Sternegucken in der Atacama-Wüste Ganz und gar galaktisch

Im La-Silla-Observatorium in Chiles Atacama-Wüste darf der Fotograf und Hobbyastronom Michael Martin das Allerheiligste betreten - und mit seiner Kamera ganz besondere Blicke wagen.

Michael Martin

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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In lang gezogenen Kurven schwingt die Panamericana durch die gebirgige Atacama-Wüste im Norden Chiles. Kaum einer der Reisenden beachtet 130 Kilometer nördlich von La Serena die schneeweißen Kuppeln einer Sternwarte, die sich in der Ferne auf dem Berg La Silla abzeichnen. Für mich, einen leidenschaftlichen Hobbyastronom, sind sie ein wichtiger Grund, mein Motorrad auf die kleine Nebenstraße C 541 zu lenken.

Nach 20 Fahrminuten stehe ich vor einem bewachten Tor. Ich nenne meinen Namen, der Wärter blickt auf seine Liste und lässt mich einfahren. Ich hatte mich zuvor um einen Pressebesuch bemüht, aber auch normale Touristen können die berühmte Sternwarte nach Voranmeldung jeden Samstag kostenlos besuchen.

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Sternegucken in Chile: Sternbilder

Eine steile Passstraße bringt mich auf 2400 Meter Meereshöhe. Hier in der klaren, fast immer wolkenlosen Luft der Atacama errichtete die im Jahre 1964 gegründete Europäische Südsternwarte (ESO) das erste ihrer inzwischen drei Observatorien in Chile. Auch wenn heute auf dem Cerro Paranal viele Hundert Kilometer nördlich die modernsten Teleskope der ESO stehen, ist La Silla nach wie vor ein wichtiger Standort für die Erforschung des Weltalls. So wird hier mit dem weltweit besten Instrument Jagd auf sogenannte Exoplaneten gemacht.

In einer Kantine werde ich von Hernan Julio empfangen, der die chilenische Astronomiezeitung "Astrovida" herausgibt und Besucher in La Silla betreut. Nach dem Essen beziehe ich mein Zimmer. Der Ausblick reicht bis zum Pazifik, der sich im Südwinter meist unter einer dichten Nebeldecke verbirgt.

Nach Sonnenuntergang beginnt die Arbeit

Dann fahren wir mit einem Kleinwagen hinauf zur höchstgelegenen Kuppel, die auch das größte Teleskop von La Silla beherbergt. Mit einem Lastenaufzug geht es in 40 Meter Höhe, dann darf ich das Allerheiligste betreten: das Innere der Kuppel. Dort steht das größte Teleskop mit einem Spiegeldurchmesser von 3,60 Metern. Am Teleskop ist der sogenannte HARPS, der weltweit führende Exoplanetenjäger, montiert - ein Spektrograf mit bislang unerreichter Präzision.

Die nächste Station ist das NTT, das New Technology Telescope. Es war weltweit das erste Fernrohr mit aktiver Optik. Die Form des 3,58 Meter großen Hauptspiegels wird fortlaufend kontrolliert und korrigiert. So werden die Luftturbulenzen weitgehend ausgeglichen und damit bessere Ergebnisse erzielt.

Inzwischen ist die Sonne über dem Pazifik untergegangen, nun beginnt die Arbeit der Astronomen. Während Techniker die riesigen Kuppeln elektrisch öffnen, finden sich die Wissenschaftler im Kontrollzentrum ein. An den Fernrohren selbst ist heute kein Astronom mehr zu finden. Die Sterngucker sitzen vielmehr im Kontrollraum an ihren Monitoren oder im fernen Europa in ihren Büros und steuern die Beobachtungen.

Die Atmosphäre ist konzentriert und doch entspannt. Es läuft leise Musik, neben den Tastaturen stehen Kaffeetassen, an ein paar der Dutzenden von Monitoren sitzen Astronomen und arbeiten ihre eigenen Beobachtungsprogramme ab oder unterstützen ihre Kollegen, die von Europa aus zugeschaltet sind.

Die Milchstraße in ihrer ganzen Pracht

Maja Vuckovic findet Zeit für ein Interview. Die serbische Astronomie-Professorin , die an der Universität Valparaiso lehrt, schwärmt von der Zusammenarbeit mit den chilenischen Wissenschaftlern. Die Doktoranden Abner Zapata und Mathias Diaz gesellen sich zu uns und berichten begeistert von ihrer Jagd auf Exoplaneten.

Die Vorstellung, Exoplaneten zu finden, die ferne Sterne in der sogenannten habitablen Zone umrunden, fasziniert auch die nüchternen Astronomen. Damit ist jener Bereich gemeint, in dem der Abstand zwischen Stern und Planet es möglich macht, dass Wasser in flüssiger Form vorkommt. Das wird als unabdingbare Voraussetzung für die Entstehung von Leben gesehen.

Inzwischen ist es Mitternacht, noch stört der Mond bei vielen der Beobachtungen. Ich gehe auf mein Zimmer und schlafe drei Stunden bis zum Monduntergang. Dann fährt mich Hernal mit Standlicht wieder hinauf zur höchstgelegenen Kuppel von La Silla. Dort schraube ich wie vor 40 Jahren auf meiner eigenen Sternwarte bei Augsburg meine Kamera samt lichtstarkem Weitwinkelobjektiv auf ein Stativ und löse den Kameraverschluss aus.

Anders als damals fällt das schwache Sternenlicht aber nicht mehr auf kaum empfindliche Filme, sondern auf extrem lichtempfindliche Fotosensoren. So muss ich nur wenige Sekunden belichten, um die Milchstraße in ihrer ganzen Pracht auf dem Kameramonitor betrachten zu können.

Das Sternenmeer dort oben

Und noch zwei Dinge sind anders als vor vier Jahrzehnten: Der Himmel ist tiefschwarz, weder Straßenbeleuchtung noch Smog beeinträchtigen die Sicht. Und ich bin auf der Südhalbkugel der Erde. Nur von hier aus ist der Blick Richtung Zentrum der Milchstraße, unserer Heimatgalaxie, möglich.

Ich blicke minutenlang fasziniert in das Sternenmeer. Irgendwo dort oben kreisen vermutlich unzählige erdähnliche Planeten um die zahllosen Sterne. Ob sich dort Leben entwickeln konnte, werden wir vielleicht nie erfahren.

Um 6 Uhr beginnt die Morgendämmerung über der nahen Küstenkordillere, eineinhalb Stunden später geht die Sonne gleißend über den Bergen auf. Die Kuppeln werden geschlossen, die Astronomen gehen ins Bett. Ich setze mich auf mein Motorrad, fahre nach unten und biege nach Norden auf die Panamericana ein. Es geht weiter Richtung Peru.

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4 Leserkommentare
martinhaidegger 12.06.2018
permissiveactionlink 12.06.2018
Alf-M 12.06.2018
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