Plaza Francia sind es zwar nur 900 Meter Höhenunterschied, doch 4000 Meter über dem Meeresspiegel wird jeder Schritt zum Kraftakt. Eisiger Wind beißt im Gesicht, Schutt und Geröll ehemaliger Eisgletscher lassen den Aufstieg in der kargen Bergwelt der Hochanden immer wieder zur Rutschpartie werden. Windböen mit bis zu 80 km/h machen das Vorankommen nicht einfacher, und automatisch fragt sich der Wanderer, wie wohl Hollywood-Schönling Brad Pitt damit zurecht gekommen ist.

Eine riesige Zunge aus Granit

Doch so menschenfeindlich diese Landschaft auch ist, so ergreifend einsam und schön ist sie auch. Auf dem Weg zum Camp Plaza Francia müssen mondartige Täler durchwandert werden, die vor Millionen von Jahren von riesigen Gletschern tief ins Gebirge gerückt wurden. Ein Zeuge dieser Naturgewalt begleitet die Wanderer noch heute: In der wüstenhaften Landschaft zieht sich ein pechschwarzer Gletscher am Flussufer des Horcones entlang. Vulkangestein und Geröll lassen ihn wie eine riesige Zunge aus Granit erscheinen.

Im krassen Gegensatz dazu stehen die schneeweißen Eisfelder. Nicht nur der Kontrast zwischen Wüste und Eis lässt diese Landschaft so fremd erscheinen. Die Eisfelder, die es zu überwinden gilt, sehen aus wie scharfe, aufgereihte Haifischzähne - ein Kunstwerk des Windes. Nach mehreren Stunden erscheint auf der linken Seite die Südwand des Aconcagua. Der Anblick des mächtigen Massivs lässt alle Mühen vergessen. Eine fast 3000 Meter hohe, vereiste Steilwand baut sich vor den Augen der erschöpften Wanderer auf.

"Mit 6962 Metern ist der Aconcagua nicht nur der höchste Berg des amerikanischen Kontinents, sondern auch der höchste außerhalb des Himalaja-Gebirges", erklärt Nationalpark-Führer Julián Baronetto. Ehrfürchtig bewundert auch er immer wieder aufs Neue den "weißen Wächter", wie die Inka den Aconcagua tauften. Zunächst kam ein Deutscher dem "Dach Amerikas" am nächsten: Der Berliner Paul Güssfeldt scheiterte am 1883 nur 392 Meter vor dem Ziel. Es mussten noch weitere 14 Jahre vergehen, bis der Schweizer Bergführer Matthias Zurbriggen den Gipfel über die Nordroute erklimmen konnte.

Die Leichen hängen noch an der vereisten Wand

Die größte Herausforderung ist aber die Südwand, die erst 1954 von einer französischen Bergsteigergruppe erklommen wurde. "Schon viele mussten hier ihr Leben lassen. Im vergangenen Jahr waren es alleine vier Personen", erklärt Julián und sucht per Fernglas nach den Leichen. Sie konnten bisher nicht geborgen werden. Bei gutem Wetter soll man sie aber in der vereisten Wand hängen sehen können.

Der Gipfel erstrahlt auch in der Nacht im Licht des Vollmondes. Julián zeigt auf eine knapp neben dem Aconcagua-Gipfel liegende dreieckige Bergspitze auf 5200 Meter Höhe, die auch "die Pyramide" genannt wird. "Dort fand eine Expedition 1982 eine 500 Jahre alte Inkamumie", erklärt der Parkwächter. Das damals sieben Jahre alte Mädchen wurde den Göttern geopfert und mit Kleidungsstücken, Papageifedern und Goldschmuck in einer Mauer zurückgelassen.

Der Aconcagua ist einer der beliebtesten Berge der Welt

Rund 60 Prozent aller Gipfelexpeditionen scheitern vor dem Erreichen des Ziels am schlechten Wetter und Windböen, die mit 240 km/h Orkanstärke erreichen können. Dennoch ist der Aconcagua wegen seiner technisch einfachen Nordroute einer der beliebtesten Berge der Welt. "Und schließlich ist der Weg das Ziel", tröstet Julián. Rund 4000 Bergsteiger versuchen pro Jahr, das "Dach Amerikas" zu erreichen. Als beste Jahreszeit gilt der Sommer des Südens, der von November bis März dauert.

Der Ausgangspunkt aller Expeditionen ist der "Puente del Inca". Die Naturbrücke über den Rio Mendoza ist weltbekannt. Die heißen Thermalquellen befreiten schon vor Hunderten von Jahren die Inka von ihrem Muskelkater. Das Bad in den Quellen ist aus Sicherheitsgründen heute leider verboten.

Doch in der Provinzhauptstadt Mendoza, am Fuße der Anden, können sich geplagte Wanderer bei Matetee, gefüllten Teigtaschen, Steaks und einem Glas Rotwein wieder erholen. Die Mendocinos nennen ihre Provinz stolz das "Land der Sonne und des guten Weins". Bei 320 Sonnentagen im Jahr gedeihen hier die besten Weine Argentiniens. Das Klima hat die Region zum fünftgrößten Weinproduzenten der Welt gemacht.

Von Manuel Meyer, gms

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