Deutsche Winzer in Kanada Rüdesheim am Okanagansee

Deutsche Pionierarbeit in British Columbia: Eine Friseurin aus Rostock produziert Spitzenweine, ein schwäbischer Schreiner einen der besten Schnäpse der Welt. Genug Geld zum Leben verdient damit allerdings nur einer der beiden Auswanderer.

Bärbel Schwertfeger

Von Bärbel Schwertfeger


Knallblauer Himmel, rundherum Weinberge und tief unten funkelt der blaue Okanagansee. Fast fühlt man sich wie an den Gardasee in Italien versetzt. Zufrieden genießt Trudy Heiss, Besitzerin der "Gray Monk Winery", den Ausblick von der Terrasse ihres Restaurants. Dass die gebürtige Rostockerin heute eine der besten Weinkellereien im Süden von British Columbia betreibt, hätte sie sich auch nicht erträumt.

1952 wanderte die Friseurin nach Edmonton in der Provinz Alberta aus. Dort lernte sie ihren Mann George kennen, ebenfalls ein Deutscher und Friseur. 1971 zogen die beiden ins Okanagan Valley und begannen mit dem Weinanbau. 50 Rebstöcke hatten sie damals, importiert aus Frankreich.

Mehr als 40 Hektar mit über 60.000 Rebstöcken bewirtschaften die beiden Deutschen und haben inzwischen unzählige Preise und Auszeichnungen für ihre Weine gewonnen. "Wir liegen hier auf demselben Breitengrad wie Rüdesheim", erklärt die 71-jährige Heiss und beschreibt die Vorzüge des milden Mikroklimas: viel Sonne, trockene Luft und daher kaum Ungeziefer sowie genug Wasser aus dem See.

Einst bedeckten Gletscher das Gebiet und schufen mehrere schmale und teils sehr tiefe Seen. Rund 135 Kilometer lang und nur bis zu fünf Kilometer breit schlängelt sich der Okanagansee gen Süden bis fast an die Grenze zu den USA. Die Bewohner entlang des Sees leben vom Wein- und Obstanbau und vor allem vom Fremdenverkehr. Für Kanadier und US-Amerikaner ist das Okanagan-Gebiet ein beliebtes Ferienziel. Es gibt mehr als 30 Golfplätze und die Seen locken zum Bootfahren, Surfen, Fischen und Baden. Der Osooyos-See ganz im Süden gilt mit durchschnittlich 24 Grad Celsius im Sommer als der wärmste See Kanadas.

Rundherum ist die Landschaft wüstenartig - es gibt hier Kakteen, Kojoten und Klapperschlangen. Nur wo die Felder bewässert werden, gedeihen Obst und Wein. Überall an der Straße werden sonnengereifte Früchte und selbstgemachte Marmelade angeboten - rotbackige Äpfel, saftige Pflaumen und herzförmige Kirschen wie aus dem Bilderbuch.

Rund 200 Weinkellereien gibt es inzwischen im Okanagan-Gebiet. Dass das Grapewine-Restaurant der "Gray Monk"-Kellerei dabei zu den beliebtesten gehört, liegt auch an dem deutschen Chefkoch Willi Franz. 2011 wurde der Sohn eines Gastwirts, der seine Karriere in der Würzburger Hofkellerei begann, von der Canadian Culinary Federation of Chefs & Cooks sogar zum besten kanadischen Chefkoch des Jahres gekürt.

Prosecco für British Columbia

"Trudy und George haben es geschafft", sagt Bernd Schales anerkennend. 2003 wanderte der deutsche Winzer mit seiner Frau Stefanie nach Kanada aus, um Wein zu produzieren. Schaler gehört zur achten Generation einer Winzer-Familie in Flörsheim-Dalsheim in Rheinhessen, die schon seit 1783 Wein keltert. Er selbst hat bereits in Weinkellereien in Neuseeland und Südafrika gearbeitet, bevor er sich dafür entschied, in British Columbia sein Glück zu versuchen.

Anfangs wollten die beiden nur einen kleinen Weinberg bewirtschaften und die Trauben verkaufen. Er wollte als Berater in der noch jungen Weinindustrie arbeiten. "Hier gibt es etliche Reiche, die Geld mit Öl und Goldminen gemacht haben und sich nun bei einem eigenen Weinberg selbst verwirklichen wollen", erzählt Schales, der heute mit seiner Frau und seinen drei Kindern in einem Designer-Holzhaus inmitten seiner Weinberge lebt.

2007 kauften sie dann vier Hektar Land und beantragten eine Lizenz zur Weinproduktion. Heute produzieren sie Riesling, Grauburgunder, Chardonnay, Schwarzriesling und Merlot. 60 Prozent ihrer Wein verkaufen sie in ihrem Laden an der Straße, der Rest wird in Vancouver über Fachhandel und Restaurants verkauft.

Vor drei Jahren produzierten sie aus Chardonnay den ersten richtigen Prosecco in British Columbia. Ausrüstung und Flaschen musste Schales aus Deutschland und Italien importieren. "Das war viel Arbeit und hat viel gekostet", sagt der Winzer. Wirtschaftlich seien sie inzwischen erfolgreich. Aber die letzten acht Jahre seien auch sehr hart gewesen. "Das schafft nicht jeder", sagt Schales.

Staat, Steuer und Schnaps

Dass es Kanada-Pionieren nicht immer einfach macht, erlebte auch Jörg Engel. 2001 kam er aus Deutschland als Schreiner nach Kanada. Als er damals durch die Obstplantagen ging und das ganze Fallobst sah, blutete dem Schwaben das Herz. "Ich habe mich gefragt, warum es hier keine Schnapsbrennerei gibt", erzählt er. Engel importierte eine Brennereianlage aus Eislingen an der Fils, gründete Maple Leaf Spirit und beantragte eine staatliche Lizenz. Es dauerte fünf Jahre, bis er sie bekam.

Seit 2006 darf er Obstschnäpse brennen. Doch sobald das Produkt in der Flasche ist, gehört es dem Staat und der verlangt so viel Steuern, dass sich der Verkauf in seinem Laden nicht lohnt. Bei einem Preis von 39 kanadischen Dollar blieben ihm vielleicht sechs Dollar übrig, und davon müsse er noch die Arbeitszeit und das Material bezahlen, erzählt Engel.

Noch absurder ist es, wenn er eine Flasche Schnaps an ein Restaurant um die Ecke verkaufen möchte. Das muss die Flasche dann beim Liquor Distribution Board im 440 Kilometer entfernten Vancouver bestellen. Engel muss die Flasche dorthin schicken und von dort wird sie zurück an einen Regierungsladen in der Nähe des Restaurants verfrachtet.

Engels Schnaps gehört inzwischen zu den besten weltweit. Weil der Selfmade-Brenner wissen wollte, wie gut seine Edelbrände sind, fuhr er 2008 nach Salzburg zur Destillata, der weltweit größten Schnapsverköstigung. 1680 Produkte wurden dort zur Prämierung eingereicht. Engel kam mit fünf Medaillen zurück, darunter mit der Goldmedaille für seinen Grappa "Skinny Pinot Noir". "Seitdem weiß ich, dass ich mich nicht verstecken brauche", erzählt er stolz.



insgesamt 5 Beiträge
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Herr Hold 22.08.2012
1. Staatsschrei
Zitat von sysopBärbel Schwertfeger Deutsche Pionierarbeit in British Columbia: Eine Friseurin aus Rostock produziert Spitzenweine, ein schwäbischer Schreiner einen der besten Schnäpse der Welt. Genug Geld zum Leben verdient damit allerdings nur einer der beiden Auswanderer. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,851259,00.html
Ja, so kann es auch enden. Ein schönes Negativ-Beispiel für diejenigen, die immer danach schreien, alles den " gierigen Privathänden zu entreissen" und zu verstaatlichen.Ist auch nicht wirlich besser.
jomaelliee 22.08.2012
2. Juhu....
.... am Sonntag werd ich dort sein *freu* - superschöne Gegend dort!!!
scutie 22.08.2012
3. Warum wohl ist Alkohol in Kanada teuer??
Ich höre aus dem Artikel zwischen den Zeilen heraus, dass der Autor denkt: die Besteuerung und Regulierung von Alkohol in Kanada sei zu hoch. Wer einmal in Calgary, Saskatoon, Edmonton, Vancouver, Winnipeg usw. durch die Straßen gegangen ist, der weiß, dass die verarmten Indigenen, die First Nations oft dem "Feuerwasser" anhängen. Was sollen sie auch sonst tun, nachdem man ihnen das Land und die ökonomische Lebensgrundlage weggenommen und sie in die Sozialhilfe gezwungen hat? Nun wird eine restriktive Alkoholpolitik das Problem nicht lösen, der kanadische Missstand wird hier aber sichtbar, und wenn man von Weinanbau auf altem Indianerland spricht, sollte man sich dessen bewusst sein.
WhamO 23.08.2012
4. Da muss ich mich doch fragen...
Wieso macht sich der gute Mann nicht vorher schlau? Dass Kanada in Sachen Alkohol sehr restriktiv ist, weiß jeder, der dort mal Urlaub gemacht hat. Wenn ich dort eine Existenz gründen will, informiere ich mich doch erst mal. Ansonsten: Das Okanagan Valley ist wirklich ein wunderschöner Ort, und auch eine nette Abwechslung, wenn man vorher wochenlang durch Yukon und BC getourt ist. (Was nicht heißen soll, dass es da nicht auch schön ist - im Gegenteil)
_oscar_ 24.08.2012
5.
"fuhr er 2008 nach Salzburg zur Destillata, der weltweit größten Schnapsverköstigung." Ich hoffe, man hat die Schnäpse dort gut verköstigt, da sie ja sicher sehr hungrig waren... Oder war eine Verkostung gemeint ?
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