Auf der Seidenstraße durch Usbekistan Im Reich von 1001 Nacht

Samarkand, Buchara, Chiwa – schon die Namen klingen nach orientalischem Märchen. Noch heute erwarten den Besucher Usbekistans mittelalterliche Oasenstädte mit prächtigen Koranschulen und bunt schimmernden Minaretten. Nur das orientalische Leben ist weitgehend verschwunden.

Von Bärbel Schwertfeger


Markt von Samarkand: Gold und Glitzer sollen vom bösen Blick ablenken
Bärbel Schwertfeger

Markt von Samarkand: Gold und Glitzer sollen vom bösen Blick ablenken

Pyramiden von bernsteinfarbenem Kandiszucker glitzern in der Sonne. Daneben stapeln sich tellergroße, goldgelbe Brotfladen. Ein paar Schritte weiter warten Berge von Nüssen, Mandeln, Rosinen, getrockneten Aprikosen und dunkelrote Granatäpfel auf Käufer. Doch nicht nur das üppige Angebot lässt den Besucher staunen, der Bazar von Samarkand ist auch ungewohnt bunt.

Eine Melonen-Verkäuferin im bodenlangen, grün-orange geblümten Kleid feilscht mit einer jungen Frau um den Preis. Die Pailletten und üppigen Goldstickereien ihres dunkelroten Samtkleides funkeln im Sonnenlicht. Auf dem Kopf trägt sie ein silbernes Käppchen mit herunterbaumelnden Quasten. Denn Gold und Glitzer sollen vom bösen Blick ablenken. Der ist dann nämlich so geblendet, dass er den Menschen nicht trifft. Schließlich sind wir im Zentrum des einst sagenumwobenen Orients und der Stadt, in der Scheherazade ihre 1001 Geschichten erzählte.

Jahrhunderte lang schaukelten Karawanen durch das Land und transportierten Seide, Gewürze, Porzellan, Pelze, Gold und Sklaven. Die große Seidenstraße war ein Geflecht von Wegen und Pfaden, die schon 600 Jahre vor Christus Europa mit China verbanden. Knotenpunkte waren die Städte Samarkand, Buchara und Chiwa.

Timur statt Lenin

Als "schönstes Antlitz, das die Erde der Sonne je zugewandt hat" wurde Samarkand einst beschrieben. Doch statt märchenhafter Schönheit beherrschen heute marode Plattenbauten und Fabrikschlote das Stadtbild. Das heimelige Gassengewirr des Orients musste mehrspurigen Boulevards weichen und selbst der Bazar findet auf einem schmucklosen Betonplatz statt.

Fotostrecke

6  Bilder
Usbekistan: Im Reich von 1001 Nacht

Über 70 Jahre Sowjetrepublik haben ihre Spuren hinterlassen. Doch seit der Unabhängigkeit Usbekistans im Jahr 1991 blüht die Stadt auf. Neue Internet-Cafés und Restaurants eröffnen und in rustikalen Biergärten erfreuen sich die Usbeken an gegrillten Schaschlikspießen und einem kühlen Bier. Hochzeitspaare posieren unter der monumentalen Timur-Statue. Denn auf den Sockeln thront heute nicht mehr Lenin, sondern Timur Lenk.

Galt der grausame Kriegsherr vor der Unabhängigkeit noch als Unperson, ist er heute ein wichtiger Faktor im staatlich verordneten Selbstfindungsprogramm. Schließlich ist Timur nicht nur als Stammvater der Nation bekannt, sondern hielt im 14. Jahrhundert sein Riesenreich auch mit eiserner Hand zusammen. Heute hat der vom Volk gewählte Präsident Islam Karimow die Rolle des starken Mannes übernommen und herrscht autokratisch über das Land.

Großartige Bauwerke

Unter Timur erlebte auch Samarkand seine Blütezeit. Denn auf seinen Raubzügen raffte der Herrscher nicht nur kostbare Schätze an sich, sondern deportierte auch die berühmtesten Handwerker und Künstler aus Persien und Indien in sein Reich. Schließlich sollten seine Bauwerke die schönsten werden. So ließ er neben dem heutigen Bazar eine riesige Moschee für seine Lieblingsfrau Bibi Hanim bauen.

Doch während Timur auf Kriegszügen sein Reich ausdehnte, verliebte sich sein Baumeister in Bibi und raubte ihr einen Kuss. Als der gehörnte Ehemann davon erfuhr, befahl er, seine Frau vom Minarett zu stürzen - eine der damals üblichen Hinrichtungsarten. Aber Bibi hatte noch einen Wunsch frei und durfte in all ihren Seidengewändern sterben. Und als die untreue Ehefrau dann vom Minarett gestoßen wurde, blähten sich ihre vielen Kleider auf und sie landete sanft wie eine Feder. So sei die Fallschirmseide erfunden worden, sagt die Legende.

Während die Moschee von Bibi heute weitgehend zerfallen ist, zeugt der wieder aufgebaute Registan noch von der alten Pracht. Der von drei Koranschulen, den Medresen, umrahmte Platz ist das bekannteste Symbol Usbekistans. Jedes der drei Portale der Koranschulen ist ein Kunstwerk, verziert mit einem Geflecht von geometrischen Formen und Blumenmustern in Blau, Türkis und Lila und mit kunstvollen, in äußerst komplizierten Prozessen hergestellten Keramikglasuren.

Heute kann man die filigranen Muster auf einem Seidenteppich mit nach Hause nehmen. 450 Mädchen und Frauen arbeiten in der Teppichfabrik Samarkand-Buxoro Ipak Gilami am Stadtrand. Neun Monate knüpfen sie jeweils zu dritt an einem zwei Quadratmeter großen Teppich. 50 bis 90 Euro pro Monat verdienen sie, zwei Euro pro Quadratzentimeter. "Das ist dreimal so viel wie ein Arzt", erzählt Besitzer Abdullah stolz. Dafür kostet der Quadratmeter auch 800 Euro. Kein Wunder, dass die meisten Teppiche exportiert werden.

Doch Erfolgsgeschichten wie diese gibt es bisher wenige. Die Mehrheit der Usbeken lebt in Armut und das obwohl das Land über immense Öl- und Gasvorkommen verfügt. 90 Prozent des Nationaleinkommens stammt aus dem Anbau von Baumwolle. Usbekistan liefert zehn Prozent der Weltproduktion. Doch die Baumwolle, einst von der sowjetischen Planwirtschaft als gigantische Monokultur forciert, ist dem Land inzwischen zum Verhängnis geworden. Um die trockene Steppe in riesige Baumwollplantagen zu verwandeln, wurde das Wasser der beiden Flüsse Amu Darya und Syr Darya abgezapft. Heute sind die Lebensadern Zentralasiens so geschwächt, dass sie den Aralsee nicht mehr erreichen. Der See trocknet aus, eine Umweltkatastrophe gigantischen Ausmaßes.

Blitzsaubere Altstadt

Fünf Stunden dauert die Fahrt mit dem Zug von Samarkand nach Buchara. Gemächlich tuckert der von dem deutschen Veranstalter Lernidee Reisen gecharterte Sonderzug durch die endlosen Baumwollfelder. Sobald die Bewässerung aufhört, macht sich die trostlose Steinwüste Kisilkum breit. Schnell ist die Reise auf den Schienen zwar nicht, aber dafür erspart sie den Besuchern die häufigen Straßensperren und Polizeikontrollen, mit denen sich Autofahrer in dem zentralasiatischen Staat herumschlagen müssen.

Registan in Samarkand: Der von drei Koranschulen umrahmte Platz ist das bekannteste Symbol Usbekistan
Bärbel Schwertfeger

Registan in Samarkand: Der von drei Koranschulen umrahmte Platz ist das bekannteste Symbol Usbekistan

Auch Buchara - eine der sieben heiligen Städte des Islam - lag einst mitten in der Wüste. Zu ihrem 2500. Geburtstag vor sieben Jahren wurde die Altstadt komplett restauriert. Unter den Kuppeln des einstigen Bazars, wo sich die Handelswege kreuzten, bieten heute Souvenirhändler ihre Waren an: kunstvoll verzierte Silberwaren, goldbestickte Mäntel, bunte Seidenschals und die berühmten Teppiche. In den Innenhöfen der ehemaligen Medresen und Karawansereien werden heute für Touristen Messingteller gehämmert, Miniaturbilder gemalt und Seidenstoffe gewebt.

Nur das orientalische Leben sucht man vergebens. Kein Gedränge, kein Gefeilsche und kein Dreck. Die ganze Altstadt ist blitzblank gekehrt. Allenfalls am Lyabi Khaus, dem zentralen Platz Alt-Bucharas, gibt es noch einen Rest von Orient-Flair. Um das Wasserbassin, das früher als Trinkwasserspeicher diente, laden Teehäuser zur Pause ein. Im Schatten uralter knorriger Maulbeerbäume sitzen bärtige Männer auf bettähnlichen Gestellen beim Dominospiel.

Ein bisschen wie in einem Freiluftmuseum wähnt sich der Besucher auch im 400 Kilometer entfernten Chiwa. Gewaltige Lehmmauern umschließen die mittelalterliche Oasenstadt. Ein paar Touristen schlendern durch die Straßen und Gassen und bewundern die 64 Medresen und Paläste. Am schönsten ist der Blick von den Mauern der alten Festung auf das Ensemble aus Braun und Blau mit dem berühmten Kalta-Menar-Minarett. Der dicke, mit bunten Keramikkacheln verzierte, 28 Meter hohe Stumpen sollte einst das höchste Minarett der Gegend werden und den Karawanen wie ein Leuchtturm den Weg weisen. Doch dann lockte der Herrscher von Buchara den Baumeister mit einem besseren Angebot. Das Minarett blieb unvollendet - und es gab eine weitere Legende im Reich von 1001 Nacht.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.