Fotoexpedition am Baikalsee Puzzle aus Eisplatten

Michael Martin

Das Eis des Baikalsees ist so klar wie selten in einem See. Fotograf Michael Martin klettert über aufgetürmte Eisplatten und zu meterlangen Eiszapfen - und schickt seine Drohne auf Fotojagd.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Vom sibirischen Festland gelangen wir über eine mit Stangen ausgewiesene Eisstraße auf die Insel Olchon im Baikalsee. Im Dorf Chuzir kommen wir - meine Frau Elly, unser Führer André und ich - im "Guesthouse Lada" unter. Angesichts von knapp minus 30 Grad Celsius schätzen wir den offenen Kamin und die Warmherzigkeit der russischen Gastgeber.

Der Baikalsee hält gleich mehrere geografische Rekorde. Es ist mit 1632 Metern nicht nur der tiefste See der Welt, sondern kein See der Erde führt mehr Wasser - ein Fünftel der weltweiten Süßwasserreserven. Mit einer Länge von 636 Kilometern und einer Breite zwischen 27 und 80 Kilometern ist er auch für sibirische Verhältnisse riesig. Im Winter herrscht aufgrund des sehr kontinentalen Klimas extreme Kälte. Das will ich für mein weltweites Fotoprojekt "Planet Erde" fotografieren.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf zur 25 Kilometer entfernten Nordspitze der Insel, die wir mit dem UAZ-Geländeauto über das Eis des "Kleinen Meeres", eines Seitenarms des Baikalsees, zu erreichen versuchen. Aufgrund vorausgegangener Winterstürme ist das Eis dort rau und kaum zu befahren, teilweise blockieren Felder von aufgestellten Eisplatten den Weg.

So kurven wir bei tief hängender Bewölkung im Schritttempo durch dieses Eislabyrinth. Vier Kilometer vor Erreichen der Nordspitze weigert sich André angesichts des inzwischen praktisch unpassierbaren Eises weiterzufahren. Bevor wir im letzten Licht umkehren, steigen wir auf das Autodach, um einen Überblick zu bekommen. Weit draußen auf dem "Kleinen Meer" scheint das Eis dunkler, das könnte auf bessere Befahrbarkeit hindeuten.

Klettern zwischen Eisplatten

So sind wir am nächsten Morgen bei klarem Wetter wieder an der gleichen Stelle, und diesmal klappt es: Am frühen Vormittag erreichen wir die Nordspitze der Olchon-Insel. Dort haben Strömung und Wind für eine Märchenlandschaft aus Eis gesorgt. An den Felswänden hängen meterlange Eiszapfen, die bei hohen Wellen kurz vor dem Zufrieren im Dezember entstanden.

Die Inselspitze ist umgeben von einem Kranz aufgetürmter Eisplatten. Heftiger Wind hat im frühen Winter das noch dünne Eis in Bewegung gebracht und im Uferbereich zu Eiswällen aufgeschoben. Erst weiter draußen beginnt die spiegelglatte Eisfläche, die bis zu einem Meter dick ist und in der Regel zwischen Januar und März auch von Lkw überquert werden kann.

Kaum sonst wo auf der Erde ist das Eis so klar wie auf dem Baikalsee, denn sein Wasser enthält nur einen Bruchteil der sonst in Seen vorhandenen Schwebstoffe. An manchen Tagen beträgt die Sichttiefe bis zu 43 Meter. Mit größter Vorsicht klettere ich zwischen übereinander geschobenen Eisplatten hin und her, um optimale Fotostandpunkte zu finden.

Oft genug liege ich bäuchlings auf einer Eisplatte, um die flach stehende Sonne hinter eine Eisplatte zu bekommen. Elly ist unterdessen mit der Filmkamera im Eis unterwegs. Wir schützen unser Gesicht mit wasserloser Fettcreme und Frostschutzmasken vor Erfrierungen, am Körper tragen wir mehrere Lagen Thermokleidung, außerdem eine dicke Daunenhose und Daunenjacke.

Leider zieht nachmittags Bewölkung auf, es beginnt zu schneien. Wir kämpfen uns über das Eis des "Kleinen Meeres" wieder zurück ins Dorf. Auch am nächsten Tag bleibt das Wetter schlecht - Zeit für eine Sichtung der Fotos und Videos. Der Wetterbericht für den nächsten Tag ist aber gut: wieder unter minus 30 Grad und Sonne. Diesmal fahren wir auf der Südseite der Insel auf das Eis des "Großen Meeres".

Drohnenflug bei minus 31 Grad

Ziel ist wieder die Nordspitze der Insel, die wir jedoch wegen eines frischen, zwei Meter breiten Risses im Eis nicht erreichen können. Ich denke sofort an meine Fotodrohne im Kofferraum, die dieses Hindernis natürlich überwinden könnte - sofern die Elektromotoren, die Steuerelektronik und die Akkus mit der grimmigen Kälte zurechtkommen.

Ich bereite alles im geschützten Fahrzeuginneren vor und stelle dann die startklare Drohne auf das Eis. Sofort erscheint auf dem Display der Fernbedienung rot blinkend die Warnung, dass die Außentemperatur unter plus 15 Grad liegen würde und die Flugsicherheit infrage gestellt sei.

Bei minus 31 Grad starte ich die Elektromotoren und hoffe, dass die entstehende Akkuwärme das Rennen gegen die Kälte gewinnt. Kaum hat die Drohne abgehoben, erscheint auf dem Bildschirm der Fernbedienung eine Traumlandschaft aus Eis, Felsen und tiefblauem Himmel. Der erste Akku hält 15 Minuten, die Drohne schafft es bis zur Nordspitze und leitet rechtzeitig selbstständig ihre Rückkehr ein, um nicht vom Himmel zu fallen.

Die beiden Ersatzakkus taugen für zwei weitere Flüge, und wieder bekomme ich Bilder, die vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen wären. Erleichtert lande ich zum letzten Mal die fliegende Kamera sicher auf dem Eis, wir packen schnell zusammen und fahren noch am Abend zurück nach Irkutsk. Von dort geht es mit dem Flugzeug weiter nach Jakutien, das noch deutlich kältere Herz Sibiriens.

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3 Leserkommentare
ratibor44 19.02.2018
bit2018 19.02.2018
transsib_reisen 20.02.2018

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