Tyler Brûlé auf Weltreise: Shopping-Tour fürs Seelenheil

Luxus, Longdrinks, lange Nächte: Es klingt nach Spaß, doch in sechs Tagen um die Welt zu reisen ist kein Zuckerschlecken. In London musste Tyler Brûlé tobsüchtige Sicherheitsbeamte ertragen, in Bangkok einen Verkehrsinfarkt überleben - bis Tokio dem Vielflieger einen versöhnlichen Empfang bereitete.

Tyler Brûlés Tagebuch: Aus dem Leben eines Vielfliegers Fotos
REUTERS

Die vergangene Woche verging wie im Fluge. Am Donnerstag machte ich mich auf den Weg zum Londoner Airport Heathrow, um eine Maschine nach Bangkok zu nehmen und damit meinen sechstägigen Trip rund um die Welt zu beginnen. Mein Waggon im Heathrow Express war ganz leer - bis auf eine gut gekleidete junge Dame, die allerdings jegliches Gespür für ein sinnvolles Gepäckkonzept vermissen ließ. Sie schlug sich mit viel zu vielen unförmigen Tragetaschen herum, ohne jeden Plan, wie sie ihre Einkäufe bändigen könnte.

Am Terminal 3 wurde ich dann Zeuge eines inszenierten Tobsuchtsanfalls unter den Sicherheitsbeamten: Sie ließen sich vor allen Reisenden lautstark darüber aus, dass ein Kollege nicht aus der Pause zurückgekommen war. Deshalb seien sie nun nicht genügend Leute, um den Durchleuchtungsapparat zu bedienen.

Es ist immer wieder erstaunlich, dass die von oben bis unten tätowierten Kontrolleure von Heathrow (in meiner Funktion als Verkehrsminister würde ich sofort ein Verbot erlassen, Leute mit besorgniserregenden Buchstaben-Zahlen-Kombinationen auf ihren Oberarmen einzustellen!) tatsächlich glauben, mit so einem Laienschauspiel irgendeine Form von Mitgefühl aus den Passagieren herauszukitzeln. Glücklicherweise tauchte ein winziger Manager auf und tat sein Bestes, um die Ruhe wiederherzustellen und die Situation am Gepäckband wieder zum Laufen zu bringen.

An Bord des Qantas-QF2-Flugs nach Bangkok und dann weiter nach Sydney war die Stimmung seltsam gedrückt. Die Stewardess erklärte in heiterer Ironie: "Dies ist leider einer der letzten QF2 ab London. Aber wir glauben fest daran, dass unser brillanter Chef bald seinen Verstand wiederfindet und diese Flüge erneut anbietet. Kann mir eigentlich irgendwer erklären, wie der es schafft, so fest auf seinem Posten sitzen zu bleiben?"

Hummer-Curry auf dem Weg nach Tokio

Neun Stunden später begann eine abgenutzte 747-400 ihren Sinkflug auf Bangkoks Suvarnabhumi-Flughafen, wo mich ein amtlicher Freitagabendstau in der thailändischen Hauptstadt begrüßte. Nach einer langen Abfolge von Meetings war ich froh, mit dem Bangkok-Korrespondenten der "Financial Times" loszuziehen, um ein paar Drinks und späte Snacks einzunehmen. Vier Stunden später (nach einem sehr kurzen Schlaf im Oriental-Hotel) befand ich mich bereits wieder auf dem Weg zum Suvarnabhumi (kein Verkehr um 6 Uhr morgens) und stand weniger als 20 Minuten nach Verlassen des Hotels am Check-in-Schalter.

Der ANA767-Flug nach Tokio bestand fast nur aus Golfern und Paaren auf Hochzeitsreise, die nach einer Woche Putten und Massagen nach Hause zurückkehrten. Nach einem leckeren Hummer-Curry und einem Spritzer Wein tat ich mein Bestes, um die E-Mails einer Woche zu beantworten, nickte dabei aber gelegentlich für 20 Minuten oder so ein. Als wir uns Tokio näherten, wurde das Wetter schlechter, und wir legten eine holprige Landung auf dem stürmisch-nebligen Narita-Flughafen hin.

In den Straßen des Szeneviertels Ginza kam man kaum voran, da alle den neuen zwölfstöckigen Concept Store der japanischen Modekette Uniqlo testen wollten. Dank der Fürsprache aus der PR-Abteilung durfte ich die Schlange ignorieren. Und bald schob ich mich bald höflich rempelnd durch die Massen, um einige der Kleidungstücke in die Finger zu bekommen, die in Zusammenarbeit mit Größen wie Jun Takahashis UnderCover Label und Laura Ashley entstanden sind.

Der Vorstand von Uniqlo behauptet, dass ihre neue Filiale in Ginza mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz im ersten Jahr erzielen könnte. Dieses Superstore-Konzept scheint der neue Kaufhaus-Typus schlechthin zu werden - ein Konzept, das bald mühelos die Städte auf beiden Seiten des Pazifiks dominieren könnte.

Eine Reihe von Fußgängerübergängen führt zur Tokioter Variante des Londoner Dover Street Markets, in dem es etwas beschaulicher zuging: Legionen von Comme-des-Garçons-Fans probierten eine Sonderedition von Nike-Jogginghosen an, Schweizer Grafik-Design-Bücher wurden durchgeblättert und die riesige Filiale der Pariser Rose Bakery war zum Bersten gefüllt.

Lesestoff und Lufthansas Luxusbett

Fürs Abendessen tauschte ich die funkelnden Lichter Ginzas gegen die Ruhe Daikanyamas ein. Da dieses Viertel die Heimat der neusten Filiale von Tsutaya Books ist, rundete ich den Abend mit dem Kauf von CDs, Büchern und klassischen Zeitschriften ab - bis 1 Uhr morgens. Meine Kollegin Noriko bemerkte, dass der Laden jede Nacht bis Geschäftsschluss gerammelt voll sei und damit seiner Prognose vermutlich bereits 200 Prozent voraus. So kann man sich wohl auch von der Vorstellung verabschieden, dass Kunden keine großen Buchläden mögen oder keine traditionellen Medien mehr kaufen.

Der Sonntag war erst meinem Friseur und dann einem Treffen mit Freunden und Kollegen zum Abendessen im Bernini gewidmet, bevor ich mich erneut auf die Jagd nach Büchern und Magazinen im Tsutaya machte - diesmal in der Filiale im Roppongi-Hills-Komplex.

Die nächste Woche begann mit einem wahren Marathon am Montag: Auf einen vollen Arbeitstag in Tokio folgte der Flug über den Pazifik und dann ein weiterer voller Arbeitstag in San Francisco. Spaß machten nur die eingeschobenen Einkäufe für meine Frühjahrsgarderobe im Unionmade sowie ein exzellenter Croque Monsieur im Tartine.

Nach einer Konferenz stieg ich am Dienstag in eine von Lufthansas umgerüsteten 747 (ich empfehle wärmstens die neue Erste Klasse wegen des separaten Bettes), um nach Frankfurt zu fliegen. Sieben Tage später bin ich nun also fast wieder da angekommen, von wo ich startete - obwohl der in der Sonne glitzernde Zürichsee doch ein bisschen verlockender aussieht als das Queen Mary Reservoire vor Heathrow.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Nerv!
les2005 27.03.2012
Zitat von sysopREUTERSLuxus, Longdrinks, lange Nächte: Es klingt nach Spaß, doch in sechs Tagen um die Welt zu reisen ist kein Zuckerschlecken. In London musste Tyler Brûlé tobsüchtige Sicherheitsbeamte ertragen, in Bangkok einen Verkehrsinfarkt überleben - bis Tokio dem Vielflieger einen versöhnlichen Empfang bereitete. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,823954,00.html
Ich reise selbst relativ viel und bin deswegen immer wieder neugierig auf Tyler Brule's Artikel, aber von Mal zu Mal bin ich mehr genervt von seiner Abgehobenheit. Vielleicht finden Andere es toll, das Leben aus der Sicht der oberen Zehntausend geschildert zu bekommen. Ich finde es einfach nur unerträglich arrogant. Zu den Unpäßlichkeiten, die er auf dem Weg von first class Flug zu 5 Sterne Hotel zu ertragen hat, kann ich nur sagen: Die Probleme möchte ich auch mal haben. Vielleicht sollte er mal ein paar Tage mit dem Budget eines Normalsterblichen leben, dann würde er verstehen, warum sich diese Normalsterblichen nicht zerreißen, um ihm sein Luxusleben so angenehm wie möglich zu machen.
2. unter jeglichem Spiegel-Niveau
joddbln 28.03.2012
Zitat von sysopREUTERSLuxus, Longdrinks, lange Nächte: Es klingt nach Spaß, doch in sechs Tagen um die Welt zu reisen ist kein Zuckerschlecken. In London musste Tyler Brûlé tobsüchtige Sicherheitsbeamte ertragen, in Bangkok einen Verkehrsinfarkt überleben - bis Tokio dem Vielflieger einen versöhnlichen Empfang bereitete. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,823954,00.html
Es ist wirklich unglaublich... Mal geschenkt, dass die bemitleidenswerten Strapazen des Herrn TB für den Leser emotional wahrscheinlich dieselbe Wichtigkeit haben, als wenn die Stewardess peinlicherweise vor seinem Platz in der First fünf gesalzenes Erdnüsse auf den Boden fallen lässt... - das Geschreibsel ist wirklich unerträglich, weil auf dem sprachlichen und intellektuellem Niveau eines Schülerzeitungs-Mitarbeiters, der mal eben sein aufregendstes Reiserlebnis hinschludert. (sorry, liebe Schülerzeitungen) Aber da ich das Lebenswerk des Autoren durchaus schätze, kann ich mir nur vorstellen, dass er sich im stillen Kämmerlein kaputtlacht über den Feldversuch, wie es ihm gelingt, so einen Schreib-Schrott an ein Qualitätsmedium verkaufen zu dürfen, dessen Redakteure vielleicht Bauchschmerzen bei der Abnahme haben, aber sich dennoch nicht trauen, es zur Überarbeitung zurückzuschicken, weil sie befürchten, innovative, zukunftsweisende Internet-Dicht-Kunst nicht bemerkt zu haben... Nach so einer Lektüre wünscht man sich doch wirklich wieder das Schmökern im "Bordbuch" eines Kollegen im Ganz-Feinschmecker zurück... oder selbst die Erlebnisse eines Ex-Ressortleiters einer weltigen Postille aus dem Hops-Verlag, der auch nicht gerade berühmt dafür war, den Luxus der Reisewelt mit spitzen Fingern anzufassen.. :-)
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