Bell Island in Kanada Wracks unter dem Leuchtturm

Vor Bell Island zeugen vier versunkene Frachter von einem der wenigen Militärangriffe der Deutschen auf Nordamerika im Zweiten Weltkrieg. Mit U-Booten griffen sie Erztransporter an - heute können Taucher die Wracks erkunden.

TMN

Lance Cove - Mehr als 65 Jahre ist es her, dass deutsche U-Boote den Zweiten Weltkrieg an die kanadische Ostküste trugen. Nahe der Insel Bell Island in Neufundland versenkten sie Frachter, die auf dem Weg nach England waren - nur an wenigen Orten auf dem amerikanischen Kontinent gelang es Hitler-Deutschland so wie hier, Zerstörungen anzurichten. Heute locken die Folgen des Krieges Taucher an, die sich die Wracks bei Bell Island aus der Nähe anschauen wollen. Aber nicht nur für sie lohnt sich der ungewöhnliche Abstecher an Kanadas "Ende der Welt".

4. September 1942: U-513 dringt bei St. John's in die Conception Bay ein. Vor der Steilküste von Bell Island erwartet das von Kapitänleutnant Rolf Rüggeberg befehligte U-Boot den Tagesanbruch. Am Tag darauf steigt es auf Periskoptiefe - schnell macht Rüggeberg seine Ziele aus. Zwei Erzfrachter, die "Saganaga" und die "Lord Strathcona", ankern dicht vor der Insel.

Um 11.07 Uhr treffen zwei deutsche Torpedos die "Saganaga" mittschiffs, in weniger als 30 Sekunden geht der 5000-Tonnen-Frachter unter. 29 Mann der 48-köpfigen Besatzung kommen ums Leben. Wenige Minuten später torpediert U-513 den 7500-Tonner "Lord Strathcona". Auch dieses Schiff sinkt rasch, doch dieses Mal kann sich die Mannschaft ans Ufer retten.

Neufundlands Behörden reagieren mit der Befestigung der Hafenanlagen von Bell Island: Maschinengewehre und Scheinwerfer werden installiert, doch zwei Monate später erlebt die Insel den zweiten deutschen U-Boot-Angriff. Anfang November führt Kapitänleutnant Friedrich Wissmann U-518 in die Conception Bay, wobei er sich nachts so dicht an den Steilküsten hält, dass die Besatzung, wie Crewmitglieder sich später erinnern, die Scheinwerfer der oben fahrenden Autos erkennt. Am Morgen des 2. November befiehlt Wissmann den Angriff auf drei Erzfrachter. Der erste Torpedo verfehlt das Ziel und zerstört die Scotia Pier. Dann aber werden die "Rose Castle" und die "P.L.M. 27" versenkt. Fast 40 Seeleute kommen dabei ums Leben.

U-Boot entkommen, Kuh tot

Natürlich nimmt die Bürgerwehr U-518 unter Feuer, doch das U-Boot entkommt. "Alles, was die damals getroffen haben, war eine Kuh", sagt Rick Stanley und schmunzelt. Stanley führt eine Tauchbasis in Conception Bay South und ist mit den alten U-Boot-Geschichten aufgewachsen. "Die Explosionen waren so laut, dass alle hier dachten, eine Invasion stehe bevor. Viele hatten Sonntagskleidung angelegt, um hoch erhobenen Hauptes in Gefangenschaft zu gehen", erzählt er.

Die Wracks der vier Frachter liegen noch immer da, wo sie ihr Grab fanden. Sporttaucher aus aller Welt, erzählt Stanley, bringe er nach unten. Sie alle wollten die Zeugnisse des ersten Angriffs von Hitler-Deutschland auf Nordamerika mit eigenen Augen sehen. Am liebsten sähe Stanley allerdings ebenso viele Besucher auch über der Wasseroberfläche, denn die finanzielle Lage der Insel ist nicht allzu rosig. Fremde verirren sich nur selten hierher.

Tatsächlich erinnert auf der 9 mal 3,5 Kilometer großen Insel so gut wie nichts an die Kriegsjahre. Nur vor einem Laden, der Tiere aus Zement anbietet, weist ein Schildchen auf eine "Seaman's Memorial and Picnic Area" in Lance Cove hin. Am Fuß eines Hügels liegt auf einem schmalen Uferstreifen aus Gras und Schotter ein reizloser Trailerstellplatz mit Blick aufs Festland. Gleich daneben befindet sich das "Mahnmal für den Seemann". Es besteht aus einem Fahnenmast, ein paar Tafeln mit Namenslisten und einem großen Anker.

Nur einen Steinwurf vom Ufer entfernt dümpeln weiße Bojen. Dort verursachten die deutschen Torpedos damals ein Inferno, dort liegen die Wracks. Wer um die Geschichte dieses Ortes weiß, spürt seine Schwere. Wie es zugegangen sein mag damals, weiß man spätestens seit dem Film "Das Boot" nach dem Buch von Lothar-Günther Buchheim.

Erz als Angriffsgrund

Wer nicht taucht, den fährt Rick Stanley gern im Schlauchboot rund um die von knapp 3000 Menschen bewohnte Insel. 70 Meter hohe Klippen aus grau-braunem Schiefer, Seevogelkolonien und ein wildromantisch liegender Leuchtturm warten darauf, entdeckt zu werden. Befragt nach dem Fehlen jeglicher Beschilderung der historischen Stellen zuckt Stanley jedoch die Achseln: "Man muss wie ein Insulaner denken. Auf Bell Island verfährt man sich nicht. Wer sein Ziel trotzdem nicht findet, klopft einfach irgendwo an und lässt sich den Weg erklären."

Ausgewiesen ist nur das "No. 2 Mine and Museum". Es erinnert an den Grund, warum die deutschen U-Boote überhaupt hierherkamen. Bei Bell Island lagerten damals die größten unterseeischen Erzvorkommen der Welt: In langen, unterseeischen Schächten wurden von 1895 bis 1966 mehr als 70 Millionen Tonnen abgebaut.

Einer dieser Schächte beginnt unter dem kleinen Museum, das Führungen hinab in die feuchte Düsternis veranstaltet. Früher war Deutschland unter den größten Abnehmern. Nach Kriegsbeginn versiegte diese Quelle, und Bell Island geriet als Erzlieferant der Alliierten ins Fadenkreuz der U-Boote.

Das Museum beschäftigt ein halbes Dutzend Insulaner. "Fünf Familien mehr, die auf der Insel bleiben können, anstatt auf dem Festland Arbeit zu suchen", sagt Rick Stanley. Heute sind die meisten Schächte geflutet und unzugänglich. Stanley, der Bell Islands Zukunft im Tourismus sieht, brütet allerdings schon seit langem über einer Idee: "Die unterseeischen Schächte könnten ein Weltklasse-Tauchrevier sein" - eines, zu dem sich die Taucher werden durchfragen müssen.

Ole Helmhausen, dpa



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