Bei den Achuar in Ecuador Ökotouristen statt Ölarbeiter

Tief im Regenwald Ecuadors betreiben die Achuar-Indianer eine Öko-Lodge. Die traditionell gebaut Häuser und Hütten bieten moderne Technik und Komfort, auf Dschungeltouren zeigt Führer Kistupa Schlangen, Aras und Baumriesen. Doch das Projekt des sanften Tourismus ist bedroht, erste Ölfirmen erkunden das Gebiet.


Führer Kistupa Peas:  Die Achuar leben mitten im Dschungel, aber nicht hinter dem Mond
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Führer Kistupa Peas: Die Achuar leben mitten im Dschungel, aber nicht hinter dem Mond

Guayaquil - Ein großer blauer Schmetterling flattert aus dem Grün des dampfenden Dschungels, tanzt für ein paar Sekunden zwischen den Bäumen und verschwindet dann wieder im Dickicht. "Immer wenn einer dieser Schmetterlinge fliegt, dann fliegt die Seele eines Toten", sagt Kistupa Peas und blickt dem schönen Wesen hinterher. Kistupa gehört zum Volk der Achuar-Indianer und führt seit gut zwei Jahren Fremde durch seine Heimat. Diese Heimat ist mehr als 5000 Quadratkilometer groß und besteht aus bislang unberührtem Regenwald. Sie liegt im Südosten Ecuadors im tiefsten Dschungel am Beginn des riesigen Amazonasbeckens kurz vor der Grenze zu Peru.

"Die nächste Stadt ist zwölf Tagesmärsche weit entfernt", rechnet Kistupa vor. Selbst mit einem Motorkanu bräuchte man mindestens 24 Stunden bis dorthin. Hier, wo der Kapawi-Fluss nach ein paar Windungen in den großen Pastaza-Strom mündet, einen der Zuflüsse zum Amazonas, gibt es weder Straßen noch Pisten, sondern nur endlos erscheinenden Regenwald. Mittendrin im grünen Paradies liegt an einer Lagune die "Kapawi-Lodge", und dort arbeitet Kistupa, der sich von den Touristen der Einfachheit halber Cristobal nennen lässt.

Vorbild für sanften Tourismus im Regenwald

Die Lodge gilt als Experiment und zugleich als Vorbild für sanften Tourismus im Regenwald. Alle Häuser und Hütten wurden von den Achuar-Indianern in traditionellem Stil aus Holz gebaut, dabei wurde nicht ein einziger Nagel verwendet. Trotzdem wird auf moderne Technik und Komfort nicht verzichtet. So versorgen geschickt installierte Solarzellen die Lodge mit Strom, das Trinkwasser wird in drei Stufen gefiltert, und alle Hütten verfügen über heißes Wasser. Die Abfälle werden kompostiert und Reste zurück in die Stadt gebracht. Selbst das Duschgel stammt aus dem Regenwald und ist biologisch abbaubar.

Kapawi-Lodge (Luftbild): Häuser und Hütten wurden in traditionellem Stil gebaut
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Kapawi-Lodge (Luftbild): Häuser und Hütten wurden in traditionellem Stil gebaut

Die "Kapawi-Lodge" gilt in Ecuador als bahnbrechend, weil sie zu den ersten Anlagen gehörte, die in Partnerschaft mit den Indianer-Gemeinschaften gebaut wurden. Die Betreiberagentur Canodros aus Guayaquil zahlt eine Pacht, und im Jahre 2011 soll die Lodge vollständig in das Eigentum der Achuar-Organisation Finae übergehen.

Um in den Dschungel der Achuar zu gelangen, geht es zunächst von Ecuadors Hauptstadt Quito per Linienflug nach Coca im Nordosten des Landes. Von dort bringt eine Propellermaschine die Reisenden zum Militärstützpunkt Montalvo mitten im Regenwald. Der Rest des Weges wird per Hubschrauber und schließlich mit Motorkanus zurückgelegt. Das Ganze dauert einen halben Tag, anschließend befindet man sich in einer anderen Welt - der Welt der Achuar. Es herrschen 38 Grad Celsius Hitze bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Kameras und Ferngläser beschlagen, die Haut klebt vor Hitze. Haare und Hemd sind nach wenigen Schritten nass geschwitzt. Insgesamt 4500 Achuar leben in dieser Ecke Ecuadors.

Aggressive Ameisen, scheue Schlangen

Bei allen Dschungeltouren, die zwei bis vier Stunden dauern, sind zwei Guides dabei: ein Ecuadorianer, der fließend Englisch spricht, und ein Achuar-Guide, der neben seiner Stammessprache auch Spanisch versteht. Normalerweise geht der Achuar voran, er kennt den Dschungel am besten, sieht all die Insekten, Frösche, Vögel und Spinnen und würde auch als Erster den hier vorkommenden Giftschlangen begegnen. "Doch Schlangen sind sehr scheu", beruhigt Kistupa. Da seien einige Ameisen schon angriffslustiger. Es soll welche geben, nach deren Biss man zwei Tage krank im Bett liegt, andere lassen sich angeblich von den Bäumen fallen und fressen Haare.

Ara: Papageien gehören zu den Tieren, die im Urwald der Achuar-Indianer für eine niemals verstummende Geräuschkulisse sorgen
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Ara: Papageien gehören zu den Tieren, die im Urwald der Achuar-Indianer für eine niemals verstummende Geräuschkulisse sorgen

Deshalb gilt: Im Dschungel werden trotz der schwülen Hitze Hüte getragen. Dazu langärmelige Hemden, lange Hosen - und Gummistiefel. "Etwas Besseres als Gummistiefel hat man für Dschungelwanderungen noch nicht erfunden", behauptet der Lodge-Manager José Luis.

Bei den Wanderungen im dunkel-, hell- und manchmal giftgrünen Dschungel sind alle Sinne gefordert. Für Augen und Ohren gibt es viele neue Eindrücke. Papageien kreischen, Insekten summen und sirren. An einer Stelle ist ein Geräusch zu hören, das nach einer Kolonne marschierender Soldaten klingt. Die Erklärung ist zehn Meter über den Köpfen der Wanderer am Stamm eines Urwaldriesen zu finden: ein großes Wespennest. Auch die Nase hat zu tun: Der Urwald riecht nach Moder und Vergänglichkeit, nach nassem Holz und feuchter Erde.

T-Shirt statt Palmfaserhemd

Für die Achuar, die noch vor 30 Jahren die Häupter ihrer getöteten Feinde zu Schrumpfköpfen verarbeiteten, ist die "Kapawi-Lodge" eine wichtige Einnahmequelle. Schließlich benötigen die Indianer in den weit verstreut im Wald liegenden 50 Dorfgemeinschaften Geld für Medikamente, Kleidung sowie Dinge wie Batterien und Stifte, denn die Kinder gehen zur Schule. "Es macht keinen Sinn mehr, zwei Wochen an einem Kleidungsstück aus Palmfasern zu arbeiten, wenn man sich für fünf Dollar ein T-Shirt kaufen kann", erklärt Kistupa. Die Achuar leben zwar mitten im Dschungel, aber keineswegs hinter dem Mond. In einigen Dörfern gibt es Kofferradios, über die Nachrichten empfangen werden, die in der Achuar-Sprache produziert werden.

Fluss Kapawi: Mitten im grünen Paradies liegt die Kapawi-Lodge
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Fluss Kapawi: Mitten im grünen Paradies liegt die Kapawi-Lodge

Kistupa kann sich ein Leben ohne Urwald nicht vorstellen. "Wir werden nicht zulassen, dass der Wald vernichtet wird", sagt er. Doch diese Gefahr besteht, denn unter dem Boden liegt Erdöl. Ein Ölkonzern sei schon am Ort gewesen, um erste Einschätzungen vorzunehmen.

"Wir werden dagegen kämpfen", sagt Kistupa. Denn was eine Erschließung des Regenwaldes und Erdölförderung bedeuten, können Reisende im Nordosten Ecuadors in der Umgebung der Stadt Coca sehen. Erst kamen Bulldozer und Arbeiter, dann folgten Umweltzerstörung, Kriminalität und Prostitution. Die Entwicklung um Coca mit ihrem Wildwest-Milieu hat sich bis zu den Achuar herumgesprochen. Das einst kriegerische Indianervolk ist sich einig: "Wir wollen in Frieden in unserem Wald leben. Wir wollen keine Bulldozer und Erdölpumpen, wir möchten lieber Bird-Watcher und Öko-Touristen."

Von Georg Alexander, gms



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