Astrid Lindgrens Schweden: Besuch in Bullerbü

Von Bettina Hensel

Wo spielte Pippi Langstrumpf? Gibt es Michels Lönneberga wirklich? Und in welcher Straße ermittelte Kalle Blomquist? Die Antworten auf alle drei Fragen finden sich in Südschweden. Die Geschichten von Astrid Lindgren werden hier lebendig - und Erwachsene wieder zu Kindern.

Schweden: Zwischen Lönneberga und Lommetuva Fotos
Bettina Hensel

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An diesem schönen, sonnigen Oktobertag ist Kenneth der einzige im Dorf. Während er seine Stauden und Sträucher stutzt, beobachtet er aufmerksam den Weg vor seinem Hof. Vielleicht verirrt sich ja doch einer außerhalb der Saison hierher, der Zeit hat für einen kleinen Plausch, man weiß ja nie. Im Sommer bekommt der ruhige Smålander mit dem weißen Bart und der rechteckigen Brille in seinem kleinen Gehöft öfter Besuch als der gemeine Südschwede im Durchschnitt.

Rund 45.000 Menschen sind es in der Hauptsaison insgesamt, die mit verklärtem Blick vor seinem gewöhnlichen weißen Gartentor stehen, als ob sie zum ersten Mal den Pariser Eiffelturm oder die Mona Lisa erblickten. Sie fotografieren seine Sonnenblumen, seine blühenden Apfel- und Pfirsichbäumchen, seinen kleinen Kuriositäten-Trödelladen im hinteren Teil des Gartens. Und vor allem den ochsenblutfarbenen Hof, den er 1986 geerbt hat: den Mellangården. Es ist der Mittelhof von Astrids Lindgrens "Bullerbü".

Die Landschaft ist genauso, wie man sich die Heimat von Lisa und ihren Brüdern Lasse und Bosse und den Nachbarskindern Ole, Britta und Inga vorgestellt hat: Schwarz-weiß gescheckte Kühe und pummelige Schafe grasen ringsum die sattgrünen Wiesen ab, in den hohlen knorrigen Eschen verbergen sich hervorragende Versteckplätze, es riecht nach Dung, zu den meisten Bauerndörfer führen ungeteerte Schotterwege. Und einen kurzen Fußmarsch entfernt liegt der kleine See Mossjön, umrandet von Schilf und dunkelgrünen Nadelbäumen, die sich im Wasser spiegeln.

Das Gewässer war nicht nur Spielplatz für die Bullerbü-Kinder - auch das stärkste Mädchen auf der Welt, das mit vollen Namen Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf heißt, erlitt hier Schiffbruch. "Rettet uns, bevor wir untergehen! Seit zwei Tagen ohne Schnupftabak, verschmachten wir auf dieser Insel", diese Nachricht versendeten Pippi, Thomas und Annika in einer Flaschenpost, als sie auf einer der vielen kleinen Inseln im See strandeten. Das Eiland nannte sich Lommetuva.

Wo liegt der Katthult-Hof?

In Wirklichkeit heißt Bullerbü Sevedstorp, ein Zwergenort mit nicht einmal zehn Bewohnern, hier ist der Vater von Astrid Lindgren, Samuel August Ericsson, aufgewachsen, hier drehte auch Lasse Hallström 1986 seine Bullerbü-Filme. "Bullerbyn" ist einer der beliebtesten Schauplätze für Touristen, die sich auf die Suche nach den Orten machen, die die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren zu ihren Kinderbüchern inspirierte.

Es ist schön, dass sich die Schauplätze nicht mit greller Reklame auf der Landstraße schon aufdrängen; im Gegenteil, ohne die Hilfe eines Reiseführers oder den Karten vom Touristbyrå, dem schwedischen Fremdenverkehrsamt, würde man wohl prompt an Bullerbü vorbei fahren. Und selbst in Lönneberga, einem Ort, der wirklich existiert, würde man nichts finden. Denn der Hof vom bekannten Lausbuben Michel mit den verstrubbelten blonden Haaren, die unter seiner blauen Mütze hervorschauen, liegt ganz woanders.

Ins Auge fällt Michel-Lesern sofort die Fahnenstange vor dem roten Holzhaus von "Katthult". Natürlich nur ein erdachter Name, der private Bauernhof heißt Astrid Johannsson Gård und liegt umgeben von Äckern, Wiesen und einem See in der kleinen Ortschaft Gibberyd, circa 15 Fahrminuten von Sevedstorp (also "Bullerbü") entfernt. Hier wurden Anfang dersiebziger Jahre die Außenaufnahmen für "Immer dieser Michel" gedreht. Auch die berühmte Szene, in der Michel seine Schwester Klein-Ida an einem Mast hochzog, um ihr ganz Katthult zu zeigen.

Vorbei an Kirschbäumen und Flieder entdeckt der Besucher auch noch einen anderen bekannten Schauort für einen unabsichtlichen Michelschen Streich: Das rote Klohäuschen, die "Trissebude", in die er seinen Vater aus Versehen eines Nachts einsperrte. Steht man davor, sieht man vorm geistigen Auge die Szenen aus dem Film: der wie am Spieß schreiende Vater mit rotem Kopf, der versucht, sich aus dem engen Fensterchen zu winden und dabei auch noch stecken bleibt.

Die "Weißen Rosen" auf dem Kriegspfad

Doch am nächsten kommt man wahrscheinlich den Schauplätzen aus vielen ihrer Bücher, wenn man sich im alten Ortskern ihrer Heimatstadt Vimmerby umschaut. Dort ist auch das Revier von Meisterdetektiv Kalle Blomquist. In "Kalle Blomquist lebt gefährlich" schreibt Lindgren: "Hauptstraße und Kleine Straße, das war alles, was es gab - und den Großen Markt natürlich. Der Rest waren winzige kopfsteingepflasterte, bucklige Gassen und Straßenstummel (...)" Und ja, in diesen kleinen Gassen mit den niedrigen farbigen Holzhäusern, wo früher die Armen wohnten, könnte Kalle tatsächlich mit seinen "Weißen Rosen" auf dem Kriegspfad herumgeschlichen sein.

Alle Häuser sind kaum zwei Mann hoch und sehen aus wie Puppenstuben, in den Fenstern sieht man rote Geranien, Orchideen oder bemalte Holzskulpturen, ein herrenloser Grill steht mitten auf einem der kopfsteingepflasterten Pfade, Katzen schleichen umher oder sonnen sich am Eingang der Häuser. Berühmt ist die Gasse Båtsmansbacken (Bootsmannshügel). Dort wohnt heute ein Enkel von Astrid Lindgren, Anders Lindgren, Illustrator und Künstler.

Wer noch tiefer in Lindgrens Reich vordringen will, fährt zu ihrem Geburtsort im damaligen Stadtteil Näs, einem ehemaligen Bauernhof auf kirchlichem Pachtgrund. Dort, in einem ochsenblutrot angestrichenen Holzhäuschen mit einer weißen Veranda, Sprossenfenstern und Blumenbeeten auf der Vorderseite ist Astrid Lindgren am 14. November 1907 als Astrid Ericsson zur Welt gekommen.

Vorbild für den Limonadenbaum

Das blonde Mädchen, das Schwedens bekannteste Schriftstellerin werden sollte, balancierte mit ihren Geschwistern Gunnar, Stina und Ingegerd über das Dachfirst des Elternhauses. Sie kletterten auf die Äste der Kastanien- und der krummen Obstbäume. Doch vor allem versteckten sie sich liebend gerne in der hohlen, runzeligen Ulme, dem sogenannte "Eulenbaum", der so aussieht, als würden Gnomengesichter sich aus seinem dicken Stamm herausdrücken. Der Baum, der mittlerweile so dick ist, dass ihn ein Erwachsener nicht mit beiden Armen umgreifen kann, ist Vorbild für Pippis Limonadenbaum vor der Villa Kunterbunt.

Wo früher nur Felder, Birken- und Nadelwälder und Wiesen Astrid Lindgrens Kindheit bestimmten, stehen heute eine Betonsiedlungen, Fabriken und gesichtslose Einkaufszentren. Näs hat sein Gesicht in den sechziger Jahren verändert. Es ist Ortsteil der 9000-Einwohner-Stadt Vimmerby geworden.

Astrid Lindgren und ihr Bruder Gunnar erwarben nach Auflösung des Guts und dem Verkauf von Parzellen als Bauland 1965 das rote und gelbe Holzhaus und zusätzlich ein wenig Grund und Boden. Das Gelände, nebst einem Astrid-Lindgren-Pavillon, ist für Touristen heute zugänglich. Wer Glück hat, trifft im Sommer hier ihre Tochter Karin Nymann oder sogar ihre Enkel und Urenkel.

Ein paar Fahrminuten von Näs entfernt liegt noch eine ganz andere Astrid-Lindgren-Welt, die sogenannte Astrid Lindgren Väld. Ein umzäuntes Disneyland mit nachgebildeten Kulissen von Vimmerby und Bullerbü, einer Krachmacherstraße mit Souvenirläden und Security-Personal. Astrid Lindgren spricht in einem Werbeprospekt von einer "einzigartigen Anlage". Doch ungeachtet aller Versuche, den Ort so authentisch wie möglich zu gestalten, ohne jeden Meter Imbissbuden und Fahrtgeschäfte aufzustellen, hat man sich Lindgrens wunderbare Welt einfach anders vorgestellt.

Der Planet Pippi, der ist womöglich überall in Südschweden eher zu finden. Dort wo es rote Holzhäuschen gibt, knorrige Obstbäume, geheimnisvolle Wälder und dunkle Seen. Einen Freizeitpark braucht es dafür nicht.

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1. Drehorte
Tysknaden 25.06.2012
Die Verfilmung der Pippi Langstrumpf - Filme fand auf Gotland statt. In und nahe Visby. Die originale Villa Kunterbunt steht, ein paar Kilometer von Visby entfernt, nun im Freizeitpark Kneippbyn.
2. Ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd
spontifex 25.06.2012
Zitat von sysopBettina HenselWo spielte Pippi Langstrumpf? Gibt es Michels Lönneberga wirklich? Und in welcher Straße ermittelte Kalle Blomquist? Die Antworten auf alle drei Fragen finden sich in Südschweden. Die Geschichten von Astrid Lindgren werden hier lebendig - und Erwachsene wieder zu Kindern. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,831990,00.html
Sie brauchen sich nicht erst nach Schweden zu begeben, eine Antwort auf Ihre Fragen bekommen Sie auch in der Willy-Brandt-Straße 1 in 10557 Berlin. Dort (http://3.bp.blogspot.com/_MAIDScDNy6I/SAqh6pAcp5I/AAAAAAAAB0I/absUVrhvq2U/s400/merkelessen.jpg) werden Frau Lindgrens Geschichten erst so richtig lebendig, (http://www.youtube.com/watch?v=ayHzg8oMvV0) Erwachsene sind dort Kinder.
3. Es lohnt sich...
jjj66 25.06.2012
Ich kann aus eigener Erfahrung nur jedem Lindgren-Fan empfehlen, sich einmal dort in die Gegend zu begeben. Der Kathulthof vom Michel aus Lönneberga (im schwedischen Original "Emil von Kathult" genannt) ist wirklich so wie im Fernsehen. Ich habe schon in der Snickerboa (die Schnitzerbude) von Michel gesessen. Auch Pipps Villa Kunterbunt (heute ein Hotel...kann man googlen) ist schön!
4. Visby...
brooklyner 25.06.2012
Zitat von sysopBettina HenselWo spielte Pippi Langstrumpf? Gibt es Michels Lönneberga wirklich? Und in welcher Straße ermittelte Kalle Blomquist? Die Antworten auf alle drei Fragen finden sich in Südschweden. Die Geschichten von Astrid Lindgren werden hier lebendig - und Erwachsene wieder zu Kindern. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,831990,00.html
Viel besser als das „Disneyland” bei Vimmerby ist wirklich Kneippbyn bei Visby auf Gotland. Sehr schön, wie hier darauf geachtet wurde, die Disneyfizierung zu vermeiden. Wer schon ganz zu Beginn der Saison Mitte Mai kommt, hat die ganze Anlage quasi für sich und die Villa Villekulla ist wunderbar authentisch eingerichtet. Und beim Besuch des mittelalterliche Hansestädtchen Visby wird man auch einige drehorte wiedererkennen. Bei Vimmerby lohnt sich allerdings der Besuch des Limonadenbaums und vor allem des wirklich guten Astrid Lindgren Museums, das ihr literarisches und auch politisches Leben sehr schön präsentiert. Ein anderer Ort auf den ich eher zufällig gestossen bin, liegt in Haapsalu / Hapsal westlich von Talinn in Estland. Dort wurde die Illustratorin vieler Lindgren Bücher, Ilon Wikland, geboren. Nach dem kalten Krieg eröffnete Wikland in ihrem Geburtshaus ein Museum, in dem sehr viele der wunderbaren Originalillustrationen ausgestellt sind (alle auf Kinderaugenhöhe gehängt).
5. Frau Hensel, haben Sie Kinder?
delight1 03.07.2012
Irgendwie muss ich mir dann doch mal Luft machen zu diesem Artikel. Ich kenne sowohl die Astrid-Lindgren-Welt als auch die anderen Schauplätze der Astrid-Lindgren Filme. Mit vielem hat die Autorin auch recht. Aber die Einordnung von Astrid Lindgren Värld als "Disneyland" lässt mich fragen, ob die Autorin dieses Artikels wirklich vor Ort war. Was ist denn für Sie z.B. ein Fahrgeschäft bzw. wieviele Fahrgeschäfte haben Sie im Park gesehen? Ich kann mich an genau eines erinnern - durch Saltkrokan. Oder sind für Sie die Rutschen von Karlssons Dach oder die Riesenstühle bei Nils Karlsson Däumling auch Fahrgeschäfte. Die sogenannten Imbissbuden bieten alle schwedische Spezialitäten an. Sie werden keine Bude finden, bei der sie auch nur etwas im entferntesten mit Fast Food zu tun Habendes kaufen können. Die Bonbons bzw. Lollies können die Kinder selbst herstellen und die Läden (von denen es nicht wirklich viele gibt) können Sie an einer hand abzählen. Noch dazu sind die miesten Läden von außen noch nicht mal als solche zu erkennen. Ich kann nur jedem empfehlen, den "Park" zu besuchen. Die Helden aus der eigenen Kindheit werden wach und die eigenen Kinder sind den Figuren zum Anfassen nah, können mit ihnen in Theaterstücken mitspielen, gemeinsam mit ihnen singen und tanzen und einfach Spaß haben. Näs ist kommerziell geworden, das stimmt. Aber alleine Ihre Formulierung "ochsenblutrot gestrichen" zeigt, dass Sie mit schwedischer Kultur und Geschichte nicht viel am Hut haben. Sorry, aber dieser Artikel ist wirklich einer der welchen, die mich in letzter Zeit am meisten aufgeregt haben.
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