Bierbrauer in Äthiopien Bratwurst mit Blondy

Zu den Käsespätzle gibt es Bier nach dem deutschen Reinheitsgebot: Ein äthiopischer Braumeister hat in Addis Abeba ein kulinarisches Denkmal für seine zweite Heimat Deutschland errichtet. Der volkstümliche Einrichtungsstil ist bei afrikanischen Gästen ein voller Erfolg.

Simon Riesche

Von Simon Riesche


Es dauert nicht lange, da kommt Kellnerin Mesi an diesem Abend zum ersten Mal ins Schwitzen. Im Sekundentakt nimmt sie Bestellungen entgegen, immer mehr Bierhumpen müssen sie und ihre Kolleginnen über den Hof ins Zelt tragen. Dort werden die Frauen in den blauen Dirndln bereits sehnsüchtig von Dutzenden Durstigen erwartet. Willkommen im Beer Garden Inn, einem der angesagtesten Gasthäuser in Addis Abeba!

Es sind Abende wie dieser, die Banshebi Tejiwe ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Tejiwe ist so etwas wie der Erfinder des Beer Garden Inn, in erster Linie aber Braumeister des hauseigenen Garden Bräu. "Meine Brauerei ist die einzige in Äthiopien, die sich streng an das deutsche Reinheitsgebot hält", sagt er, und man merkt sofort, wie sehr ihm sein Bier am Herzen liegt.

Im Lokal riecht es nach Bratwurst und Jägerschnitzel, nach Käsespätzle und Grillhähnchen. Gläser werden aneinander gestoßen, das Lachen einer Frau mischt sich mit den Gesprächsfetzen der Männer. Wenn man für einen Moment die Augen schließt, wähnt man sich in einem Wirtshaus irgendwo in Bayern - nicht aber mitten in Afrika.

Selber zapfen am Dreiliterturm

Trotz der guten Küche, die meisten Gäste kommen vor allem wegen des Bieres hierher. Zwei Sorten Garden Bräu hat Braumeister Tejiwe im Angebot, das helle "Blondy" und das dunkle "Ebony". Mitten im Lokal stehen die beiden kupfernen Läuter- und Maischbottiche. Jeder soll sehen, dass das Bier direkt von hier kommt.

Serviert wird im Halbliterglas, Maßkrug oder gleich im Dreiliterturm zum Selberzapfen. "Am meisten schätzen die Leute, dass man von meinem Bier keine Kopfschmerzen bekommt", sagt Tejiwe und grinst. Das sei in Äthiopien eben alles andere als selbstverständlich. Im Gegensatz zum Garden Bräu würden so gut wie alle anderen lokalen Biere Zusatzstoffe beinhalten. "Wasser, Malz, Hopfen und Hefe - mehr ist bei mir nicht drin", versichert er.

Die Geschichte von Banshebi Tejiwe und seinem Bier ist eine deutsch-äthiopische Erfolgsstory. Sie beginnt in Addis Abeba während der Studentenunruhen der siebziger Jahre, als Haile Selassie noch Kaiser von Äthiopien ist. Wie vielen anderen jungen Studenten wird auch Tejiwe, der eigentlich Elektroingenieur werden wollte, das Studium verboten. Notgedrungen sucht er sich etwas anderes, beginnt eine Ausbildung in der äthiopischen Großbrauerei Saint George.

Ein deutscher Brauingenieur habe ihn dann endgültig auf den Biergeschmack gebracht, erinnert er sich. Tejiwe bekommt die Möglichkeit, nach Deutschland zu gehen. In Ulm absolviert er die Braumeisterschule, studiert anschließend in Weihenstephan Brauwesen. "Alle guten Bierbrauer kommen aus Weihenstephan", behauptet er nicht ohne Stolz.

Später heiratet Tejiwe sogar in Deutschland, doch für ihn ist immer klar, dass er einmal zurück nach Äthiopien gehen will. Anders als in Deutschland werden dort schließlich gute Braumeister dringend gebraucht. Seine deutsche Frau lässt sich überzeugen, zieht mit ihm nach Ostafrika. Den Traum, in der Heimat eine eigene Brauerei aufzumachen, habe er fast 25 Jahre lang gehabt, verrät er heute. Lange Zeit scheiterte das Projekt jedoch an der Finanzierung.

Eine Art Familienunternehmen

2006 ist es dann endlich so weit. Unweit des internationalen Flughafens von Addis Abeba öffnet das Beer Garden Inn seine Tore. Es ist eine Mischung aus Hotel und Wirtshaus geworden. Neben Tejiwe sind ein Ehepaar aus Deutschland und fünf Äthiopier Teilhaber, trotzdem ist es eine Art Familienunternehmen: Tochter Ariane managt das Hotel, Vater Banshebi braut das Bier.

Natürlich ist es für äthiopische Verhältnisse nicht billig im Beer Garden Inn, doch es kommen nicht nur Diplomaten und internationale Geschäftsleute vorbei, im Gegenteil. "Gerade am Anfang haben uns hier die Äthiopier die Bude eingerannt", sagt Tejiwes Tochter Ariane Addisitu Funder. Auch jetzt würden Einheimische noch immer die Mehrheit der Gäste ausmachen, wobei die Stammkunden doch eher Ausländer seien.

Eine entsprechend bunte Mischung an Menschen hat sich heute an den langen Holztischen des Bierzeltes versammelt. Hale, ein junger äthiopischer Journalist diskutiert mit zwei amerikanischen Freunden, die in diesem Jahr in Ostafrika eine Investmentfirma aufmachen wollen. "Das Bier schmeckt phantastisch", sagt einer. Ein paar Tische weiter kichert eine Gruppe aufgetakelter äthiopischer Mädchen, daneben isst ein schwedischer Geschäftsmann schweigend bayerischen Bierbraten mit Sauerkraut.

Zwischen kitschig und anrührend

Die Welt ist zu Gast im Beer Garden Inn in Äthiopien, und das vor einer Kulisse, die so deutsch ist, dass man sie schon fast wieder für einen cleveren Marketinggag halten könnte. Es ist aber alles ernstgemeint in der gutbürgerlichen Stube von Banshebi Tejiwe. "Ich bin eigentlich kein großer Geschäftsmann", sagt er. Das Bier Garden Inn solle "einfach nur das Ambiente haben, das ich in Deutschland so geliebt habe".

Ein Gasthaus als Lebenswerk eines zurückgekehrten Auswanderers, der seiner zweiten Heimat ein Denkmal setzen will. "Hopfen und Malz, Gott erhalt's", steht in geschwungenen Lettern auf einer gekachelten Wand neben der Theke. Was in Deutschland kitschig wäre, im Beer Garden Inn in Addis Abeba ist es sympathisch bis anrührend.

Vermisst er Deutschland? "Ja, manche Sachen schon, zum Beispiel die Genauigkeit oder die Ordnung", sagt Tejiwe nach kurzem Nachdenken, "aber auch in Deutschland findet man keinen Gärkeller, der so sauber ist wie meiner". Tejiwe muss lachen, als er das sagt. Ganz schön penibel ist er geworden.

Seine Mitarbeiter haben sich inzwischen an die strengen Regeln ihres Chefs gewöhnt. "Ich mag Deutschland sehr", sagt Kellnerin Mesi. Sie sei zwar noch nie da gewesen, habe aber trotzdem das Gefühl, sich dort sehr gut auszukennen. "Das hier ist mein Deutschland", strahlt sie. Sie meint das Deutschland von Banshebi Tejiwe. Es ist ein schönes Land.



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