Baikal-Insel Olchon Von Schamanen und ohrenbetäubender Stille

Es gibt viele Gründe, an den Baikalsee zu fahren: Dramatische Felsenkulissen locken mit uferlosen Ausblicken, Schamanen künden von vergangenen Zeiten, und der Vater aller Seen bezaubert mit seinem Farb- und Lichtspiel. Der wahre Protagonist jedoch ist ebenso unsichtbar wie körperlich spürbar: die vollkommene Lautlosigkeit über einer der schönsten Landschaften der Erde.

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Der Kutscher kennt den Weg: Sascha mit "Uasik"
A. Langer

Der Kutscher kennt den Weg: Sascha mit "Uasik"

Armeegrün, kugelig wie ein VW-Bus und mindestens so verlässlich ist er, der russische Jeep, der uns drei Tage lang über die Insel Olchon fahren soll. Chauffeur Sascha grinst breit, als ich seinen gepflegten "Uasik" bewundere, dessen putziger Name sich aus der Abkürzung von "Automobilwerk Uljanow" ableitet. Voll bepackt steht er zur Abfahrt bereit - Sascha und Reiseführerin Natalja sind gewappnet für Angelausflüge, wildes Campen, Schlauchbootfahrten und Gelage am Lagerfeuer.

Los geht es in Irkutsk, der ehemals reichen Gebietshauptstadt und Zwischenstation der Transsibirischen Eisenbahn. Als Verbannungsort der aufständischen Petersburger Dekabristen von 1825 erlangte das Handelszentrum für Pelze und Edelmetalle einst Berühmtheit. Heute ist Irkutsk eine saubere und ruhige Stadt an den Ufern der mächtigen Angara - des einzigen Flusses, der aus dem Baikalsee abfließt. In der Legende erregte die Angara den Zorn ihres Vaters Baikal, weil sie ihn floh, um sich mit dem Jüngling Jenisseij zu vereinen - der wütende Papa warf seiner treulosen Tochter einen Stein hinterher, der direkt auf ihrer Kehle landete und heute als so genannter Schamanenstein die schmale Stelle zwischen See und Fluss nahe Listwjanka markiert.

Glasklares Wasser, dem die Tiefe die dunkle Farbe verleiht Vielfalt und gesalzene Preise statt Essensmarken und sowjetische Defizite: Markthalle in der Gebietshautpstadt Irkutsk Zur Ruhe kommen: Weite, Einsamkeit und das faszinierende Blau des Baikalsees



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Auf der etwa 230 Kilometer langen Strecke von Irkutsk zur Insel Olchon ist Zeit zum Reden: Braungebrannt und gut gelaunt sitzt Sascha am Steuer und erzählt Anekdoten, während er lässig Myriaden von Schlaglöchern umfährt. Aus seinem spitzbübischen Vogelgesicht strahlen zwei Augen, die so blau sind wie der blasse Himmel über den Kieferwäldern jenseits der Schotterpiste. Ein altersloser, zäher und umtriebiger Sibirjak, der seine Messer selber schmiedet und weiß, welcher Klinge das Tierfett nicht die Schärfe rauben kann.

Heilsame Nichtigkeitsgefühle im Angesicht einer überwältigenden Natur
A. Langer

Heilsame Nichtigkeitsgefühle im Angesicht einer überwältigenden Natur

Sascha berichtet von seinen 300-Pfund-Kollegen Iwan Gusjew, der dem Alkohol zugetan und bei weitem nicht so unpoetisch war, wie es seine Erscheinung hätte vermuten lassen. Iwan fuhr sich nach einer guten Portion Wodka stets mit der Pranke über den Wanst und schwärmte: "Als ob ein Engelchen barfuß über die Seele gelaufen wäre." Sascha und Natascha lachen über das schuhlose Himmelswesen im Bauch und fangen an, lauthals russische Romanzen zu singen.

Vom Dorf Sachjurta auf dem Festland fährt alle ein bis zwei Stunden eine Pkw- und Passagierfähre nach Olchon. Die Plätze sind im Sommer so heiß begehrt, dass es bisweilen zu deftigen Schlägereien zwischen Einheimischen und sich vordrängelnden Touristen in teuren Nobelkarossen kommt - den "neuen Russen", wie Natascha verächtlich hinzufügt. Bevor wir uns dem drohenden Massaker stellen, machen wir jedoch Halt in Jelanzy, einer größeren Siedlung mit mehreren Tausend Einwohnern.

Schaman Walentin auf dem Hof seines Hauses in Jelanzy
A. Langer

Schaman Walentin auf dem Hof seines Hauses in Jelanzy

Hier wohnt Walentin Wladimirowitsch Chagdaew, gelernter Dreher, Bauarbeiter, Lehrer, Buchautor, Direktor des Kulturhauses und - sibirischer Schamane. Zur Begrüßung umfasst er nach Landessitte mit beiden Händen herzlich meine Rechte und gibt dabei den Blick frei auf einen Tierhuf-ähnlich gespaltenen Daumen, der in zwei rosigen Fingernägeln endet - eine Art schamanisches Markenzeichen, wie viele glauben.

Walentin mustert mich mit sympathischem Silberblick und beschließt, zunächst einige Verse zu singen. Mit dem stoßend-schleppenden Akzent der Burjaten rezitiert er auf Russisch einen von 100.000 Versen, die während der schamanistischen Rituale neun Tage und neuen Nächte lang gesungen werden. Vom Ur-Chaos der Schöpfungsgeschichte ist da die Rede, von Dschingis Khan und der ewigen Steppe, von der beruhigenden Stille des Firmaments und von Adlern, die am Himmel über Olchon ihre Kreise ziehen.

"Der Schamanismus ist eine Ur-Religion, deren Grundelemente in allen anderen Religionen der Welt wieder auftauchen", erklärt der Sohn eines Schamanen, der viele Jahre das Leben eines braven Sowjetbürgers geführt hat. Ob der Schamanismus universell sei? Nein, eher eine Religion für diese Erde und für diese Menschen. "Wenn wir Burjaten von dieser Erde und diesem Himmel sprechen, dann haben wir eine sehr konkretes Bild davon. Es ist die sibirische Erde."

Lesen Sie in Teil 2 und 3 der Reportage über die Baikal-Insel Olchon:



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