Ballonfahren in New Mexico: Über Schrott und über Stein

Von Andrea Fonk

New Mexico ist ein Traum für Ballonfahrer: Sie gleiten hier in luftiger Höhe hinweg über traumhafte Landschaften. Jedes Jahr im Oktober wird der Luftraum jedoch knapp - dann bevölkern bis zu 600 Ballons gleichzeitig den Himmel über Albuquerque.

New Mexico: Im Ballon über Albuquerque Fotos
Andrea Fonk

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Der frühe Morgenhimmel präsentiert sich wie gewohnt wolkenlos, die Luft ist frisch - nachts wird es im gut 1600 Meter hoch gelegenen Albuquerque vergleichsweise kühl. Doch die ersten zarten Sonnenstrahlen zeigen sich bereits über den Spitzen der Sandia-Berge. Der Handvoll Gästen, die sich hier auf der großen Festivalwiese versammelt hat, ist die freudige Erwartung ins Gesicht geschrieben. Ballonpilot Troy Bradley hingegen runzelt die Stirn. Der Wind sei doch relativ stark - für eine Ballonfahrt also nicht unbedingt geeignet. Die Passagiere denken: Wind? Welcher Wind?

Troy bläst einen kleinen Testballon auf und lässt ihn fliegen. In Sekundenschnelle wird er hoch in den Himmel hinauf katapultiert und ist nur noch als Punkt zu erkennen. Nun runzeln auch die Passagiere die Stirn. Auch wenn Ballonfahrer als abenteuerlustig gelten, eigentlich wollte man sich Albuquerque nur mal ganz gemütlich von oben anschauen.

Und kaum irgendwo auf der Welt ist das so selbstverständlich wie hier mitten in New Mexico. Der fünftgrößte Staat der USA bietet an 300 Tagen im Jahr perfektes Ballonwetter - unschlagbar. Auch heute werden die riesigen bunten Nylonbahnen schließlich doch auf der Rasenfläche im Südwesten der Stadt ausgerollt. Zwei Helfer halten die Öffnung hoch, in die ein Gebläse kalte Luft hineinpustet.

Während der Ballon sich immer mehr wölbt, hat die Sonne den Gipfel erklommen - helles Licht ergießt sich über den Startplatz und die Temperatur scheint schlagartig um zehn Grad Celsius zu steigen. Der Korb richtet sich auf, die Passagiere klettern an Bord, und schon hebt er ab und gleitet über die Wiese, auf der vom 6. bis 14. Oktober auch das größte Ballon-Festival der Welt ausgerichtet wird. Mehr als 600 Ballons hoben hier jüngst beim Massenstart ab.

Damit er in die gewünschte Richtung fährt, muss der Ballon in die passende Luftströmung gebracht werden. Die liegt anfangs tief über der Stadt. Auf den Highways sieht man die ersten Pendler heranrollen, zählt die Sonnenschirme rund um die Swimmingpools, sieht sauber abgezirkelte Vorgärten und in den Hinterhöfen versteckte Luxuswagen. Mit wahrer Leidenschaft wird in der 550.000-Einwohner-Metropole aber offenbar etwas anderes gesammelt: Schrott, Metalle und alte Autogerippe blitzen unter den Sonnenstrahlen auf. Menschen hingegen sind hingegen selten zu erspähen.

Der erfolgreichste Ballonfahrer der USA

Erst das hysterische Bellen der Hunde treibt ein paar verschlafene Gestalten im Unterhemd auf die Terrasse. Das Gebell begleitet die Fahrt kontinuierlich. "Die können sich an die Ballons nicht gewöhnen", erzählt Troy. Das Geräusch, wenn der Brenner betätigt wird, um die Luft zu erwärmen, produziere Töne im Hochfrequenzbereich, die der Mensch nicht hört und der Hund nicht mag. 14 Knoten sind wir jetzt schnell, tolles Wetter!

Der Pilot ist mit einer Begeisterung dabei, als sei dies auch sein erster Flug. Dabei ist Troy Bradley einer der erfolgreichsten Ballonfahrer der USA. Mehr als 13 Jahre lang hat er Wettbewerbe gewonnen und Rekorde im Dutzend aufgestellt, darunter den für die am längsten dauernde Fahrt (144 Stunden und 23 Minuten). Er musste nach einer Landung in der kanadischen Wildnis von einem Hubschrauber gerettet werden, und er war der erste Mensch, der mit dem Ballon von Nordamerika bis nach Afrika fuhr. "Jedes Mal, wenn ich zu meiner Frau gehe und ,Ich habe da eine Idee' sage, bekommt sie einen halben Herzinfarkt", erzählt er grinsend.

Langsam steigt der Ballon nun in höhere Luftschichten - vom vorher erwähnten Wind ist nichts zu spüren. Ist doch klar, erklärt Troy, man bewege sich ja schließlich mit ihm: Im Auge des Windes herrsche Windstille. Still ist es allerdings nicht hier oben. Immer wieder wird der flammenwerfende Brenner aktiviert, dann dröhnt es kurz auf und am Hinterkopf entsteht ein kleiner Hitzestau.

Das Hundegebell verweht hingegen mit zunehmendem Abstand zu einem schwachen Echo, gleichzeitig ist die Aussicht gigantisch. Im Osten funkeln die gewaltigen Sandia Mountains im Gegenlicht - abends leuchten sie dann in tiefem Pink, beziehungsweise Melonenrot. Der Name "Sandia" hat nämlich entgegen der Annahme einiger Einwohner nichts mit "sun" zu tun, sondern ist das spanische Wort für Wassermelone.

Schachbrettmuster der Stadtplaner

Vom Ballon aus ist der Übergang von der Stadt zum wüstenartigen Hochplateau besonders gut zu erkennen, ebenso die grün eingerahmten Ufer des Rio Grande im Westen. Noch recht jungfräulich den Rocky Mountains entsprungen, windet er sich über 750 Kilometer durch New Mexico, bis er in Texas dann zum berühmt-berüchtigten Grenzfluss wird.

Während auch die anderen Ballons an Höhe gewinnen, rückt Downtown Albuquerque näher. 1706 gegründet und Jahrhunderte erst in spanischem, dann mexikanischem Besitz, ist dieses Erbe vor allem rund um die alte Plaza gut zu erkennen. Ein verspielter Park in der Mitte, davor die Kirche San Felipe de Neri aus dem Jahr 1793 und rundherum lauter kleine Souvenirläden unter den schattenspendenden Arkaden der Adobe-Häuser. Weiter geht es über Nobhill, das trendige Ausgehviertel mit seinen Bistros und Boutiquen, und schließlich erneut über die klassischen Schachbrettmuster amerikanischer Städteplaner.

Eine Stunde und zehn Meilen später wird ein Landeplatz ausgespäht. Bevor die Passagiere wirklich begreifen können, dass Troy Bradley sich dafür das von hohen Bäumen umgebene handtuchgroße Wiesenstück unten ihnen ausgesucht hat, ist er auch schon gelandet - butterweich.

Die Passagiere hieven sich über den Korbrand zurück an Land. "Danke, dass Sie uns sicher wieder runtergebracht haben", bedankt sich der ältere meiner beiden Mitfahrer höflich. Troy grinst: "So sehr ich euch alle auch mag - ich bin durchaus auch an meiner eigenen Sicherheit interessiert." Was ihn denn aber unverändert daran reize, morgens mit Fremden in die Luft zu steigen? "I like to put smiles on people's faces." Sagt's und lächelt und geht.

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