Atlanta Im Schatten der braunen Brause

Mit der herzzerreißenden Romantik des Südstaaten-Epos "Vom Winde verweht" hat Atlanta nur noch wenig gemein. Wer die Metropole besucht, trifft auf glitzernde Bürotürme und Geschäftsleute, die selbst in der größten Sommerhitze graue Anzüge tragen.


Atlanta versteht sich heute als "Business City". Ihr Selbstbewusstsein nehmen die Bewohner aus den Umsatzzahlen der örtlichen Unternehmen - nicht aus dem Erbe des alten Südens. Coca-Cola, der Fernsehsender CNN und Delta Air Lines - das sind die Namen, die zählen.

Aus der Asche auferstanden: Eine Phoenix-Figur in der Innenstadt symbolisiert den Wiederaufstieg Atlantas nach der völligen Zerstörung im amerikanischen Bürgerkrieg
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Dennoch ist Atlanta nicht nur für Geschäftsreisende ein lohnendes Ziel. Ein Abstecher in Georgias Hauptstadt - wenigstens für einen Tag - bietet sich vor allem für die vielen USA-Touristen an, die auf dem zentrumsnahen Hartsfield Atlanta International Airport zwischenlanden, bevor es gen Westen oder Norden weitergeht: Atlantas Flughafen ist zu einem Hauptdrehkreuz des US-Luftverkehrs geworden und hat mit jährlich 73,5 Millionen Passagieren sogar Chicago O'Hare als geschäftigsten Flughafen der Welt überholt.

Obwohl Atlanta mit 3,4 Millionen Einwohnern kein urbaner Zwerg ist, können die wichtigsten Sehenswürdigkeiten bequem zu Fuß erreicht werden. Über längere Distanzen hilft das gleichermaßen effektive wie saubere Nahverkehrssystem MARTA hinweg.

Politisches Zentrum Atlantas ist das State Capitol in Downtown, dessen goldene Kuppel weithin sichtbar in der Sonne glänzt. Das Parlamentsgebäude wurde in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts errichtet - und kann selbstverständlich besichtigt werden.

Schräg gegenüber des Capitols dreht sich übergroß das weltbekannte knallrote Logo: Coca-Cola. Der erstaunlichen Erfolgsgeschichte der braunen Zuckerbrause, die der Apotheker John Stith Pemberton 1886 als Kopfschmerzmittel in einem Hinterhof von Atlanta erfunden hat, ist am Martin Luther King Jr. Drive ein ganzes Museum gewidmet.

Mächtige Metropole: Atlanta, die Hauptstadt des US-Bundesstaates Georgia, hat sich zum wichtigsten Industrie- und Medienzentrum des amerikanischen Südens entwickelt
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Das täglich geöffnete Haus ruft alte Werbeplakate und Videospots in Erinnerung. Der Gag schlechthin ist aber eine Getränkebar, in der Besucher Glas für Glas die regional unterschiedlichen Geschmacksrichtungen der Coca-Cola-Familie probieren können - ein Tipp für mutige Zeitgenossen ist die asiatische Variante der Orangenlimo Fanta.

Ein paar Schritte entfernt geht es im Schatten des Brause-Museum hinab in die Unterwelt: Underground Atlanta. Der Abstieg führt in eine voll klimatisierte und klinisch reine Welt. Schicke Boutiquen und kleine Cafés beherrschen die Szenerie, die schmutzigen Eisenbahndepots, die hier einst angesiedelt waren, dienen nur noch als altmodische Kulisse.

Atlanta, das beklagt auch Brady O'Quinn vom örtlichen Fremdenverkehrsamt, geht mit seiner Vergangenheit nicht gerade zimperlich um: Was dem neuen Erfolgslook im Wege steht, wird abgerissen. Durch die Olympischen Spiele 1996 bekam der Renovierungswahn zusätzlichen Auftrieb.

Eines der wenigen Viertel in der Innenstadt, das seinen ursprünglichen Charme behalten hat, ist Sweet Auburn. Die viktorianischen Häuser waren früher der schwarzen Mittelklasse vorbehalten. Heute entdeckt auch das "weiße" Establishment den Stadtteil.

Nachgebaute Pracht: Das Swan House, das zum Geschichtszentrum Atlantas gehört, erinnert an die Zeit der reichen Plantagenbesitzer
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Schwarz und Weiß, das war in Atlanta ein weniger heikles Thema als anderswo im amerikanischen Süden. Von den schweren Rassenunruhen der sechziger Jahre ist die Stadt verschont geblieben. "Atlanta is too busy to hate" - "Atlanta ist zu beschäftigt, um zu hassen", heißt ein Spruch aus jenen Tagen.

Atlanta ist aber vor allem die Stadt, die eng mit dem Film "Vom Winde verweht" verbunden ist. Margaret Mitchell, die Autorin der Romanvorlage, ist eine Tochter der Stadt. Ihr putziges Haus im Tudor-Stil an der Ecke 10th und Peachtree Street, in dem sie einen Großteil des Werkes geschrieben hat, steht Besuchern offen.

Ein anderer berühmter Einheimischer ist Martin Luther King. 1929 als Sohn eines Predigers geboren, trat er 17-jährig in die Fußstapfen des Vaters. Auf dem Gelände seines Geburtshauses in Sweet Auburn (501 Auburn Avenue) fand King nach dem Attentat von 1968 auch seine letzte Ruhe. Ein kleines Museum nebenan zeigt Erinnerungsstücke aus dem Leben des prominenten Bürgerrechtlers.

Gastronomie und Nachtleben sind in Atlanta reichhaltig. Es soll Leute geben, die von New York eingeflogen kommen, um rund um die Peachtree Street und im Stadtteil Virginia-Highland auf die Piste zu gehen. Elton John ist einer der Prominenten, die sich in Atlanta einen zweiten Wohnsitz halten.

Vergnügungssüchtige gibt es aber auch vor Ort genug: In nur wenigen anderen Städten der USA leben so viele Singles wie in Atlanta.

Informationen:

Atlanta Convention and Visitors Bureau (ACVB), 233 Peachtree Street NE, Suite 100, Atlanta, Georgia 30303, Tel. 001/404/521 66 00, Fax: 001/404/577 32 93.
Zahlreiche Tipps zu Touren, Terminen und Gaststätten enthält das zweimonatlich erscheinende Magazin der Tourismuszentrale namens "Atlanta now".

Frank Rumpf



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