Azoreninsel Faial Im Schatten des Vulkans

Ganz am Rande Europas, auf der Azoreninsel Faial, leben mehr Kühe als Menschen. Den paradiesischen Frieden stören hier nur die Aktivitäten der Vulkane, die auch die Landschaft verändern - Eruptionen kreierten sogar schon neue Nachbarinseln.


Horta - Faial wirkt wie ein Stück Paradies. Die Wellen des Atlantiks brechen sich mit spritzend weißer Gischt am schwarzen Vulkangestein, Möwen kreisen über den Lavabrocken. Nur 13 kleine Gemeinden gibt es auf der Azoren-Insel, zwölf davon direkt an der Küste. Das Blau des Ozeans und das Grün der Weiden sind die dominierenden Farben. Mit viel Glück kann man von der Küste aus sogar Wale sehen. Hortensienhecken stehen entlang der Straßen und zwischen den Feldern.

Ein Stück hinter der Inselhauptstadt Horta führt ein Bauer drei Kühe in aller Seelenruhe an der Straße entlang, große gutgenährte Schwarzbunte. Auf Faial leben mehr Kühe als Menschen. Das klingt nach Idylle, doch es ist keine: Vulkanausbrüche haben die Landschaft der Insel ganz am Rande Europas geprägt. Und regelmäßig zittert die Erde.

"Beben gibt es hier alle 20 Jahre. Das letzte ist zehn Jahre her", erzählt Sandra Dart, die auf Faial geboren wurde und deren Familie schon seit Jahrhunderten dort lebt. "Einen größeren Vulkanausbruch gab es 1672", sagt sie. "Er hat die erste Auswandererwelle nach Brasilien ausgelöst." Lavagestein und Krater sind überall auf der Insel zu sehen. Im Südosten am Monte da Guia gibt es zwei große mit Wasser gefüllte Krater - der eine 123, der andere 26 Meter tief. Die vulkanisch gestaltete Landschaft steht unter Naturschutz.

Die jüngste Katastrophe liegt gerade gut 50 Jahre zurück: Die Vulkanaktivitäten mit ständig neuen Beben und Eruptionen zogen sich in den Jahren 1957/58 insgesamt 13 Monate lang hin. Nach der Katastrophe dezimierte sich die Inselbevölkerung: Um die 30.000 Menschen lebten zuvor auf Faial, heute sind es noch etwa 15.000. Viele der Emigranten zog es damals in die USA - New York liegt genau in Richtung Westen.

Das ist auch der Grund, warum jedes Jahr so viele Besucher aus Nordamerika anreisen - viele von ihnen wurden auf der Insel geboren. Sie alle fahren zum Leuchtturm in den Inselwesten, der dort steht, wo bei dem Ausbruch das Zentrum der Katastrophe lag. Monatelang regnete Asche auf den Turm nieder, bald war er zur Hälfte davon bedeckt. Das Untergeschoss ist noch heute unter den Schuttmassen verborgen.

Ein Turm als Symbol

Aber der Leuchtturm ist auch ein Symbol für den Durchhaltewillen der Menschen auf Faial - dafür, dass die Naturkatastrophe nicht das Ende war. Heute ist der Turm sogar eine der Hauptattraktionen. Seit August 2008 beherbergt er ein Museum, das sich der Vulkanologie und der Geschichte des Ausbruchs widmet.

Fünftgrößte Insel des Atlantik-Archipels: Faial gehört zur sogenannten Mittelgruppe der Azoren
TMN

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Eine Multimedia-Show erklärt, warum er so einzigartig war: Er begann mit einer Welle von Beben, die sich über 15 Tage hinzogen. Gut ein Kilometer vor der Küste entstand am 27. September 1957 durch die Eruptionen des Capelinhos-Vulkans plötzlich eine Insel, die Ende Oktober wieder im Meer verschwand.

Unterirdische vulkanische Aktivitäten ließen bald eine neue Insel entstehen und versinken. Eine dritte, viel größere, ist schließlich mit Faial verschmolzen. "Faial ist damals um 2,4 Quadratkilometer gewachsen", erzählt Sandra Dart. Im Dezember 1957 gab es dann den ersten Ausbruch, bei dem Lava überirdisch ausströmte. Danach folgten wieder und wieder Beben und Vulkanaktivitäten unter dem Meer, dann erneut Explosionen, bei denen Tonnen von Asche in die Luft geschleudert wurden. Erst am 24. Oktober 1958 gab der Vulkan Ruhe - nachdem der Inselwesten ein neues Gesicht bekommen hatte.

Getötet wurde niemand, aber zahlreiche Häuser waren zerstört. Von Asche oder Lava bedeckte Felder und Weiden waren für immer verloren. Die Region rund um den Leuchtturm sieht immer noch aus wie eine schwarze Wüste auf einem fremden Planeten - unwirklich schön.

Andreas Heimann, dpa



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