Schnabeltier-Watching in Australien Vorne Donald Duck, hinten Biber

Selbst Darwin war von dem Anblick überfordert: Das Schnabeltier lebt nur in Australien und zählt zu den seltsamsten Lebewesen des Planeten. Im Nordosten des Landes begeben sich Touristen auf "Platypus"-Pirsch. Nicht alle stellen sich dabei klug an.

REUTERS

Von Knut Diers


Sex zwischen verschiedenen Tierarten muss es schon früh in der Evolution gegeben haben. Jedenfalls erzählen sich die Aborigines im Bundesstaat Queensland Geschichten, die so beginnen: "Als einst im Wald ein Entenweibchen ein Schwimmrattenmännchen traf..." Sie glauben, dass so das Schnabeltier entstanden ist, und eigentlich klingt das ganz plausibel. Vorne Donald Duck, hinten Biberschwanz und dazwischen 45 Zentimeter Fell - selbst für australische Verhältnisse (Ameisenigel! Kängurus!) sind Schnabeltiere hochgradig sonderbare Gestalten.

Und ziemlich scheu. Der Platypus, wie sie ihn hier nennen, lebt unter Wasser, muss aber alle zehn Minuten an die Oberfläche. Nimmt er Lärm und Erschütterungen wahr, hält er jedoch lieber die Luft an.

Zum Beispiel, wenn im Morgengrauen Dutzende Menschen auf einer Aussichtsplattform stehen und ständig noch jemand etwas mitzuteilen hat. Am Broken River Mountain Retreat, einer Lodge im Eungella-Nationalpark, rund 80 Kilometer westlich der Hafenstadt Mackay, halten sie ihre Kameras im Anschlag. Es ist sechs Uhr, Kleinkinder mit Schnuller stieren genauso ins flache Wasser wie ältere Damen und massige Männer.

George, der Ranger, hält den Zeigefinger senkrecht vor seinen weißen Vollbart. Ruhe jetzt! Schnabeltiere spüren feinste Vibrationen. Angie, eine 23 Jahre alte Urlauberin, entfernt sich mit George von der Gruppe und geht etwas weiter flussabwärts. "Da ist es wirklich still", sagt sie noch, danach kommuniziert sie nur noch per Körpersprache mit George.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts

Auf rund 600 Quadratkilometern breitet sich der 1936 eingerichtete Nationalpark in den bis zu 1200 Meter hohen Bergen der Clarke Range im Nordosten Australiens aus. Hier oben um Eungella (gesprochen: Jangela) fallen rund 2000 Millimeter Regen im Jahr (zum Vergleich: In Hamburg sind es 773 Millimeter). Es ist zwar subtropisch warm, aber bei den Wolken, die die Sonne oft nicht auflösen kann, heute Morgen nur 20 Grad. Die Eingeborenen nannten die Berge daher Eungella - "Land der Wolken".

"Nessie im Nebel", ruft Siegfried, einer der Schaulustigen auf der Plattform. "Ick säh nüscht." Kein Wunder, so laut wie der hier rumbrüllt. George erzählt später, er habe das Stimmengewirr der Gruppe noch 200 Meter weiter gehört.

Denis, ein 60-jähriger Australier, der im nahen Mountain Retreat arbeitet, nutzt die Unruhe für ein paar Erklärungen. Das Schnabeltier habe Elektrorezeptoren, die selbst schwächste elektrische Felder fühlen können. So spürt das Tier Krabben, Würmer und Insektenlarven anhand derer Muskelbewegungen auf. "Das Tollste", sagt Denis, "ist ihre Fähigkeit, die Zeit zu messen zwischen Elektroimpuls aus den Muskeln der Beute und den folgenden kleinsten Wellenbewegungen." Die kann das Tier mit Tastkörperchen spüren und die Beute orten.

Würmer und Riesenwanzen lässt es dann punktgenau in seinen Schnabel driften, füllt sich die Backentaschen und frisst an der Wasseroberfläche, wenn der Mund gespült wurde. "So etwas ist einmalig in der Tierwelt", sagt Denis stolz, er klingt ein bisschen so, als hätte er das ulkige Geschöpf selbst konzipiert.

Zwei Schöpfer am Werk?

Schon der Forscher Charles Darwin, seinerzeit weltführender Experte für sonderbare Lebewesen, kam aus dem Staunen kaum heraus, als er das eierlegende Säugetier zum ersten Mal sah. 1836 notierte er in seinem Tagebuch: "Gewiss müssen hier zwei verschiedene Schöpfer am Werk gewesen sein." Andere behaupten, das Schnabeltier sei der verkörperte Beweis dafür, dass der liebe Gott auch Humor habe.

Denis sagt noch: "Die Chance, eines der Tiere zu sehen, liegt hier oben im Eungella-Nationalpark bei 90 Prozent." Dann bittet er wieder um Ruhe. Die Anwesenden stieren aufs dunkle Wasser des Broken River.

Dem Platypus ist der Besucherandrang offenbar zu viel. Er mag sich nicht öffentlich zeigen. Die enttäuschten Zuschauer mögen nun auch nicht mehr. "Ich gehe frühstücken, es ist ja schon halb acht", sagt eine Frau mit großer Handtasche. "Ich habe ja ein Bild von dem Tier über meinem Bett im Hotelzimmer hängen", tröstet sich Siegfried.

Wie ein Urzeitwesen

Ein paar hundert Meter weiter haben die weniger lauten Beobachter mehr Glück. "Jetzt", flüstert Angie und starrt aufs Wasser. Kleine Wellen breiten sich ringförmig aus. Dann steigen Blasen auf. Schließlich schiebt sich ein breiter Schnabel aus dem Wasser.

Mit dem Fernglas kann Angie die Nasenlöcher vorn im Schnabel sehen, die offenen Augen, die unter Wasser geschlossen bleiben, und das dichte Fell. "Schnell die Kamera", flüstert George. Doch Angie starrt das Tier an, als sei es ein Fabelwesen aus der Urzeit. Geräuschlos schiebt sich das Tier etwa fünf Sekunden über die Wasseroberfläche. Dann taucht es ab. Angie hatte keine Zeit für ein Beweisfoto.

In Form von Schmusetieren oder sogar als menschengroßes Fell-Kleidungsstück tritt das Schnabeltier in Souvenirshops in Erscheinung. Wer es in echt sehen will, hat beispielsweise auch am Pioneer River bei Mackay beste Gelegenheiten dafür. "Lass uns wandern und noch mehr Platypus finden", schlägt Angie vor. Hier beginnt der 56 Kilometer lange Mackay Highlands Great Walk.

Orchideen, Teakbäume, Riesenpalmen und Würgefeigen säumen die ersten Kilometer. Und was ist das? Plötzlich sind kleine, konzentrische Wellen im flachen Fluss zu sehen. Ein Körper nähert sich der Wasseroberfläche. Dann schiebt sich ein Schnabel aus dem Wasser. Angie unterdrückt einen Aufschrei. Diesmal kriegt sie ihr Foto, sie strahlt vor Glück.

Ranger George nimmt die erneute Sichtung erheblich gelassener: "Spätestens alle zehn Minuten muss das Schnabeltier ja Luft holen", sagt er.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Olaf 20.12.2013
1.
Zitat von sysopREUTERSSelbst Darwin war von dem Anblick überfordert: Das Schnabeltier lebt nur in Australien und zählt zu den seltsamsten Lebewesen des Planeten. Im Nordosten des Landes begeben sich Touristen auf "Platypus"-Pirsch. Nicht alle stellen sich dabei klug an. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/australien-schnabeltiere-im-eungella-nationalpark-queensland-a-940053.html
Erwähnen sollte man noch, dass Schnabeltiere giftig sind. Die Männchen haben an den Hinterbeinen einen Giftsporn, der für Menschen zwar meist nicht tödlich aber sehr Schmerzhaft über einen langen Zeitraum ist. Eine weitere Seltsamkeit an diesem Tier.
westenmax 20.12.2013
2. hartnäckige Säugetiere
Seltsam, dass so eine große Bandbreite an Säugetieren das Aussterbeereignis am Ende der Kreidezeit überlebt hatten. Es gibt uns moderne höheren Säugetiere, dann die Beutelsäuger und dann auch noch die eierlegenden Kloakentiere. Im Prinzip haben sich anscheinend alle Klassen an Säugetieren erhalten, während die Dinosaurier und Meeresechsen alle oder größtenteils zugrunde gegangen sind. Erstaunlich, wie widerstandsfähig wir waren. Nur die Reptilien haben mit uns in etwa demgleichen Ausmaß mitgehalten.
aueronline.eu 20.12.2013
3. der Bieber ist ein hinten ganz Säugetier.
Das Schnabeltier jedoch ist ein kloakentier. Das finde ich das eigentlich verblüffende. Die kloake scheint entwicklungsphysiologisch sehr alt zu sein. Säugetiere sind recht jung.
pommbaer123 20.12.2013
4.
Auch erwähnenswert : Es ist das einzige Tier das eier legt und trotzdem säugt. Somit ist es keiner Gruppe klar zuzuordnen.
drsven 20.12.2013
5. Säuger sind nicht so jung ...
Zitat von aueronline.euDas Schnabeltier jedoch ist ein kloakentier. Das finde ich das eigentlich verblüffende. Die kloake scheint entwicklungsphysiologisch sehr alt zu sein. Säugetiere sind recht jung.
... wie man denkt. Sie entwickelten sich aus den synapsiden Reptilien (ich nehme an, die hatten auch eine Kloake) parallel zu den Dinosauriern, also es gab sie schon vor etwa 270 Mio Jahren. Sie waren halt nur immer sehr klein und konnten sich aufgrund der Dominanz der Dinos nicht recht entfalten, bis das große Aussterben vor 65 Mio Jahren begann.
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