Von Bärbel Schwertfeger
Jeden Morgen um sechs Uhr klopft Saditha an der Zimmertür. Mit einem schüchternen Lächeln überreicht die Inderin dem Gast seine Morgenmedizin, meist einen kleinen Becher mit einem bitteren Kräutertrunk. Damit beginnt der Tag im Rajah Island Resort im südindischen Kerala. Auf der kleinen Palmeninsel in den Backwaters, einem riesigen Labyrinth von Wasserwegen, Seen und Lagunen, treffen sich Ayurveda-Anhänger aus aller Welt.
Rosmarie aus Deutschland, Karin aus Schweden, Achmed aus Katar und Sharon aus den USA gönnen sich hier eine Auszeit vom Alltagsstress und kurieren ihre gesundheitlichen Beschwerden. Viele waren schon einmal hier und wissen, was sie erwartet: ein strikter Tagesablauf mit intensiven Behandlungen, viel Kräutermedizin und jeder Menge Ruhe. Denn auch wenn die Insel nur ein paar hundert Meter vom Festland entfernt ist, könnte der Abstand zur Zivilisation kaum größer sein. Keine Autos, kein Gedränge, stattdessen Vogelgezwitscher und tropische Idylle.
Das an einem weitläufigen Strand liegende Rajah Island Resort nennt sich bewusst "Krankenhaus". Schließlich steht hier nicht die pure Entspannung im Vordergrund, sondern eine authentische Ayurveda-Kur. Neben Pulvermassagen, Schwitzbädern, Einläufen und Stirngüssen bekommt der Gast hier eine Reihe von Kräuterpräparaten verabreicht: Pillen, Pasten, Pulver.
Der Begriff Ayurveda stammt aus dem Sanskrit, der alten Hochsprache Indiens. Ayus steht für Leben, Veda für Wissenschaft. Ayurveda wird daher häufig als die "Wissenschaft vom langen Leben" übersetzt. Ziel der mehrere tausend Jahre alten Gesundheitslehre ist es, sein Leben bis ins hohe Alter in möglichst guter körperlicher und geistiger Verfassung zu verbringen.
Urlaub mit Vata, Pitta und Kapha
Ayurveda beruht auf der Annahme, dass der Mensch von den drei Bioenergien Vata, Pitta und Kapha gesteuert wird. Diese sogenannten Doshas bestimmen die gesamten körperlichen und seelischen Vorgänge. Jeder Mensch verfügt dabei über eine individuelle Dosha-Konstitution, die durch Stress, falsche Lebensweise und Ernährung gestört wird. Die Folgen sind Gesundheitsprobleme oder sogar ernsthafte Krankheiten.
Ziel ist, das Ungleichgewicht zu beseitigen und das Immunsystem zu stärken. Deshalb eignet sich Ayurveda eigentlich in erster Linie für gesunde Menschen. Aber auch bei der Behandlung zahlreicher Krankheiten wie Arthritis, Bluthochdruck, Diabetes, Hauterkrankungen oder Rheuma kann die indische Heilkunde Erfolge nachweisen.
Wesentlicher Bestandteil einer Kur sind die Kräuterpräparate, die oftmals in sehr aufwendigen Prozessen nach uralten Rezepturen zubereitet werden. Im Rajah Island Resort nutzt man zum Großteil Mixturen aus eigener Herstellung. Das Haus gehört zur Rajah-Gruppe, einem Mischkonzern, der Kacheln und Tee produziert, eine Schule und ein Krankenhaus betreibt und zudem Ayurveda-Medizin herstellt. Die hat einen guten Ruf und wird mittlerweile nicht nur in den drei eigenen Ayurveda-Resorts genutzt, sondern auch an andere Krankenhäuser und Ärzte vor allem in Indien verkauft.
Dampfschwaden in der Hexenküche
"Wir stellen 30 verschiedene Präparate her", sagt Doktor Meera. "Alle nach den alten, traditionellen Rezepturen." Die Ayurveda-Ärztin leitet die Produktion in der Fabrik. Sie befindet sich 30 Kilometer weiter nördlich vom Rajah Island Resort, im Rajah Healthy Acres. Die Gebäude, in denen Massageöle und Abkochungen gebraut werden, liegen inmitten einer weitläufigen Kautschuk-Plantage.
Im Hof sind verschiedene Wurzeln und Rinden zum Trocknen auf Plastikplanen ausgebreitet. Ein paar Meter weiter hacken Frauen die getrockneten Wurzeln von Vetiver, das für verschiedene medizinische Zwecke verwendet wird. Das tropische Gras ist auch Bestandteil des rosafarbenen Herbal Water, das im Rajah Island Resort täglich frisch gekocht wird und reinigend wirken soll. "Jede Palette wird von uns sorgfältig überprüft", sagt die Ayurveda-Ärztin in ihrem Labor. In einem Regal stehen mehr als hundert Gläser mit Blättern, Kernen, Nüssen und Gewürzen - sie geben einen Einblick in die Komplexität der Heilkunde.
Wichtiger Bestandteil der meisten Präparate sind die sogenannten Dekokte. Dabei werden Kräuter mit viel Wasser auf kleiner Flamme so lange gekocht, bis drei Viertel des Wassers verdampft sind. "Für 100 Kilo Rohmaterial nehmen wir 1600 Liter Wasser und kochen es herunter bis auf 400 Liter", erklärt Meera. Zwei bis drei Tage brodelt die Brühe dann in überdimensionalen Metalltöpfen über einem offenen Holzfeuer vor sich hin. Der Raum erinnert an eine Hexenküche. Wände und Boden sind schwarz vom Ruß. Nur wenig Tageslicht dringt durch die vergitterten Fenster. Dampfschwaden ziehen durch die Luft. Es ist heiß und stickig.
Massage mit Butterschmalz
Ist das Dekokt fertig, wird es gefiltert und in Flaschen abgefüllt. Die Abkochungen sind auch wichtiger Bestandteil der Massageöle. Je nach Verwendungszweck werden sie mit Sesam- oder Kokosöl, Senf-, Rizinusöl oder Butterschmalz - dem sogenannten Ghee - vermischt und erneut tagelang gekocht. Das ist Aufgabe von Prabhakaran. Mit einem Holzstab rührt er das Öl in einer überdimensionalen Metallschale. "Wir wechseln uns ab", erzählt der 45-Jährige, der zusammen mit 150 anderen Indern seit zweieinhalb Jahren in der Fabrik arbeitet.
Ein paar Meter neben ihm pressen zwei Kollegen mit einer vorsintflutlichen Eisenpresse Öl in einem Topf. "Das ist für Arthritis und bei Gelenkproblemen", erklärt Doktor Meera. 101 Tage müsse man dem Öl jeden Tag etwas von einem speziellen Dekokt hinzufügen, um so seine Wirkung zu verstärken.
Die aufwendig hergestellten Öle sind es auch, die echte Ayurveda-Massagen von Wellness in normalen Spas unterscheiden. "Bei Hautproblemen nimmt man als Basis Kokosnuss, bei Gelenkschmerzen Sesamöl oder Ghee", erklärt Doktor Meera. Die in dem medizinischen Öl enthaltenen Wirkstoffe sollen den Körper über die Haut anregen, wieder in Balance zu kommen. Damit das funktioniert, werden die Öle passgenau ausgesucht: je nach Dosha-Typ und körperlichem Problem.
Von all dem Aufwand ahnen die meisten Ayurveda-Gäste nichts. Für sie ist die Kräutermedizin oftmals eher der unangenehmste Teil ihrer Kur. Denn mehrmals täglich bekommt jeder seine Mixtur als Pille, Pulver oder Trunk verabreicht. Da werden auch schon mal die besten Strategien ausgetauscht, wie man das Zeug am besten herunterbekommt.
Eigentlich ist das ganz einfach: Man denke bloß an das Ende aller Schmerzen, an strahlende Schönheit - und ein langes Leben.
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