Bergsteigerziel Pakistan Todeskampf im Karakorum

K2, Nanga Parbat, Broad Peak, Gasherbrum I und II: Pakistans Achttausender locken die globale Elite der Extrembergsteiger an - und das trotz immer neuer Todesfälle und Unglücke in eisigen Höhen. Doch jetzt schwächelt das Klettergeschäft. Terrorgefahr und Taliban schrecken die Gipfelstürmer ab.

AP

Von , Islamabad


Der Höhepunkt im Leben von Ashraf Aman, 66, ist gut dokumentiert. Im Büro des kleinen Mannes mit den grauen, strubbeligen Haaren und den freundlichen, mandelförmigen Augen hängt das Foto von jenem Moment, der ihm den Ruhm einbrachte, von dem er noch heute zehrt: ein Mann auf dem Gipfel des K2, dem zweithöchsten Berg der Welt. Aman hat es im August 1977 als erster Pakistaner auf jene 8611 Meter (nach neuerer Messung 8614 Meter) geschafft.

Er hält eine Flagge in die Kamera, weißer Halbmond und Stern auf grünem Hintergrund - ein Gruß von der chinesisch-pakistanischen Grenze an die Heimat. Auf der Nordseite dieser höchsten Erhebung des Karakorums liegt Xinjiang, China, auf der Südseite blickt man auf den pakistanischen Teil Kaschmirs.

"Ich war schon in 27 Ländern dieser Erde, in teils sehr schönen Ländern", sagt Aman. "Aber ich habe nirgendwo etwas gesehen, was es in Pakistan nicht gibt." Er erhebt sich von seinem Schreibtischstuhl, die Rückenlehne ist bestickt, "Ashraf Aman, 8611 metres" steht dort. Aman holt einen Pakistan-Bildband aus dem Regal. "Gigantische Berge, grüne Täler, reißende Flüsse, romantische Seen, faszinierende Wüsten, das alles gibt es hier", sagt er, während er das Buch durchblättert. "Und dann unsere Obstplantagen, Mangos zum Beispiel, ooooh!" Er schließt seine Augen, lächelt und reibt sich den Bauch, über dem das Hemd ein bisschen spannt. Die sportlichen Großtaten liegen ein paar Jahre zurück.

Seit bald 30 Jahren konzentriert sich Aman mehr darauf, anderen den Weg zu den pakistanischen Gipfeln zu bereiten. Immerhin stehen fünf der 14 Achttausender dieser Welt auf pakistanischem Boden: K2, Nanga Parbat, Hidden Peak, auch Gasherbrum I genannt, Broad Peak und Gasherbrum II. Der Nanga Parbat ist der einzige davon, der sich komplett auf pakistanischem Territorium befindet. Auf ihm, zum "Schicksalsberg der Deutschen" verklärten Gipfel, haben seit Anfang der dreißiger Jahre mehrere deutsche Bergsteiger ihr Leben gelassen.

Tödliches Risiko am Berg

"Der gefährlichste Berg ist aber der K2", sagt Naiknam Karim, Geschäftsführer von Amans Reiseunternehmen Adventure Tours Pakistan. "Gemessen an den erfolgreichen Besteigungen, kommt etwa jeder Fünfte nicht wieder zurück." Im vergangenen Jahr starben Anfang August elf Mitglieder eines internationalen Teams nach zwei Schneelawinen. Karim lächelt. "Das klingt jetzt gefährlicher als es ist", sagt er. "Im Durchschnitt aller Achttausender-Besteigungen würde ich sagen, dass etwa drei Prozent ums Leben kommen."

Aman und Karim haben ihre Erfahrungen mit Lawinen, Stürzen in Fels- und Gletscherspalten, Erschöpfung und Erfrierungen. Regelmäßig müssen sie Rettungen von in Not geratenen Bergsteigern organisieren. Erst kürzlich starb ein Spanier, der seine Expedition zum Gipfel des Latok I, einer 7145 Meter hohen Spitze im Karakorum, bei ihnen gebucht hatte. Oscar Pérez, 33, war mit seinem Freund Álvaro Novellón am 8. Juli von Islamabad aus in den Nordosten des Landes gestartet, am 15. Juli kamen sie am gemeinsamen Basislager des Latok I und des 37 Meter kleineren Latok II an. "Sie stiegen mehrmals auf, um in unterschiedlichen Höhen Camps einzurichten", erklärt Karim ihr Vorgehen. "Man muss ja auch den Körper an diese Höhen gewöhnen."

Drama am Latok I

Am 6. August starteten Pérez und Novellón dann zum Gipfel des Latok I. Zwei Tage später stürzte Pérez auf etwa 6300 Meter Höhe und brach sich Arm und Bein. Das Wetter war miserabel, die Sicht durch einen aufkommenden Sturm immer schlechter. Peréz hatte Schmerzen, er konnte weder weiter noch zurück. Novellón entschied sich, alleine zurück ins Basislager zu gehen und Hilfe zu holen. Er ließ Peréz im dicken Schlafsack und mit ein paar Lebensmitteln zurück. Am 9. August erreichte er das Basislager. "Der Anruf von dort erreichte uns am Abend gegen 19.30 Uhr", sagt Karim. "Wir informierten sofort die Firma Askari Aviation, die Rettungshubschrauber betreibt."

Eliaz Ahmed Mirza ist ein Mann mit tiefer Stimme. Er könne nicht nachvollziehen, weshalb zwei junge Leute sich nicht einer Gruppe anschließen, sondern alleine bei so schlechtem Wetter zum Gipfel hinauf wollen, sagt er. Leichtsinnig sei das, sagt er. Der ehemalige Oberst der pakistanischen Armee ist leidenschaftlicher Hubschrauberflieger, er arbeitet jetzt für Askari Aviation, eine Firma, die Abenteurer in jene Gegenden Pakistans fliegt, in die man mit anderen Verkehrsmitteln nur nach tagelanger Anreise gelangt. Alle Piloten, die Askari Aviation beschäftigt, sind ehemalige Militärs. Mit modernsten Hubschraubern, überwiegend mit Ecureuil-Modellen aus dem Hause EADS, fliegen sie auch Rettungseinsätze in den Bergen.

Am Morgen des 10. August ruft Naiknam Karim von Adventure Tours Pakistan bei den Männern von Askari Aviation an. Ein Spanier stecke am Latok I auf 6300 Metern fest, sie sollten per Hubschrauber vier spanische Kletterer von Skardu ins Basislager fliegen, die dann einen Rettungsversuch starten wollten.

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