Campervan-Bildband: Mit Gardine in den Dschungel

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Licht scheint hinterm Vorhang, Lampions baumeln an der Markise, und alles unterm Sternenhimmel: Wenn Wohnwagenbesitzer ihre Häuslichkeit mitten in die Natur verlegen, wird's surreal. Ein Fotograf hat sich in Florida bei Nacht auf die Lauer gelegt - und Aufnahmen von mysteriöser Schönheit gemacht.

Florida-Bildband: Der Wohnwagen-Wald Fotos
Frank Hallam Day

Eine Taschenlampe, eine Kamera und eine Notlüge hatte Frank Hallam Day im Gepäck, als er sich durch die tropischen Wälder von Florida schlug. Nächtelang fotografierte er dort nicht nur Bäume und Blätter, sondern auch alles Blech, das ihm vor die Linse kam. Und davon gab es jede Menge. "Ich habe einfach überall Wohnwagen gesehen", sagt Day, der zwar eigentlich bloß den "Nachtdschungel" von Florida in Bildern festhalten wollte. Dann aber eine besondere Leidenschaft für Campervans entwickelt.

Dutzende davon entdeckte er während vier Wintern, er nahm sie aus versteckten Winkeln auf, damit ihn niemand sah. "Die Besitzer wussten nicht, dass ich da war", sagt Day. Bei neugierigen Nachfragen "hätte ich so getan, als wäre ich Eulen auf der Spur gewesen".

Wie eine nachtaktive Kreatur, so fühlt sich auch der US-Amerikaner, dessen knapp 80 Seiten starker Bildband "Nocturnal" nun im Kehrer-Verlag erschienen ist. "Ich bin ein Vampirfotograf", sagt Day, der die Nacht liebt und mit dem Tag nichts anfangen kann. "Tagsüber komme ich niemals raus", sagt er. "Die Nacht ist einfach geheimnisvoller, bewegender."

Baumkrone im Scheinwerferlicht

Besonders spannend findet Day es, wenn Licht ins Dunkel kommt, zum Beispiel in der Nähe von Städten. "Es gibt dem Himmel eine unverwechselbare Farbe, wenn Stadtlichter an den Wolken abprallen." Doch auch dort, wo Menschen in die Natur drängen, gebe es diese wunderbaren Stimmungen, die er zu gerne fotografiert. Ein solcher Moment brachte Day auch auf die Idee zu dem Projekt in den Wäldern von Florida.

Eines Abends saß er an einem Lagerfeuer und beobachtete das flackernde Licht in den Baumkronen. Day fing an, die angestrahlten Äste, Palmwedel und das Blattwerk zu fotografieren, das ohne den Schein des Lagerfeuers unsichtbar gewesen wäre. "Es war mysteriös und wirkte gut."

Er konnte nicht genug davon bekommen und machte sich in vielen folgenden Nächten auf die Socken. "Weil ich nicht immer ein Lagerfeuer mit mir herumschleppen konnte, entschied ich mich dafür, Taschenlampen mitzunehmen." Er leuchtete das Blätterdach aus, stellte Belichtungszeiten von bis zu 30 Sekunden ein und drückte immer wieder auf den Auslöser.

Doch eines nachts zogen nicht tropische Bäume die Aufmerksamkeit auf sich, sondern ein silberner Airstream-Großraumwohnwagen. "Er leuchtete in der Dunkelheit", sagt Day, "ein bisschen wie eine Weltraumkapsel." Der Fotograf war wie gefesselt von der Wirkung dieses Bildes: "Das grelle Licht aus dem Inneren schwappte in die Wildnis."

Zahme Abenteurer

Ihm stach die Häuslichkeit ins Auge, die Menschen in unberührte Landschaften pflanzen. Und ihm wurde klar, welch Ironie in den Namen der Fahrzeuge steckt: Ob "Escaper", "Wilderness", "Eagle" oder "Mountain Lion" - all diese Produktbezeichnungen deuten auf die Liebe zum Abenteuer hin. "Die Namen wirken einfach seltsam, wenn man bedenkt, wie wenig echte Interaktion mit der Natur die Wohnwagenbesitzer oft haben und welch zahmen Lebensstil sie hegen."

Oft klangen aus dem Inneren der Recreational Vehicle, wie Wohnwagen in den USA auch genannt werden, die monotonen Klänge einer Fernsehsendung. Und die Klimaanlage sorgte dafür, dass der Duft des Waldes vor der Tür blieb.

Day selbst schläft stets in einem Zelt, wenn er reist. "Das ist viel einfacher und billiger", sagt der Washingtoner, der regelmäßig in den Sunshine State reist, wenn es ihm in seiner Heimatstadt zu kalt wird. "Die Flucht vor dem Winter ist inzwischen mein Lebensprinzip", sagt er.

Wie es scheint, ist er da nicht der Einzige. Der Band "Nocturnal" zeigt in 50 Bildern, wie es sich Menschen in ihren mobilen Behausungen im Dschungel von Florida heimisch eingerichtet haben. Fast auf allen Fotos schimmert warmes gelbes Licht durch zugezogene Vorhänge, vor manchen Campern stehen Picknickbänke, und eine Markise ist mit bunten Lampions geschmückt, als hätte gerade ein geheimes Fest stattgefunden.

Desinteresse an Gemeinschaft

Aber fahren diese Menschen mit ihren Wohnwagen in die Natur, um Wärme zu tanken? Was tun sie hier, so isoliert von der Zivilisation? Verstecken die sich vor einer Katastrophe, von der man nichts mitgekriegt hat? Fragen wie diese stellte sich Day beim Beobachten der weißen oder silbernen Campervans.

Die Fotos in "Nocturnal" vermitteln Days Gedankenspiele: Einige Wohnwagen wirken wie eine Zuflucht für Überlebende der Apokalypse. Andere erzählen von der Sehnsucht nach dem Ausbrechen, vom Bedürfnis nach einer anderen Lebensform. Oder von der Abschottung vor der Natur - mitten in der Natur. Day selber will mit seinen Bildern auch Tendenzen in der Gesellschaft kommentieren: das Desinteresse an Gemeinschaft und sozialem Raum zum Beispiel; den Individualismus, der den Leuten immer wichtiger wird.

Wie stark die Leute in ihren Wohnwagen auf sich selbst fixiert sind, zeigt die Tatsache, dass nur ein einziger Mensch den Fotografen während seines Projekts bemerkt hat. "Ich war die ganze Zeit nervös", sagt Day. Und er war froh, die Nummer mit der angeblichen Vogelbeobachtung nicht abziehen zu müssen. Denn während der unzähligen Nächte, in denen er mit seinen Taschenlampen in Büsche und Bäume leuchtete, entdeckte er nicht eine einzige Eule.


Frank Hallam Day: "Nocturnal". Kehrer Verlag; 77 Seiten; 39,90 Euro.

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1. ...
mephisto1997 29.11.2012
die gedankengänge des fotografen sind unglaublich arrogant und überheblich. denkt er wirklich, weil er im zelt schläft und ein lagerfeuer entzündet, hätte er einen besseren draht zur natur als die den komfort liebenden van-camper? ich kenne jetzt die camper im dschungel von florida nicht, aber auch ich bin mit dem motorhome mehrere male monatelang im westen der USA unterwegs gewesen und habe viele gleichgesinnte getroffen. bei den meisten kann man sehr wohl eine tiefe liebe zur und einfühlungsvermögen in die natur feststellen. deswegen sind die leute ja dort! die natur zu mögen und zu verstehen bedeutet ja nicht, auf einige errungenschaften der technik zu verzichten, die einem den aufenthalt leichter machen. merke: auch der menschliche verstand, der diese dinge erfand, ist naturgegeben! im übrigen finde ich die spannerartige herumschleicherei des herrn abstoßend. es wäre durchaus möglich gewesen, mit den campern kontakt aufzunehmen und dennoch fotos zu machen. aber mit menschen derartig unvollkommenen naturverständnisses zu reden, ist wahrscheinlich unter seinem niveau. ist er neidisch auf die zufriedenheit dieser leute? kann er es nicht ertragen, dass sie ihren weg gefunden haben, künstliche beleuchtung einiger weniger quadratmeter mit mond- und sternenlicht für sich in einklang gebracht zu haben? soll er doch eulen fotografieren, aber die nehmen ja reißaus vor ihm und seinem lagerfeuer!..:-)
2.
ksail 29.11.2012
Zitat von mephisto1997die gedankengänge des fotografen sind unglaublich arrogant und überheblich. denkt er wirklich, weil er im zelt schläft und ein lagerfeuer entzündet, hätte er einen besseren draht zur natur als die den komfort liebenden van-camper? ich kenne jetzt die camper im dschungel von florida nicht, aber auch ich bin mit dem motorhome mehrere male monatelang im westen der USA unterwegs gewesen und habe viele gleichgesinnte getroffen. bei den meisten kann man sehr wohl eine tiefe liebe zur und einfühlungsvermögen in die natur feststellen. deswegen sind die leute ja dort! die natur zu mögen und zu verstehen bedeutet ja nicht, auf einige errungenschaften der technik zu verzichten, die einem den aufenthalt leichter machen. merke: auch der menschliche verstand, der diese dinge erfand, ist naturgegeben! im übrigen finde ich die spannerartige herumschleicherei des herrn abstoßend. es wäre durchaus möglich gewesen, mit den campern kontakt aufzunehmen und dennoch fotos zu machen. aber mit menschen derartig unvollkommenen naturverständnisses zu reden, ist wahrscheinlich unter seinem niveau. ist er neidisch auf die zufriedenheit dieser leute? kann er es nicht ertragen, dass sie ihren weg gefunden haben, künstliche beleuchtung einiger weniger quadratmeter mit mond- und sternenlicht für sich in einklang gebracht zu haben? soll er doch eulen fotografieren, aber die nehmen ja reißaus vor ihm und seinem lagerfeuer!..:-)
Ja aber hallo, was ist denn Ihnen passiert? Hier geht es um einen Bildband und einen Fotografen, der aus künstlerischem Interesse den Zusammenprall von hochtechnisierten Zivilisationsflüchtlingen und der Natur beschreibt. Sonst nichts. Alles andere interpretieren Sie - vielleicht aus persönlichen Gründen? - selbst rein. Dass der Fotograf kein Interesse an einer Kontaktaufnahme mit den Campern oder an einem eigenen Campingurlaub hat, kann Ihnen ja wohl egal sein.
3. ...
mephisto1997 29.11.2012
Zitat von ksailJa aber hallo, was ist denn Ihnen passiert? Hier geht es um einen Bildband und einen Fotografen, der aus künstlerischem Interesse den Zusammenprall von hochtechnisierten Zivilisationsflüchtlingen und der Natur beschreibt. Sonst nichts. Alles andere interpretieren Sie - vielleicht aus persönlichen Gründen? - selbst rein. Dass der Fotograf kein Interesse an einer Kontaktaufnahme mit den Campern oder an einem eigenen Campingurlaub hat, kann Ihnen ja wohl egal sein.
na, dann lesen sie sich den artikel nochmal in ruhe durch. sie werden erkennen, dass es sehr wohl auch um die gedankengänge des fotografen, teils in indirekter form, teils in direkten zitaten geht. das habe ich nicht reininterpretiert! dass ich mir darüber dann dennoch eine meinung (interpretation) erlaube, ist ja wohl legitim.
4. Oh jemine,
sondevida 29.11.2012
Zitat von mephisto1997die gedankengänge des fotografen sind unglaublich arrogant und überheblich. denkt er wirklich, weil er im zelt schläft und ein lagerfeuer entzündet, hätte er einen besseren draht zur natur als die den komfort liebenden van-camper? ich kenne jetzt die camper im dschungel von florida nicht, aber auch ich bin mit dem motorhome mehrere male monatelang im westen der USA unterwegs gewesen und habe viele gleichgesinnte getroffen. bei den meisten kann man sehr wohl eine tiefe liebe zur und einfühlungsvermögen in die natur feststellen. deswegen sind die leute ja dort! die natur zu mögen und zu verstehen bedeutet ja nicht, auf einige errungenschaften der technik zu verzichten, die einem den aufenthalt leichter machen. merke: auch der menschliche verstand, der diese dinge erfand, ist naturgegeben! im übrigen finde ich die spannerartige herumschleicherei des herrn abstoßend. es wäre durchaus möglich gewesen, mit den campern kontakt aufzunehmen und dennoch fotos zu machen. aber mit menschen derartig unvollkommenen naturverständnisses zu reden, ist wahrscheinlich unter seinem niveau. ist er neidisch auf die zufriedenheit dieser leute? kann er es nicht ertragen, dass sie ihren weg gefunden haben, künstliche beleuchtung einiger weniger quadratmeter mit mond- und sternenlicht für sich in einklang gebracht zu haben? soll er doch eulen fotografieren, aber die nehmen ja reißaus vor ihm und seinem lagerfeuer!..:-)
wie kann man einen harmlosen Artikel nur dermassen negativ lesen und bewerten? Ich habe mich richtig erschrocken ueber Ihre negative Art. Hier wird verteidigt, wo gar nicht angegriffen wurde. *Schuettel*
5. netter fuppes
klicklack 29.11.2012
Wie man auf fast jedem der gezeigten Fotos unschwer erkennen kann, hat der Fotograf mit zusätzlichem Licht gearbeitet, das zudem direkt auf die Camper gerichtet wurde. In vielen Fällen scheint es sich dabei sogar um einen Blitz gehandelt zu haben. Wer dann noch glaubt, dass tatsächlich keiner der Insassen der fotografierten Wohnmobile eine derartige Lichtquelle vor dem Fenster bemerkt hat, der dürfte ziemlich auf dem Holzweg sein. Aber natürlich lässt sich solch ein Bildband mit der Geschichte des einsam umherschleichenden "Vampirfotografen" weit besser verkaufen. Hab ich ja auch nichts dagegen. Aber ab und an mal wieder ein bisschen mehr Wahrhaftigkeit würde dem Spiegel eigentlich ganz gut tun.
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