29. November 2012, 09:06 Uhr

Campervan-Bildband

Mit Gardine in den Dschungel

Von Julia Stanek

Licht scheint hinterm Vorhang, Lampions baumeln an der Markise, und alles unterm Sternenhimmel: Wenn Wohnwagenbesitzer ihre Häuslichkeit mitten in die Natur verlegen, wird's surreal. Ein Fotograf hat sich in Florida bei Nacht auf die Lauer gelegt - und Aufnahmen von mysteriöser Schönheit gemacht.

Eine Taschenlampe, eine Kamera und eine Notlüge hatte Frank Hallam Day im Gepäck, als er sich durch die tropischen Wälder von Florida schlug. Nächtelang fotografierte er dort nicht nur Bäume und Blätter, sondern auch alles Blech, das ihm vor die Linse kam. Und davon gab es jede Menge. "Ich habe einfach überall Wohnwagen gesehen", sagt Day, der zwar eigentlich bloß den "Nachtdschungel" von Florida in Bildern festhalten wollte. Dann aber eine besondere Leidenschaft für Campervans entwickelt.

Dutzende davon entdeckte er während vier Wintern, er nahm sie aus versteckten Winkeln auf, damit ihn niemand sah. "Die Besitzer wussten nicht, dass ich da war", sagt Day. Bei neugierigen Nachfragen "hätte ich so getan, als wäre ich Eulen auf der Spur gewesen".

Wie eine nachtaktive Kreatur, so fühlt sich auch der US-Amerikaner, dessen knapp 80 Seiten starker Bildband "Nocturnal" nun im Kehrer-Verlag erschienen ist. "Ich bin ein Vampirfotograf", sagt Day, der die Nacht liebt und mit dem Tag nichts anfangen kann. "Tagsüber komme ich niemals raus", sagt er. "Die Nacht ist einfach geheimnisvoller, bewegender."

Baumkrone im Scheinwerferlicht

Besonders spannend findet Day es, wenn Licht ins Dunkel kommt, zum Beispiel in der Nähe von Städten. "Es gibt dem Himmel eine unverwechselbare Farbe, wenn Stadtlichter an den Wolken abprallen." Doch auch dort, wo Menschen in die Natur drängen, gebe es diese wunderbaren Stimmungen, die er zu gerne fotografiert. Ein solcher Moment brachte Day auch auf die Idee zu dem Projekt in den Wäldern von Florida.

Eines Abends saß er an einem Lagerfeuer und beobachtete das flackernde Licht in den Baumkronen. Day fing an, die angestrahlten Äste, Palmwedel und das Blattwerk zu fotografieren, das ohne den Schein des Lagerfeuers unsichtbar gewesen wäre. "Es war mysteriös und wirkte gut."

Er konnte nicht genug davon bekommen und machte sich in vielen folgenden Nächten auf die Socken. "Weil ich nicht immer ein Lagerfeuer mit mir herumschleppen konnte, entschied ich mich dafür, Taschenlampen mitzunehmen." Er leuchtete das Blätterdach aus, stellte Belichtungszeiten von bis zu 30 Sekunden ein und drückte immer wieder auf den Auslöser.

Doch eines nachts zogen nicht tropische Bäume die Aufmerksamkeit auf sich, sondern ein silberner Airstream-Großraumwohnwagen. "Er leuchtete in der Dunkelheit", sagt Day, "ein bisschen wie eine Weltraumkapsel." Der Fotograf war wie gefesselt von der Wirkung dieses Bildes: "Das grelle Licht aus dem Inneren schwappte in die Wildnis."

Zahme Abenteurer

Ihm stach die Häuslichkeit ins Auge, die Menschen in unberührte Landschaften pflanzen. Und ihm wurde klar, welch Ironie in den Namen der Fahrzeuge steckt: Ob "Escaper", "Wilderness", "Eagle" oder "Mountain Lion" - all diese Produktbezeichnungen deuten auf die Liebe zum Abenteuer hin. "Die Namen wirken einfach seltsam, wenn man bedenkt, wie wenig echte Interaktion mit der Natur die Wohnwagenbesitzer oft haben und welch zahmen Lebensstil sie hegen."

Oft klangen aus dem Inneren der Recreational Vehicle, wie Wohnwagen in den USA auch genannt werden, die monotonen Klänge einer Fernsehsendung. Und die Klimaanlage sorgte dafür, dass der Duft des Waldes vor der Tür blieb.

Day selbst schläft stets in einem Zelt, wenn er reist. "Das ist viel einfacher und billiger", sagt der Washingtoner, der regelmäßig in den Sunshine State reist, wenn es ihm in seiner Heimatstadt zu kalt wird. "Die Flucht vor dem Winter ist inzwischen mein Lebensprinzip", sagt er.

Wie es scheint, ist er da nicht der Einzige. Der Band "Nocturnal" zeigt in 50 Bildern, wie es sich Menschen in ihren mobilen Behausungen im Dschungel von Florida heimisch eingerichtet haben. Fast auf allen Fotos schimmert warmes gelbes Licht durch zugezogene Vorhänge, vor manchen Campern stehen Picknickbänke, und eine Markise ist mit bunten Lampions geschmückt, als hätte gerade ein geheimes Fest stattgefunden.

Desinteresse an Gemeinschaft

Aber fahren diese Menschen mit ihren Wohnwagen in die Natur, um Wärme zu tanken? Was tun sie hier, so isoliert von der Zivilisation? Verstecken die sich vor einer Katastrophe, von der man nichts mitgekriegt hat? Fragen wie diese stellte sich Day beim Beobachten der weißen oder silbernen Campervans.

Die Fotos in "Nocturnal" vermitteln Days Gedankenspiele: Einige Wohnwagen wirken wie eine Zuflucht für Überlebende der Apokalypse. Andere erzählen von der Sehnsucht nach dem Ausbrechen, vom Bedürfnis nach einer anderen Lebensform. Oder von der Abschottung vor der Natur - mitten in der Natur. Day selber will mit seinen Bildern auch Tendenzen in der Gesellschaft kommentieren: das Desinteresse an Gemeinschaft und sozialem Raum zum Beispiel; den Individualismus, der den Leuten immer wichtiger wird.

Wie stark die Leute in ihren Wohnwagen auf sich selbst fixiert sind, zeigt die Tatsache, dass nur ein einziger Mensch den Fotografen während seines Projekts bemerkt hat. "Ich war die ganze Zeit nervös", sagt Day. Und er war froh, die Nummer mit der angeblichen Vogelbeobachtung nicht abziehen zu müssen. Denn während der unzähligen Nächte, in denen er mit seinen Taschenlampen in Büsche und Bäume leuchtete, entdeckte er nicht eine einzige Eule.


Frank Hallam Day: "Nocturnal". Kehrer Verlag; 77 Seiten; 39,90 Euro.


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