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Bam in Iran: Willkommen in der Erdbebenzone

Von Stephan Orth

Verfallene Mauern, leere Unterkünfte: Ein gigantisches Beben hat 2003 das iranische Touristenziel Bam zerstört. Auch von Akbar Panjalis Hostel blieb nur Schutt und Geröll übrig. Jetzt hofft er wieder auf Touristen.

Bam in Iran: Leben in Ruinen Fotos
Stephan Orth

Warum auf dem Werbeschild des Akbar Tourist Guest House der Eiffelturm und das Kolosseum abgebildet sind, weiß wohl nur Akbar selbst. Sie sind ein seltsames Lockmittel - dabei steht eines der berühmtesten Bauwerke Irans nur ein paar Fußminuten entfernt: die Ruinenstadt Bam.

Ich bin der einzige Gast im Guest House. Die Anlage wirkt zur Hälfte ein wenig heruntergekommen und zur anderen Hälfte wie eine Baustelle. 17 einfache Zimmer, wenig Luxus, reichlich Charme.

"Früher waren 70 Prozent meiner Touristen Auto- und Motorradfahrer auf dem Weg nach Indien. Aber seit ein paar Jahren gibt es Probleme mit Pakistan, und es kommen nicht mehr so viele", sagt Eigentümer Akbar Panjali, 71, ein heiterer Mann mit Lachfalten und wirrem Haar. Er hat persische Literatur studiert und lange als Englischlehrer gearbeitet, weshalb ihn hier alle "Akbar English" nennen.

Ständig sagt er "You're veeery welcome", wobei er das "e" grotesk in die Länge zieht. Seit 16 Jahren ist Akbar offiziell Zimmeranbieter, vorher machte er das unter der Hand und setzte auf Traveller-Mundpropaganda. Weil er keine Lizenz hatte. "Ich bin jetzt berühmt", sagt er. "Es ist gut, in allen Reiseführern zu stehen."

Der Tourismusboom findet woanders statt

Doch momentan scheint der Ruhm wenig zu bringen. Und das, obwohl Iran einen Touristenboom sondergleichen verzeichnet. Seit der Wahl von Hassan Rohani zum Präsidenten vor zwei Jahren schnellen die Besucherzahlen nach oben, kaum ein anderes Land verzeichnet stärkere Zuwächse.

Das Land ist problemloser zu bereisen, als viele denken - längst hat sich das herumgesprochen. Und dass die Gastfreundlichkeit der Perser weltweit einzigartig ist. Außerdem fallen viele andere Länder mit vergleichbaren Sehenswürdigkeiten derzeit wegen der politischen Lage als Reiseziel weg. Syrien, Libyen, Afghanistan, Irak. Wer sich für islamische Geschichte und antike Hochkulturen interessiert, kommt zwangsläufig auf Iran.

"Mehr Besucher im Land? Das sagen die jedes Jahr. Aber hier spüre ich nichts davon", sagt Akbar. Mit "die" meint er den Tourismusverband. Bam liegt ein wenig abseits der Standard-Touristenroute Teheran - Yazd - Shiraz - Isfahan, wo für März und April 2015 kaum noch Hotelzimmer zu kriegen sind.

Und Bam liegt am Rand einer Region, von deren Besuch das Auswärtige Amt abrät. Je weiter man von hier in Richtung pakistanische Grenze vordringt, desto kritischer wird es. Entführungsgefahr. Kein Thema, das Reisende in Zeiten des IS-Terrors auf die leichte Schulter nehmen.

"Überall kann dir was passieren, auch in Hamburg oder London", sagt Akbar. Wer in diesem Teil der Welt ein Hostel betreibt, braucht ein entspannteres Verhältnis zu Gefahren als jemand, der selbiges in der Normandie oder in Bayern tut. Die jüngste Entführung sei drei Jahre her, ein Japaner, sagt Akbar. "Einen Monat lang haben sie ihn festgehalten. Und ich werde nie vergessen, was er nach seiner Freilassung sagte. 'Das war eine schöne Zeit, es gab sehr viel Haschisch umsonst.'"

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Couchsurfing im Iran: Sehnsüchte unter Strafe
Vielleicht lassen Touristenängste Akbar auch deshalb kalt, weil er selbst den Weltuntergang erlebt hat. Weil es ein Ereignis gab, das alles veränderte und sein Leben in ein Davor und Danach zweiteilte.

Denn tief unter dem Bett mit seiner etwas zu harten Matratze, in dem ich die Nacht verbringe, schiebt sich die Arabische Platte unter die Iranische. Am 26. Dezember 2003 um 5.28 Uhr erzeugte sie dabei so viel Druck, dass die Erde bebte. 6,3 auf der Richterskala, eine Jahrhundertkatastrophe. Mehr als 30.000 Menschen starben, in wenigen Augenblicken wurde mehr als die halbe Stadt ausgelöscht.

"Ich war im Haus meiner Eltern, als es passierte, zehn Minuten von hier", sagt Akbar. Sonst wäre er vielleicht tot, sein Tourist House stürzte in sich zusammen. Zwei Gäste und der beste Freund seines Sohnes starben in den Trümmern, neun seiner Touristen konnten gerettet werden.

Noch heute, mehr als zehn Jahre später, sind die Spuren des Unglücks in der Dattel- und Auberginenstadt Bam nicht zu übersehen. Nicht nur in meiner Unterkunft, die immer noch unfertig aussieht. Mitten im Ort steht eine Moscheeruine, manche Häuserzeilen sind unterbrochen von Geröllhalden, im alten Basargebäude liegt Bauschutt. Viele Ladenzellen stehen leer.

Lehmziegelstadt als Baustelle

Doch das größte Mahnmal ist die Altstadt mit der Zitadelle Arg-e Bam, die umfangreichste Ansammlung von Lehmziegelgebäuden der Welt. Mehr als tausend Jahre lang überstanden die meisten der hellbraunen Mauern und Wachtürme jedes Wetter und jede Schlacht, dann bebte die Erde und zerstörte eine der bekanntesten Touristenattraktionen des Landes.

Beim Rundgang zwischen Wänden, die aussehen, als seien sie aus gepresstem Stroh, hat man das Gefühl, dass die Katastrophe den Ort nicht nur seiner Türme, sondern auch seiner Aura beraubt hat. Trotz einer phänomenalen Lage am Rande der Wüste: schattenlose Mittagshitze und Sandstaub, der Besuchern die Kehle zuschnürt. Und zugleich ragen am Horizont Viertausender-Schneegipfel auf.

Viele Gebäude wurden bereits restauriert. Doch auch heute noch klettern Arbeiter auf abenteuerlichen Holzgerüsten herum, die Unesco-Weltkulturerbe-Stiftung zahlt für den Wiederaufbau. "Don't go there", rufen sie ständig, viele Areale sind noch gesperrt. Die historische Altstadt von Bam ist eine Mischung aus rekonstruiertem Nachbau und völligem Chaos. Sie beeindruckt zwar durch ihre Dimensionen, löst aber sonst nichts aus.

Nur Melancholie. Wenn man die Poster betrachtet, die denselben Ort vor dem Erdbeben zeigen, tausendundeinenachtromantisch im Abendlicht. Bam ist ein schweigender Ort wie ein Friedhof, nur das Hämmern der Arbeiter und das Summen der Fliegen durchbrechen die Stille. Alles geht langsam in Bam: die Altstadt und Akbars Gästehaus, beide sind auch mehr als elf Jahre nach der Katastrophe Baustellen.


Dieser Text ist ein veränderter Auszug aus dem Buch "Couchsurfing im Iran" (Piper-Verlag) von Stephan Orth - mehr über seine Reise erfahren Sie auch auf seiner Facebook-Seite.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Üble Sache
El pato clavado 24.03.2015
aber trotzdem unerklärlich,wie bei dieser Meldung die Kommentarfunktion erlaubt ist, bei allen anderen Meldungen aber SPON sich ziert.
2. Respektvoller Umgang mit Hochkulturen,
newsfreak 24.03.2015
und deren geistigen Herkunft in Landesgeschichtlicher Entwicklung. Vom stampfenden Grenzsoldaten an der Pakistanisch Indischen Grenze, bis zum Kaiserlichen Grabmal der weiss getönten Grabsoldaten und dem Würdelos erscheinenden Verbeugen der Japaner, der Iran schien eine Schneidstelle des ganzen zu sein, wobei ich der biblischen Darstellung des Turmbau von Babel viel mehr Anhänge. Leider ersucht man sich im modernen Zeitalter Methodik geistiges zu "dämonisieren" die den Menschen und dessen Intelligenz sehr in Frage stellen. Die Türkei soll auch sehr schön sein!
3. Mag sein, daß die Hoffnung bleibt -
aschu0959 24.03.2015
aber ausgerechnet im Iran? Welcher Tourist möchte in ein Land, in dem Auspeitschen und Steinigung zum Rechtssystem gehört, in dem Frauen in Säcken herumlaufen, wo Alkohol und Musik unerwünscht und eine Religionspolizei über die "öffentliche Ordnung" wacht ? Ich meine nicht daß er sich viel Hoffnung machen sollte.....
4. Tourismusboom
ub24 24.03.2015
Es kommen tatsächlich inzwischen viel mehr Touristen nach Iran. Nur ist eben Bam ganz schön abseits von den üblichen Zielen, und es gibt einfach so viel anderes zu sehen - das Land ist riesig. Im übrigen ist Iran viel mehr als nur Alkohlverbot und Diktatur. Wem zu dem Thema nichts anderes einfällt, der hat schlichtweg zu wenig Ahnung.
5.
uzsjgb 24.03.2015
Zitat von aschu0959aber ausgerechnet im Iran? Welcher Tourist möchte in ein Land, in dem Auspeitschen und Steinigung zum Rechtssystem gehört, in dem Frauen in Säcken herumlaufen, wo Alkohol und Musik unerwünscht und eine Religionspolizei über die "öffentliche Ordnung" wacht ? Ich meine nicht daß er sich viel Hoffnung machen sollte.....
Nicht ausgerechnet, sondern gerade Iran. Kaum ein anderes Land hat eine solche Vielfalt an kulturellen Höhepunkten, so eine gebündelte Anzahl an Welterbestätten. Dazu die schönen Landschaften, sowie die offene und herzliche Bevölkerung. Was will man mehr? Und der Iran boomt. Alleine die beliebteste Reise bei Studiosus wird über 40 Mal im Jahr angeboten.
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Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 79,476 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Hassan Rohani

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia

Republik Iran
Land
REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
dpa
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Corbis
Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz 5). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
REUTERS
Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
REUTERS
Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).

Chronik
Aufstieg von Mohammed Resa
AFP
Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.
Ajatollah Chomeini und die islamische Revolution
Getty Images
1978 mobilisieren Liberale und Konservative, Säkulare und Religiöse, Linke und Rechte Massenproteste gegen den Schah. Zur Leitfigur des Protests wird Ajatollah Chomeini. Den landesweiten Streiks und Massendemonstrationen in Teheran schließen sich Hunderttausende an. Armee und Polizei gehen teilweise brutal gegen die Demonstranten vor. Dennoch enden die Proteste mit dem Sturz des Schahs am 16. Januar 1979. Nach Chomeinis Rückkehr aus dem Exil in Frankreich, wohin er 1978 gedrängt worden war, spricht sich die Bevölkerung in einem Referendum für die Islamische Republik aus, deren oberster Führer der Großajatollah selbst wird.

Die Außenpolitik Chomeinis wendet sich vor allem gegen die USA und Israel. Am 4. November 1979 besetzen islamische Kräfte die amerikanische Botschaft und nehmen mehr als 50 Geiseln, die erst nach 444 Tagen wieder freikommen. Chomeini billigt die Aktion. Die Beziehungen zu den USA erreichen ihren Tiefpunkt. Unterstützt von den USA überfällt der Nachbarstaat Irak am 22. September 1980 Iran. In dem folgenden acht Jahre langen Krieg zwischen den beiden Ländern sterben etwa eine Million Menschen.
Phase der Islamisierung
REUTERS
Im Laufe des Kriegs treibt die Regierung die Islamisierung des Landes voran. Für Frauen gilt eine strenge Kleiderordnung, in öffentlichen Verkehrsmitteln die Geschlechtertrennung. Chomeini lässt linksgerichtete politische Häftlinge ermorden, vor allem Anhänger der Volksmudschahidin, die noch während der Revolution auf Seiten Chomeinis standen.

1989 stirbt der religiöse Führer. Der Expertenrat, ein Gremium aus höchsten religiösen Sachverständigen, ernennt Ajatollah Ali Chamenei zum Nachfolger. In den Folgejahren hat Iran stark unter zunehmender Korruption zu leiden. Die Liberalisierung der Wirtschaft bleibt weitgehend wirkungslos. Bereits 1995 verhängen die USA erste wirtschaftliche Sanktionen, weil Iran nach US-Auffassung den internationalen Terrorismus unterstützt.
Vom Reformer Chatami zum Hardliner Ahmadinedschad
AFP
Der als liberaler Geistlicher geltende Mohammed Chatami gewinnt 1997 die Präsidentschaftswahl. Seine innenpolitischen Reformbemühungen geraten allerdings ins Stocken, da er versucht, zu viele politische Lager zusammenzubringen, und die nach wie vor einflussreichen konservativen Hardliner erheblichen Widerstand leisten. Im Juni 2005 erobert der frühere Bürgermeister Teherans und konservative Hardliner Mahmud Ahmadinedschad das Amt des Präsidenten. Außenpolitisch sorgt er vor allem durch Vorantreiben eines Atomprogramms und harsche verbale Angriffe gegen Israel für Ärger. Infolge seiner Wiederwahl als Präsident im Sommer 2009 kam es wegen Unregelmäßigkeiten zu wochenlangen Massenprotesten, die teils brutal niedergeschlagen wurden. Zahlreiche Demonstranten wurden getötet, Hunderte Menschen verhaftet.
Entspannung gegenüber dem Westen
Bei der neuerlichen Präsidentenwahl im Sommer 2013 durfte Ahmadinedschad nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten. Es siegte der als gemäßigt geltende Kandidat Hassan Rohani, der seitdem mildere Töne nach außen anstimmt. Der Westen und Iran einigen sich im November auf einen "Gemeinsamen Aktionsplan" im Streit um das iranische Atomprogramm.