Baumklettern am Amazonas "Ich betrat eine andere Welt"

Hält der Ast? Hält das Seil? Beim Klettern in den Urwaldriesen des Amazonas rauscht Adrenalin durch den Körper. Dann wird übernachtet - in 50 Meter Höhe, bei Papageien, Fröschen und Affen.

Andrzej Rybak

Als Leonide Principe zum ersten Mal einen Urwaldriesen am Amazonas bestieg, verschlug es ihm die Sprache. In 50 Meter Höhe marschierten Ameisen über die Baumrinde, quietschbunte Frösche glotzten ihn an. Überall blühten Orchideen und Bromelien, Affen hangelten sich von Ast zu Ast, Aras und Tukane schrien um die Wette.

"Ich traute meinen Augen nicht. Es war wie in dem Science-Fiction-Film 'Avatar'", sagt der Fotograf. "Ich betrat eine andere Welt. Alles war schriller, bunter, phantasievoller."

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Baumklettern am Amazonas: Unter Aras, Affen und Fröschen

Nun hänge ich in den Seilen, etwa zehn Meter über der Erde im brasilianischen Regenwald, schnaufe und schwitze und versuche, nicht hinunter zu schauen. Ich dachte, dass ich schwindelfrei wäre, doch mit jedem Meter wird mir mulmiger im Bauch. Ich trage einen Helm, der Klettergurt umfasst meine Taille und Oberschenkel und ist mit einem Karabinerhaken am Seil befestigt. Was aber, wenn der Ast bricht, an dem das Seil hängt?

Principe, der neben mir hängt, beruhigt mich: "Der ist so stark, dass er locker das Gewicht eines Vans aushalten würde." An seiner anderen Seite baumelt Brandon Buchhalter aus Orlando in Florida, der ebenfalls zum ersten Mal in seinem Leben auf einen Urwaldriesen klettert.

Der Aufstieg dauert etwa 20 Minuten, erfordert Kraft und gute Koordination. Immer wieder trete ich mit einem Bein in eine Schleife, die über einen Haltegriff am Seil befestigt ist, und schiebe mich 30 bis 40 Zentimeter nach oben. Dann lege ich den Griff höher und trete wieder. Die Technik hat mit Bergsteigen nichts zu tun.

"Hier geht es auch nicht um den ultimativen Adrenalinkick, viel wichtiger ist die Nähe zu Natur und Kontemplation", sagt Principe. Bei mir ist der Adrenalinpegel allerdings schon hoch genug.

Autor Andrzej Rybak in seiner Hängematte
Leonide Principe

Autor Andrzej Rybak in seiner Hängematte

Erst in der Krone, in 50 Meter Höhe, ist eine Verschnaufpause angesagt. Wir plumpsen in die Hängematten, die Principe zwischen den Ästen aufgehängt hat. Der Boden verschwindet im Schatten des Laubs, dafür kann man auf das Urwalddach blicken. Die Sonne geht langsam unter.

Unser Baum ist etwa 60 Meter hoch. "Wir nennen ihn 'Prinzessin'", sagt Principe. Von ihm hat man die schönste Aussicht, weil er alle anderen überragt. Botanisch gesehen ist die "Prinzessin" ein Hartholzbaum der Art Dinizia excelsa, ein Mimosengewächs, das unter Holzhändlern sehr begehrt ist. Diese Bäume werden rund tausend Jahre alt.

Die Luft ist herrlich klar, ich kann von hier aus die Veranda des Tropical-Tree-Climbing-Gästehauses auf dem benachbarten Hügel sehen. Ganz in der Nähe fliegt ein schreiendes Ara-Pärchen vorbei. Sonst herrscht Ruhe. Der Moment fühlt sich für mich magisch an: Ich sitze im Herzen des Baumes und kann sein Energiefeld regelrecht spüren. Mit Ehrfurcht betrachte ich die mächtigen Äste, zwischen denen meine Hängematte befestigt ist.

Ökosystemforscher kletterten zuerst in Baumkronen

Der Franko-Italiener Leonide Principe kam 1989 zum ersten Mal nach Manaus, um eine Reportage über die rosa Amazonasdelfine zu fotografieren. Er war von der Natur am Amazonas so fasziniert, dass er für immer blieb. Im Auftrag von Magazinen und Buchverlagen fuhr er immer wieder über den mächtigen Strom, durchquerte den Regenwald, besuchte Goldsucher und Indianerstämme.

Ende der Neunzigerjahre begann er, auf Urwaldbäume zu klettern. Er sollte zusammen mit einem Biologen die Pflanzenwelt in den Baumkronen erforschen. Principe fotografierte die Orchideen, der Biologe nahm Proben. Diese Erfahrung beeindruckte den Fotografen tief: "Irgendwann beschloss ich, diese faszinierende Welt auch Touristen und Naturliebhabern zu zeigen", sagt Principe.

Er kaufte 270 Hektar Urwald an der Straße nach Boa Vista, in Presidente Figueiredo, genau 144 Kilometer nördlich von Manaus. Damals lernte er auch Vanessa Mariño kennen, eine Designerin aus Caracas in Venezuela, die sich am Amazonas niederlassen wollte. Sie verliebten sich, bauten ein Haus im Urwald, und das Tropical-Tree-Climbing-Projekt nahm seinen Anfang. Während Leonide mit den Touristen die Bäume erklimmt, managt Vanessa das Camp mit drei Doppelzimmern. Ihre drei Kinder lernen zuhause.

Baumklettern stand zuerst ganz im Dienste der Wissenschaft. In den frühen Achtzigerjahren haben Biologen in Kalifornien begonnen, das Ökosystem der Mammutbaumkronen zu erforschen. Bis dahin war niemand auf die höchsten Bäume der Welt geklettert, die über 100 Meter erreichen können. Die Wissenschaftler entwickelten neue Klettertechniken und perfektionierten die Ausrüstung.

Sehr bald wurden diese Techniken von passionierten Freizeitkletterern übernommen, den Arboristen. Sie entwickelten ein strenges Regelwerk, um die Sicherheit der Baumkletterer zu garantieren. Einer der ersten Arboristen, Peter "Treeman" Jenkins, gründete 1983 Tree Climbers International (TCI) und eröffnete in Atlanta die erste Baumkletterschule der Welt. Heute schult TCI die Ausbilder in der ganzen Welt. Auch Principe lernte bei den Amerikanern, bevor er die Ausrüstung kaufte.

"Wir haben gut 40 bis 50 Besucher jeden Monat", sagt Vanessa Mariño. "Die meisten kommen aus den USA, Deutschland, Großbritannien und Frankreich." Es sind nicht unbedingt die sportlichen Typen, die den Thrill des Aufstiegs suchen, sondern eher Naturliebhaber, die die ungewöhnliche Begegnung mit der Umwelt schätzen. Immer wieder kommen auch Schauspieler und Showstars vorbei, oft begleitet von Kamerateams, die sie bei diesen Abenteuern filmen wollen.

Nächtliches Abhängen

Auf seinem Land hat Principe fünf Bäume ausgesucht, auf die er mit Touristen klettert. "Wir müssen den Baum domestizieren, bevor wir klettern", sagt er. Die vielen Lianen müssen zurückgeschnitten werden, damit sich die Seile nicht in dem Geflecht verfangen. Dann werden die Seile befestigt und die Hängematten aufgehängt. Manchmal dienen die luftigen Betten nicht nur zum kurzen Verschnaufen zwischen Auf- und Abstieg, sondern auch zum Übernachten.

Die Nacht ist hell, dafür sorgt der Vollmond. Ich kann die Konturen der benachbarten Bäume gut erkennen. Die Hängematte ist groß und bequem, zur Sicherheit bin ich aber weiterhin an meinem Seil festgehakt. Der Urwald ist voller eigentümlicher Geräusche: Immer wieder rauschen Fledermäuse vorbei. Irgendwo zirpen ein paar Zikaden, ständig knistert etwas unten im Gebüsch, manchmal lässt der Wind zwei Äste aneinander scheuern. Plötzlich taucht ein Leuchtkäfer auf und verschwindet wieder, so schnell wie er kam. Es ist kalt, zum Glück hat Principe für jeden eine Decke hinaufgebracht.

Eine Nacht im Baum
Leonide Principe

Eine Nacht im Baum

Kurz vor Sonnenaufgang erwacht der Urwald zum Leben. Die Rufe der Vögel sind zu hören, die in den Kronen nach Samen und Früchten suchen. Ein leichter Nebel liegt über dem Blätterdach, der sich aber schnell auflöst. Etwa tausend Liter Wasser soll ein Urwaldbaum pro Tag verdunsten, hat Principe gesagt. Jeder erzeugt sein eigenes Klima, Millionen von ihnen wiederum sind für das Klima der ganzen Welt verantwortlich. Beim Abhängen hoch über dem Erdboden sinniere ich über die Dinge nach, die der Kletterlehrer erzählt hat.

Bald ist Zeit, abzusteigen, im Camp wartet das Frühstück. Wir lösen den Arboristen-Knoten und seilen uns langsam ab. Trotz der Handschuhe scheuert das Seil die Hände warm. Den Rest besorgt die Schwerkraft.

Andrzej Rybak ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise wurde unterstützt von Tropical Tree Climbing.

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insgesamt 3 Beiträge
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xilraf 12.10.2016
1. Schöner Bericht !
... aber "festgehackt" - ich hoffe nicht! ;)
Hamberliner 12.10.2016
2. exotisch, aber trotzdem nicht individuell
Schon faszinierend, aber mit einem Riesenmakel behaftet: Es ist fremdorganisiert, es versetzt wie alles fremdorganisierte die Kundschaft in die Rolle der unselbständigen Schafherde, die zahlen soll und vom "Fachmann" ans Händchen genommen wird. Schwindelerregende Höhen sind eh nichts fürs Alter. Mit um die 20 hab ich oben im Besantop der Gorch Fock gestanden, leichtsinnigerweise manchmal auch völlig ungesichert, zu faul für den Karabinerhaken, die am Segel arbeitenden Hände waren alles. Heute wird mir bei der Erinnerung schlecht. Einen Erweiterungsvorschlag hätt ich noch. Eine Ameisentherapie vor dem Aufstieg, das würde die Kletterbewegungen des besagten Marlon Buchalter aus Florida vom Buchhaltertempo ins Affentempo beschleunigen. Meine Schwester hat nämlich da im Amazonasgebiet mal einen Affen beobachtet, der sich aus versehen in einen Ameisenhaufen gesetzt hat. Der hatte es danach extrem eilig, ganz oben in die Baumkrone zu flüchten und sich dann am ganzen Körper zu kratzen.
fatherted98 13.10.2016
3. na...
...ob das so schön war da oben. Allein die Mücken werden die Herrschaften trotz evtl. Chemie und Netz aufgefressen haben. Solche "Eventreisen" sind aber wohl IN...
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