Auf Mma Ramotswes Spuren Der Fall Gaborone

Vom Ausland fast unbemerkt, hat sich Gaborone in vier Jahrzehnten vom Dorf zur reichen Metropole entwickelt. Außerhalb Botswanas ist der Regierungssitz aber allenfalls Lesern einer weltweit erfolgreichen Krimi-Reihe bekannt. Hauptfigur: die fiktive Detektivin Mma Ramotswe.


Es ist eine Frau, wegen der ich nach Gaborone gekommen bin: Precious Ramotswe, Ende dreißig und traditionell gebaut, wie es hier heißt. Man könnte auch sagen – eher dick. Wie alle Frauen Botswanas wird sie respektvoll mit "Mma" angesprochen, langes "M", kurzes "a". Mma Ramotswe besitzt einen kleinen Lieferwagen und eine Wohnung in der Stadt. Sie mag keine übertriebene Eile und ebenso wenig die "bohnenstangenartigen Wesen aus der Werbung". Dafür hält sie viel von gegenseitiger Achtung, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft – kurz: von botho, den alten botswanischen Werten.

Mma Ramotswe ist die Chefin der einzigen Detektei des Landes, der "No. 1 Ladies’ Detective Agency". Es sind keine spektakulären Fälle, die sie untersucht. Das Böse tarnt sich ihr gegenüber als untreuer Ehemann, gierige Haushälterin oder Dieb; als Mensch eben, dem es an botho mangelt.

Natürlich war mir vor meiner Abreise klar, dass ich Mma Ramotswe nicht begegnen würde – sie und ihre Detektei entspringen der Fantasie des schottischen Schriftstellers Alexander McCall Smith, der lange in Botswana gelebt hat. Bereits in neun Bänden ermittelt seine Detektivin, mit weltweitem Erfolg.

Aber mag die Figur auch erfunden sein, die Stadt, in der sie leben und arbeiten soll, ist es nicht. Und auf sie hatte ich Lust bekommen. Auf das Gaborone, in dem junge Frauen um den Titel "Miss Viehwirtschaft" kämpfen, während die älteren auf der Straße palavern, als seien sie "noch im Busch unterwegs". Auf das Gaborone, wo "der Holzrauch morgendlicher Feuer den Appetit anregt". Und das "von Kuhglocken aus dem Radio" geweckt wird.

Ich bin am frühen Morgen angekommen, und tatsächlich sehe ich die erste Kuh bereits auf der Fahrt vom Flughafen. Doch etwas irritiert mich: die riesige Glasfassade der "Diamond Trading Company Botswana", in der sich das Tier mit großen Augen spiegelt. Ein Zaun hält es allerdings davon ab, über den akkurat gestutzten Rasen zu spazieren. Aber Gaborone ist kein Kuhdorf. Schnell wird klar: Es ist eine moderne afrikanische Metropole.

Diamanten brachten die Moderne

Auf den asphaltierten Straßen fahren große Autos, keines älter als zwei Euter, schätze ich – nicht älter also als acht Jahre. In Zitzen und Eutern zählte man hier, als die nach dem Stammeshäuptling Kgosi Gaborone benannte Stadt noch eine Bahnstation an der Grenze zu Südafrika war. Erst 1966 wurde das 1000-Seelen-Dorf Regierungssitz, hauptsächlich, weil hier die Versorgung mit Wasser sicher erschien. Aber dann, nur ein Jahr später, entdeckten Prospektoren Diamanten im Norden des Landes, und Gaborone entwickelte sich zu einer der am schnellsten wachsenden Hauptstädte der Welt. Wo die Planer einst mit 20.000 Einwohnern rechneten, leben rund vier Jahrzehnte später zehn Mal so viele.

Sie arbeiten in glänzenden Bürotürmen und Einkaufscentern. In rasantem Tempo sind Bauten wie "The Square" oder "Kgale Mall" entstanden. Eine nicht unbedingt schöne, aber beeindruckende Welt aus Glas und Granit, marmornen Portalen und hallengroßen Lobbys. Finanzdienstleister haben sich in ihr eingerichtet, Konferenzmanager, Behörden, internationale Organisationen. Wer Bonn oder Brasilia mag, wird Gaborone lieben.

Aber noch immer liegt zwischen den Gebäuden einer der kostbarsten Rohstoffe – unberührtes Land. Fast verschwenderisch wird mit ihm umgegangen, grenzen bebaute Grundstücke an riesige überwucherte Flächen. So wächst Gaborone wie ein Flickenteppich in die Breite, und nichts wirkt maßlos oder gar erdrückend. Wie eine optische Täuschung staucht der Himmel selbst 20 Stockwerke hohe Türme auf weitaus bescheidenere Höhe.

Von Mma Ramotswes Welt fehlt jede Spur

Aber wo ist die Stadt, in der das "Vieh nach Hause schritt" und vor deren Hütten Feuer brennen, die "knisterten und glühten für das Abendessen"? Wo sind die kleinen, mit Lehmmauern umgebenen Häuschen? Zwar finde ich die traditionellen Rundhütten mit Dächern aus Schilf – aber es sind private Grillplätze oder originelle Außenklos.

Auch moderne Einfamilienhäuser mit Klinkern und Satellitenantenne sehe ich. Und Grundstücke, die kleinen Festungen gleichen: hinter Betonmauern gelegen, die mit Glasscherben und Elektrozäunen versehen sind. Ich frage mich, vor wem sie schützen sollen? Sogar Polizisten patrouillieren in dieser Stadt ohne Pistole, und selbst in dunklen Nächten werde ich ohne Angst durch menschenleere Straßen gehen. Nicht einmal in Old Naledi erhöht sich mein Pulsschlag, dabei ist dieses Viertel offiziell ein Slum.

Statt Elend finde ich jedoch eine Klinik, eine Grundschule und einen gepflegten Park. Die Häuser sind aus verputztem Lehm, fast alle verfügen über eine Wasserleitung. Und wer die 500 Pula (rund 50 Euro) Eigenbeteiligung für die Abwasserrohre nicht aufbringen kann, dem gräbt der Staat ein Loch fürs Plumpsklo, kostenlos.


Mehrere Milliarden Dollar hat Botswana bislang mit seinen Diamanten erwirtschaftet und sich davon einen in Afrika beispiellosen Wohlfahrtsstaat geleistet: mit kostenlosem Schulbesuch, Zuschüssen für Mieten und Krankenversicherungen und Förderprogrammen für fast jeden, der will – ob Schüler oder Rentner. Vor allem Gaborone profitiert davon, und je länger ich hier bin, desto überraschter bin ich. Auch wenn mich Mma Ramotswe, die clevere Detektivin, offenbar auf eine falsche Fährte geführt hat. Denn von ihr und ihrer Welt fehlt mir noch jede Spur.



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