Arktisches Franz-Josef-Land: Im Eisbrecher zur Eisbären-Eisscholle

Franz-Josef-Land, die nördlichste Inselgruppe der Welt, ist ein enorm karges Fleckchen Erde. Eisbären und Möwen fühlen sich hier trotzdem wohl, nur selten statten ihnen Menschen einen Besuch ab - Michael Martin wagte sich per Eisbrecher in die arktische Einsamkeit.

Franz-Josef-Land: Im Reich der Eisbären Fotos
Michael Martin

Eine Eisbärenmutter treibt mit ihren beiden Jungen auf einer winzigen Eisscholle. Die drei sind offensichtlich auf der Barentssee abgetrieben. Die Strömung treibt die Bärenfamilie immer weiter ins Meer hinaus, immer weiter weg von Franz-Josef-Land. Mit jedem Sommertag wird die Eisscholle kleiner, irgendwann wird sie sich ganz auflösen. Das Schicksal der beiden Jungtiere scheint besiegelt, während die Mutter eine realistische Überlebenschance hat. Immerhin können erwachsene Eisbären bis zu 600 Kilometer weit schwimmen.

Der Kapitän des russischen Eisbrechers "Kapitan Dranitsyn" bringt das 134 Meter lange Schiff direkt neben der Eisscholle zum Stehen. Es ist ein herzzerreißender Moment, doch wir können nichts tun für die Tiere. Wir sind auf dem Weg nach Franz-Josef-Land, der nördlichsten Inselgruppe der Welt. Sie gehört zu Russland und liegt zwischen dem 80. und 82. Breitengrad, von ihrem nördlichsten Punkt sind es gerade mal 940 Kilometer bis zum Nordpol.

Es dauert noch einmal eine Stunde, bis der Nebel Franz-Josef-Land freigibt. Flache Tafelberge tauchen schemenhaft auf. Die moderne Navigations- und Echolot-Ausstattung des 1980 in Finnland gebauten Schiffs hat uns zielgenau und sicher zum Ziel geführt.

Die Entdeckung war Zufall

Was muss dieser Anblick vor 138 Jahren für Carl Weyprecht und Julius Payer sowie ihre Mannschaft bedeutet haben, die einst die Nordostpassage erkunden wollten, vor Nowaja Semlja ins Packeis gerieten und nach Norden abtrieben? Nach zehn Monaten im Eis öffneten sich am 30. August 1873 die Wolken, und sie erblickten ein Land, das sie nach dem österreichischen Kaiser Franz Josef benannten. Es war die letzte Entdeckung einer größeren Landmasse in der Geschichte.

Während ihr Schiff im Eis feststeckte, betraten Weyprecht und Payer das neue Land zum ersten Mal am 1. November 1873, dann brach die lange Polarnacht herein. Die Hoffnung, das Schiff im Frühling wieder frei zu bekommen, zerschlug sich im Laufe des Sommers, eine weitere Überwinterung unter extremen Bedingungen wurde nötig. Kaum kehrte das Sonnenlicht wieder, erkundete Julius Payer auf drei Schlittentouren den Archipel.

Als er von der nördlichsten Insel zurückkehrte, hatte Weyprecht bereits Befehl gegeben, das im Eis eingeschlossene Schiff zu verlassen, um das offene Meer zu Fuß zu erreichen. Drei Monate zog die Mannschaft die Rettungsboote unter dramatischen Bedingungen über das Eis, erreichte die Eisgrenze und segelte mit letzten Kräften nach Süden, bis sie vor der russischen Insel Novo Seyma von einem verspäteten Walfangschiff gerettet wurde.

Unser erster Landgang gilt Kap Flora auf der Insel Northbrook. Mit Zodiak-Schlauchbooten werden die knapp hundert Passagiere an Land gebracht. Das steile Kap ist berühmt für seine vergleichsweise üppige Vegetation, die auf den Stickstoffeintrag aus den Vogelkolonien in den Felsen zurückzuführen ist. Ansonsten ist die Insel genauso wüstenhaft wie der Rest von Franz-Josef-Land. Die Sommer sind zu kurz und zu kalt, um mehr als spärliche Tundravegetation zu ermöglichen.

Bei Eisbär-Alarm wird evakuiert

Anlandungen wie auf Kap Flora werden von dem erfahrenen Expeditionsleiter Sepp Friedhuber professionell geplant. Er nutzt den bordeigenen Helikopter, um zusammen mit seinem Reiseleiter-Kollegen Christoph Höbenreich und mir die Küste bei Kap Flora abzufliegen und die Eisbedingungen zu prüfen. Der kurze Flug macht mir die Schönheit der hiesigen Gletscherwelt erst richtig bewusst.

Bei früheren Besuchen sind den beiden Arktisprofis am Kap Flora Eisbären begegnet. So lässt Friedhuber die beiden mitreisenden russischen Jäger das Kap weiträumig absichern. Für den Fall, dass ein Eisbär auftaucht und sich durch Warnschüsse nicht vertreiben lässt, gibt es Evakuierungspläne.

Eine Polarkreuzfahrt auf dem russischen Eisbrecher "Kapitan Dranitsyn" ist derzeit die einzige Möglichkeit, Franz-Josef-Land zu erreichen, sieht man einmal vom kurzen Stopp des Atomeisbrechers "50 Years of Victory" ab, der die Inselgruppe auf dem Weg zum Nordpol passiert. Private wie wissenschaftliche Expeditionen werden seit Jahren von der russischen Regierung nicht mehr genehmigt. Die "Dranitsyn" wird während der Wintermonate auf der Nordostpassage und auf russischen Flüssen eingesetzt, um Frachtschiffen einen Weg durch das Eis zu bahnen.

Alexej Mironov, dem Inhaber der russischen Reiseagentur Special Travel Club, gelang es bereits mehrfach, den Eisbrecher im Sommer für eine Fahrt nach Franz-Josef-Land zu chartern.

Möwen, Dickschnabellummen, Krabbentaucher

Aus 191 Inseln besteht Franz-Josef-Land insgesamt, unser nächstes Ziel ist die Hooker-Insel. In der geschützten Tichaja-Bucht liegt der Rubini-Felsen, ein erstarrter Vulkanschlot, der Tausenden Dreizehenmöwen, Dickschnabellummen, Eismöwen und Krabbentauchern als Lebensraum dient. Der Kapitän manövriert den Eisbrecher so nahe an den Felsen, dass die Passagiere mit ausgestreckten Armen das Gestein berühren können.

In Sichtweite liegt die alte russische Polarstation Tichaja Buchta, die von 1929 bis 1959 in Betrieb war. 25 verfallene Gebäude, komplett eingerichtete Werkstätten, verrostete Raupenfahrzeuge und Holzflugzeuge zeugen von den Anstrengungen der Sowjetunion, auf der nördlichsten Inselgruppe der Erde Flagge zu zeigen. Die Polarforschung fand abgeschirmt vom Westen statt, war Franz-Josef-Land doch seit 1928 militärisches Sperrgebiet.

Erst die Perestroika von Michail Gorbatschow erleichterte den Zugang, wenn auch nur für kurze Zeit. Unter Putin wurden Reisen bald wieder erschwert. Nur für russische Reiseunternehmer gibt es Genehmigungen. Seit kurzem hat Russland seine militärische und wissenschaftliche Präsenz in der Arktis massiv verstärkt, um seine Ansprüche auf die erhofften Rohstoffvorkommen rund um den Nordpol zu bekräftigen.

Spuren der Pioniere

Während auf dem Schiff das Abendessen serviert wird, steuert der Kapitän das Schiff in den British Channel, dem wir während der taghellen Nacht in Richtung Nordosten folgen. Ziel ist das Kap Norwegen auf der Jackson-Insel. Dort überwinterten die Polarforschungsurgesteine Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen 1895 und 1896, nachdem sie ihr Schiff, die "Fram", im März 1895 verlassen hatten, um den Nordpol zu erreichen. Nördlich des 86. Breitengrades wurden sie durch die Eisdrift zur Umkehr gezwungen, am 13. August 1895 betraten sie Franz-Josef-Land, ohne zu wissen, wo sie sich genau befanden.

Da kein Baumaterial zur Verfügung stand, gruben sie ein Loch in die Erde, über das sie einen Baumstamm legten, der aus Sibirien stammte und am Strand angespült worden war. Darüber spannten sie Robbenhaut und legten einen Vorrat an Eisbärenfleisch an, um die 128 Tage währende Polarnacht zu überstehen. Obwohl sie sich einen Schlafsack teilten, musste Johansen seinen Leidensgenossen Nansen mit "Herr Doktor" ansprechen, erst im Januar bot Nansen ihm das Du an.

Ich stehe 116 Jahre später an dem Erdloch, über dem bis heute der Baumstamm liegt. Daneben zeugt ein Eisbärknochen vom eintönigen Speiseplan der beiden Polarforscher. Zurück auf dem Eisbrecher lässt die Speisekarte mittags die Wahl zwischen Steak und Lachs. Die Zeiten haben sich auch in der russischen Hocharktis geändert.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Eisbärenfamilie wohlauf
schmitz-maier 01.08.2011
Eine ähnliche Fahrt von Tromso startend mit einem speziellen Artiksschiff um das benachbarte Spitzbergen herum war uns einst auch gegönnt - und die Eindrücke sind sehr ähnlich (die Einsamkeit auch). Die im Bericht erwähnte "Kapitan Dranitsyn" ist schon seit einigen Jahrzehnten für touristische Arktisreisen von Murmansk aus im Dienst - ihr Heimathafen ist Murmansk, wo sie regelmäßig anzutreffen ist. Zwecks der Eisbär-Familie sollte sich Michael Martin keine Sorgen machen. Für sie ist die Schwimmübung zurück ans Land ein Klacks - die umliegenden Eisschollen sind zudem willkommene "Inselchen". Eisbären sind ausgezeichnete Schwimmer - selbst Strecken bis zu 100 Kilometer können sie in der Hochsee überbrücken.
2. Coole Nummer
der__da 02.08.2011
Der Autor steht an der Reeling eines 24.000Ps-schwerölbetriebenen-Eisbrechers und schaut hilflos von oben auf den schmelzenden Lebensraum der Eisbären - Respekt, Herr Martin, Respekt!
3.
arktisss 18.10.2012
Zitat von sysopErst die Perestroika von Michail Gorbatschow erleichterte den Zugang, wenn auch nur für kurze Zeit. Unter Putin wurden Reisen bald wieder erschwert. Arktisches Franz-Josef-Land: Im Eisbrecher zur Eisbären-Eisscholle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,777219,00.html)
Wie immer: Gleichzeitig wirbt Russland aktiv die Möglichkeiten des arktischen Tourismus - Tourismus in russischer Arktis: Stimme Russlands (http://german.ruvr.ru/2012_08_25/86181997/) - und schließt den Zugang dazu. Das einzige Plus - je weniger Reisende sich dazu wagen, alle Barriere zu überwinden, desto unberührter bleibt das Gebiet.
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Elfriede Fischer

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


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