Art-déco-Festival in Napier Chevys, Swing und Federboa

Wie Christchurch vor wenigen Jahren legten einst heftige Erdstöße Napier in Schutt und Asche. Ihre im Art déco wiederaufgebaute Stadt feiern die Neuseeländer jährlich - mit Swing und viel Stil.

Art Deco Trust / TMN

Christchurch, Februar 2011: 6,3 auf der Richterskala. Vor Kurzem Kaikoura: 7,8 im November. Immer wieder erleben die Neuseeländer heftige Erdbeben. Menschen sterben; Kathedralen, Wohnhäuser und Bürotürme stürzen ein; Straßen und Eisenbahngleise rutschen ab.

Am 3. Februar 1931 traf eine der schwersten Erschütterungen des Landes Napier - und aus den Ruinen entstand eine Stadt, deren Schönheit jedes Jahr erneut mit Stil gefeiert wird: beim Art-déco-Festival.

Die kleine Stadt an der Hawke's Bay im Osten der Nordinsel und ihre Bewohner putzen sich dann - mitten im neuseeländischen Sommer - heraus: Die Frauen tragen Seidenkleider im Stil der Dreißiger- und Vierzigerjahre, Hüte mit Federschmuck und lange Perlenketten. Die Männer holen ihre Dreireiher mit Weste aus dem Kleiderschrank und setzen Strohhüte oder Ballonmützen auf.

Aus den Radios dringt Swing und Jazz. Und über die geputzten Straßen rollen hochglanzpolierte rote Packards oder cremefarbene Chevys.

Napier, die Art-

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Napier in Neuseeland: Eine Stadt feiert das Art déco

déco-Hauptstadt der Welt

Damals, im Februar vor 86 Jahren, um 10.46 Uhr trafen Erdstöße mit einer Stärke von 7,8 die Küstenstadt. Sie dauerten nur etwa zweieinhalb Minuten, doch danach brachen Brände aus und verschlangen fast das gesamte Zentrum. Rund 260 Menschen starben. Die Überlebenden verließen ihre Heimat aber nicht - sie wollten sie wieder aufbauen, schöner als zuvor. Und deshalb wählten sie für die meisten Gebäude den damals modernen und lebensbejahenden Art-déco-Stil.

Neben Miami Beach in den USA ist Napier damit einer der wenigen Orte weltweit, an denen die Architektur dieser Stilrichtung noch heute lebendig ist. Napier selbst nennt sich selbstbewusst sogar "Art Deco Capital of the World" - die Art-déco-Hauptstadt der Welt. Denn nach Aussagen der Bewohner kann man nirgendwo sonst eine ähnliche Vielfalt von Gebäuden im Stil der Dreißigerjahre bewundern.

Um die Pflege dieses kulturellen Erbes kümmert sich seit 1985 der Art Deco Trust. Schon im Gründungsjahr der Stiftung zeigte sich, dass das Interesse des Publikums riesig ist. Zu der ersten Stadtführung kamen 1100 Menschen - und das obwohl die Tour an einem Sonntag im Juni 1985 stattfand, also mitten im neuseeländischen Winter.

Vom Depression-Dinner zur Prohibition-Party

Seit 1988 gibt es das Festival - in Erinnerung an das Erdbeben und den Wiederaufbau der Stadt. Allein 2016 kamen rund 40.000 Besucher eigens dafür nach Napier - dieses Jahr findet es vom 15. bis 19. Februar statt. Was die Gäste erleben, ist tatsächlich so etwas wie eine Zeitreise.

Kaum ein Besucher, der sich für diesen Anlass nicht das schönste Dreißigerjahre-Outfit aus dem Fundus besorgt hat. Selbst die kleinen Jungs tragen beim Picknick in der Parkanlage am Strand kurze Leinenhosen mit Hosenträgern, die Mädchen feine Kleidchen und Kopfbänder mit Federschmuck. Die stilecht gekleideten Besucher lassen selbst den örtlichen Starbucks wie einen alteingesessenen, traditionellen Coffee-Shop wirken.

Auf den Bühnen im Stadtzentrum und am Strand wird Jazz gespielt oder Tango zelebriert, Brassbands spielen Songs wie "Singin' in the Rain" oder "Puttin' on the Ritz". Das "Depression Dinner" zeigt, wie die schmale Kost der Vergangenheit aussah. Besucher können am "Gatsby Picnic" auf der Promenade teilnehmen, Kinder beim Seifenkistenrennen anfeuern oder bei der "Prohibition Party" feiern.

Und spätestens, wenn der Korso der herausgeputzten und bestens gepflegten historischen Autos langsam durch das Zentrum rollt, fühlt man sich in die alte Zeit zurückversetzt. Lediglich die Smartphones, mit denen die Passanten die glitzernde Parade festhalten, stören das Bild ein wenig.

Falk Zielke, dpa/abl

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