Touristenmagnet Bison Die Riesen-Rindviecher sind los

Beim jährlichen Buffalo Round-up donnern die Hufe Tausender Bisons über die Prärie des Mittleren Westens. Erst vor kurzem wurde das archaisch wirkende Wildrind von Präsident Obama zum Nationaltier befördert.

Ram Malis

Von Winfried Schumacher


Ein wenig schlottern ihr dann doch die Knie. Mikayla Sich zieht tapfer die Zügel ihres Pferdes stramm. Noch ist alles ruhig, aber sie weiß: Bald wird die Erde hier erzittern. Dann wird eine riesige Herde Bisons über die Hügel des Custer State Park ins Tal donnern. "Mit Rindern habe ich zwar einige Erfahrung", sagt die 23-Jährige, "aber Bisons zu bändigen, ist dann doch etwas ganz anderes!"

Allerdings: Bisons und ihre europäischen Vettern, die Wisente, sind die letzten urtümlichen Wildrinder der nordwestlichen Hemisphäre. So groß wie unsere Hausrinder, doch ist das Temperament dieser wehrhaften Wildtiere völlig anders. In freier Wildbahn gelten sie als nicht weniger tödlich als ein Grizzlybär. Wenn ein Bison wütend wird, bringt er eine Tonne Kampfgewicht ins Spiel - und kann mit bis zu über 50 km/h attackieren und dabei 1,80 Meter hoch springen.

Mikayla nimmt in diesem Jahr erstmals am traditionellen Buffalo Round-up teil - das ist Teil ihrer Pflichten als amtierende Miss Rodeo South Dakota. Im größten Schutzgebiet des Bundesstaats treiben Dutzende Reiter jedes Jahr etwa 1300 Bisons zusammen. Die Jungtiere werden geimpft und gebrandmarkt. Mehr als 200 der Wildrinder werden danach zum Verkauf aussortiert.

"Vor allem die Bullen können recht aggressiv sein", sagt die dunkelhaarige Schönheitskönigin, die als Zeichen ihrer Würde zur rosa Bluse ihre Miss-Schärpe trägt: "Da gilt es, Abstand zu halten, genauso wie bei Müttern mit Kälbern." Die Besucher werden daher zu ihrer eigenen Sicherheit an zwei Aussichtspunkten eingezäunt: Sich frei im Gelände zu bewegen, wäre an diesem Tag zu riskant - wegen streunender, potenziell gereizter Bisonbullen.

Plötzlich beginnt der Boden zu beben, das Donnern der Hufe wird immer lauter. In einer Wolke aus Präriestaub strömen die getriebenen Bisons ins Tal, dem vorbereiteten Gehege mit seinen noch weit geöffneten Gattern entgegen. Mikayla treibt ihr Pferd an und hinab zu diesem tierischen Strom, an dessen Rändern die Treiber Peitschen in der Luft knallen lassen. Alles geht gut: Als die Gatter zuschlagen, kommt die Herde zum Stehen. Touristen jubeln, Mikayla strahlt routiniert in die Kameras der Round-up-Besucher.

Sündenfall: Das große Schlachten

Dass der amerikanische Bison einmal zur gefeierten Touristenattraktion werden würde, war noch vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar: Es gab einfach kaum noch welche. Von den indigenen Völkern als große Brüder verehrt, wurden die Präriegiganten ab Mitte des 19. Jahrhunderts von weißen Siedlern abgeschlachtet. Bisonjäger wie der Westernheld William Cody alias Buffalo Bill brüsteten sich damit, innerhalb weniger Monate Tausende Tiere getötet zu haben.

Schwarz-Weiß-Fotos aus den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts zeigen meterhohe Berge von Bisonschädeln, neben denen stolze Siedler posieren. Die geköpften, felllosen Kadaver verfaulten in der Präriesonne. Um 1900 hatten von schätzungsweise mehr als 30 Millionen Bisons, die vor der Ankunft der Europäer durch Nordamerika zogen, nur wenige Hundert überlebt.

Eine einzige, rund zwei Dutzend Tiere zählende Herde überlebte das Massaker, versteckt in einem Tal des Yellowstone Nationalparks. Von ihnen stammen alle heute dort lebenden Bisons ab. "Unsere Herde ist so besonders, weil in sie nie Hausrinder eingekreuzt wurden", sagt der Wildbiologe Rick Wallen, Wächter über die Yellowstone-Bisons. "Sie unterscheiden sich dadurch genetisch von Bisons, die auf Ranches nachgezüchtet wurden."

Inzwischen ist ihre Population wieder so groß, dass einige Gruppen über die Parkgrenzen in benachbartes Weideland eindringen. "Der Bison gilt unter Farmern und Viehzüchtern als zerstörerischer Bote der Wildnis", sagt Rick Wallen, "dagegen war er ursprünglich der wichtigste Vertreter einer Prärielandschaft im Gleichgewicht."

Kann ein Wildtier ökonomisches Ödland beleben?

Wallen träumt davon, dass in Zukunft mehr und mehr Bisons über die endlosen Ebenen östlich der Rocky Mountains ziehen. Dafür müssten allerdings Rancher und Landbesitzer erkennen, dass eine Rückkehr der Wildnis auch für sie Nutzen bringt. Das ist im Mittelwesten, dem Stammland der konservativen Republikaner, ein mühseliger Prozess. Manche warnen vor sozialistischen Enteignungen.

Wallen glaubt aber, dass inzwischen ein Umdenken begonnen hat: "Die Nachfrage nach Bisonfleisch steigt, weil es viel fettärmer und gesünder ist als Rindersteaks. Zudem sind die Tiere an die harschen Winter viel besser angepasst. Die jüngere Generation hat immer weniger Interesse an der Landwirtschaft. Wir brauchen ein Konzept für die Zukunft."

Wie das aussehen könnte, formulierten Deborah und Frank Popper schon 1987. Ihr Vorschlag: Weite Landstriche zu "Buffalo Commons" umzuwandeln - staatlich gehaltenes Land, das in seinen Urzustand zurückgeführt werden soll. Ein Nebeneffekt: Die Region ist von zunehmender Arbeitslosigkeit und Abwanderung betroffen. Ökotourismus, so die Commons-Befürworter, werde auch die Wirtschaft des Mittleren Westens wieder beleben.

Inzwischen haben etliche Viehzüchter ihre Farmen in Weideland für Bisons umgewandelt. Am Ende, so die Vision, könnten 360.000 Quadratkilometer als "Buffalo Commons" wieder ursprüngliche Prärie sein. Mehr als 400.000 Bisons soll es schon jetzt wieder geben. Unterstützung haben Naturschützer und Non-Profit Organisationen wie die Y2Y-Conservation-Initiativeund die American Prairie Foundation von dem Demokraten Barack Obama erfahren: Der Präsident erklärte erst im Mai den Bison per Gesetz zum neuen Nationaltier der USA - neben dem Weißkopfseeadler als Nationalvogel.

"Ich hoffe, wir können die Zahl der freilebenden Bisons irgendwann einmal verdoppeln", sagt Rick Wallen. "Und dass der Mensch noch einmal lernt, wie einst die Völker der Great Plains seinen Lebensraum mit dem Bison zu teilen."

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Tevje 09.11.2016
1. Ich hoffe,
das der vernünftige Trend zu gutem Fleisch die nachhaltige Nutzung dieser Ressource ermöglichen wird. Ohne das wird es keine weitere Zunahme der Population geben können. Ohne Ökoromantik vom "natürlichen Gleichgewicht" der Prärie, auf der die Indianer ihren "Bruder Büffel" *hüstel* zu Hunderten über Klippen in den Tod jagten, um einfacher zu ernten, ist der Bison sicher die geeignete Spezies, um diese Landschaften verträglich und nachhaltig zu bewirtschaften - angepasster, als das Rind.
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