360°-Multimedia-Reportage bei Arte Per Anhalter durch die Nordwest-Passage

Vier Monate reiste der Schwede Richard Tegnér durch die einst hochgefährliche Nordwestpassage - mit Segelbooten und einem Kreuzfahrtschiff. Arte hat daraus ein crossmediales Spektakel gemacht, zu sehen im TV, Internet und als App.

Von

ZDF / Philipp Cottier

In der Resolution Bay schien Richard Tegnérs Abenteuer zu enden. Das Abenteuer, die Nordwest-Passage zu durchsegeln, von Island über Grönland, vorbei am Norden Kanadas bis nach Alaska. Der Motor des 9,5-Meter-Segelbootes "Dax" - auf Deutsch: "Es ist Zeit" - stotterte, und schlimmer noch: Auch die Freundschaft der drei Crew-Mitglieder aus Schweden war am Ende. Hinter ihnen lagen fünf Wochen in den unruhigen und stürmischen Gewässern des Atlantiks, immer begleitet von technischen Problemen und von Konflikten, die in der Enge des fast 40 Jahre alten Segelboots aufbrachen.

SPIEGEL ONLINE: Was war passiert?

Tegnér: Ich wachte morgens davon auf, dass Kapitän Martin schwer atmend auf Deck der "Dax" herumwühlte. Nach dem Frühstück sagte er: Ich habe genug, ich fahre nicht weiter. Trotz der Enttäuschung des Abbruchs war es für mich eine Erleichterung. Mit diesen Problemen weiter in die noch schwierigeren Gewässer vorzustoßen, wäre verrückt gewesen.

Klicken Sie auf das Bild, dann öffnet sich ein 360°-Videoplayer. Sie können Ihre Blickrichtung mit der Maus ändern. Sie brauchen dazu ein Flash-Plug-in. Mobil- und Tabletnutzer können die faszinierende Technik in der App (IOS für iPhone und iPad, Android ist in Planung) erleben. Mit Tablets und Smartphones steuert man, indem man ganz einfach sein Gerät bewegt.

Mit an Bord hatte Richard Tegnér eine kleine Go-Pro-Actionkamera, die er von dem kanadischen Dokumentarfilmer Kevin McMahon erhalten hatte. Damit sollte er ein filmisches Logbuch der Segeltour der drei schwedischen Freunde erstellen. Es kam anders.

"Ich war dann wohl einer der wenigen Hitchhiker in der Nordwestpassage", sagt Tegnér. McMahons Produktionsfirma Primitive Entertainment, die im Auftrag von Arte arbeitete, vermittelte dem damals 63-Jährigen einen Lift mit dem russischen Kreuzfahrtschiff "Academic Ioffe". Dann stieg Tegnér bei den Schweizer Seglern des Katamarans "Libellule" ein und landete vier Monate nach seinem Aufbruch im Hafen von Nome in Alaska. Mission erfolgreich beendet.

Sein filmisches Logbuch ist ab Montagabend bei Arte zu verfolgen, in der Serie "Polar Sea 360°" mit zehn Folgen, die den Aufbruch in Reykjavík bis zur Ankunft in Nome wiedergeben. Der Ehrgeiz des deutsch-französischen TV-Senders, in Kooperation mit SPIEGEL TV und kanadischen Sendern, ging aber noch sehr viel weiter: Die Produzenten wollten ein crossmediales Dokumentationsprojekt ins Leben rufen.

Sie schickten dazu sieben weitere Kamerateams in die Arktis, zu Forschern und zu den Inuits, zu Jägern, Sängern und Künstlerinnen. Sie alle erzählen vom Klimawandel, der die einst so schwere Passage heute auch für Kreuzfahrtschiffe und Segler wie Tegnér möglich macht, da die Erwärmung die Wasserwege zunehmend eisfrei hält. Sie berichten von den dramatischen Folgen für die Lebensweise der Einheimischen und auf das Ökosystem. Und wie die Gier nach den Bodenschätzen wie Öl wächst und die Gesellschaft verändert.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkte die Arktis auf Sie?

Tegnér: Es ist sehr schön dort, sehr nackt, sehr cool. Die Region ist so unwirtlich, alles ist extrem groß - und gibt dir viel Raum Freiheit für deine Gedanken. Wenn man in der Stadt unterwegs ist, ist man voll mit Eindrücken, und vieles verlangt ständig deine Aufmerksamkeit. Aber dort hast du Zeit, sodass Gedanken zu einem Ende kommen können, und um über dich und dein Leben nachzudenken.

Tegnérs Tagebuch und die Erzählungen vieler anderer Protagonisten der Serie hat Arte auf einer Storytelling-Webseite zusammengefasst - zusammen mit einer Karte, vielen Fotos und Videos. Der Clou bei den Filmen: Sie wurden in einer in diesem Umfang neuen Technik aufgenommen und erlauben eine 360-Grad-Rundumsicht, für den Betrachter mit der Maus zu navigieren.

So knattert also der Helikopter, von dem aus man hinunter aufs Meer schaut, und der Wind pfeift am Gletscher, den man Stück für Stück betrachtet. Auch die "Dax" können die Nutzer begleiten, wenn sie Reykjavíks Hafen verlässt. Die kanadische Produktionsfirma Deep Inc. hat zusätzlich zu einer App eine 30-minütige Dokumentation überwiegend aus solchen 360-Grad-Bilder erstellte, die ebenfalls im Web gezeigt wird.

Für den erstaunlichen, interaktiven Rundumblick wurde eigens ein Kameraensemble aus sechs bis zwölf Go-Pro-Einzelkameras gebaut, die gefilmten HD-Bilder wurden später zu Videosequenzen zusammengeflickt. Die Herausforderung dabei: Die Kameraleute mussten sich "unsichtbar" machen, um nicht aufs Bild zu kommen. Entweder in Tarnkleidung, hinter Felsen oder in nach Fisch stinkenden Dinghis.

Thomas Wallner

SPIEGEL ONLINE: Herr Tegnér, Sie sind Architekt und arbeiten inzwischen wieder zu Hause in Stockholm. Was haben Sie aus dem Eis mitgenommen?

Tegnér: Es ist schwer, nach solchen Erlebnissen wieder zurückzukommen. Mein Geist ist noch immer woanders und streift in der Arktis herum. Ich habe viel gelernt, über soziale Interaktionen und darüber, was Enge unter einem bestimmten Stress mit den Menschen macht. Ich will aber auch diese Erfahrungen nicht missen. Ich kann nur jedem empfehlen, sich mal aus seiner Komfortzone herauszubewegen.

Sendetermine:

  • "Polar Sea - Die Eroberung der Nordwestpassage". 90-minütige TV-Dokumentation. Samstag, 29. November 2014, 20.15 Uhr.
  • "Polar Sea 360° - Per Anhalter durch die Arktis". Zehnteilige Doku-Reihe. 1. bis 12. Dezember 2014, jeweils Montag bis Freitag um 19 Uhr.
  • Polar Sea 360° online auf Arte.tv

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.