Planet Erde

Expedition zum Alpamayo Am schönsten Berg der Welt

Michael Martin

Wegen seiner perfekten Pyramidenform gilt der Alpamayo in den Anden als Traumberg. In seinem Blog erzählt Michael Martin, wie ihn das Abseilen am Gletscher an seine Grenzen brachte.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste".

    Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde. Mit seinem Team wird er weltweit zahlreiche Reisen und Expeditionen in ausgewählte Regionen unternehmen, welche die Vielfalt der Landschaften und Lebensformen unseres Planeten zeigen.

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Lange wusste die Welt nichts von dieser Pyramide aus Eis und Schnee, nur acht Breitengrade südlich des Äquators. Zu abgelegen liegt der Alpamayo in der peruanischen Cordillera Blanca. "Ein Traumberg, wie ihn nur Kinder zu zeichnen wagen, die noch nie einen Berg gesehen haben", so schwärmte der deutsche Günter Hauser nach seiner Erstbesteigung im Jahre 1957. Und auch heute ist es nicht einfach, einen Blick auf diesen einzigartigen Berg werfen zu können.

Meine Frau Elly und ich sind mit dem Bus in Huaraz, dem "Chamonix" der Cordillera Blanca, eingetroffen und versuchen, uns einen Überblick zu verschaffen, wie man den oft als "schönsten Berg der Welt" bezeichneten Alpamayo am besten fotografieren könnte. Schnell ist klar, dass von den üblichen Trekkingrouten nur ein Blick aus der Ferne zu bekommen ist. Wenn wir auch die spektakuläre Südwestwand sehen möchten, brauchen wir einen erfahrenen Bergführer, Eisausrüstung - und Mut.

Türkisfarbene Lagune, schneeweiße Pyramide

Zwei Tage später sind wir mit dem Bergführer Juan Carlos, zwei Hochträgern, einem Koch, sechs Eseln und einem Eseltreiber unterwegs. Es geht von dem Andendorf Hualchayan hinauf zum ersten Camp in 4300 Meter Meereshöhe. Das leckere Essen wiegt die Sauerstoffarmut der Luft nicht auf.

Meine Laune wird außerdem durch das für diese Jahreszeit untypische, wolkenreiche Wetter getrübt. Dieses prägt auch am nächsten Tag die Sicht auf die Laguna Cullicocha, die von den Sechstausendern des Santa-Cruz-Gebirgsstocks überragt wird. Danach geht es hinauf zum 4850 Meter hohen Osururi-Pass, den wir aus Atemnot nur in Schneckengeschwindigkeit erklimmen. Hinter dem Pass wird das Wetter endlich besser, in der Abendsonne schlagen wir das Lager an den Ruina Pampa auf.

Fotostrecke

16  Bilder
Blog von Michael Martin: Am Traumberg Alpamayo

Noch vor den ersten Sonnenstrahlen brechen wir auf und folgen dem wunderschönen Alpamayo-Tal. Nach einer Stunde erblicken wir zum ersten Mal unseren Traumberg: Als perfekte weiße Pyramide bildet er den Talabschluss. Immer wieder stellen wir das Foto- oder Filmstativ auf, um den Berg in Szene zu setzen.

Am Talende steigen wir eine steile Gletschermoräne hinauf, hinter der sich die Laguna Jankarurish verbirgt. Was für ein Anblick: der türkisfarbene See, senkrechte Felswände, ein Wasserfall, der Gletscher und darüber die Eisspitze des Alpamayo. Am Nachmittag erreichen wir das nördliche, 4500 Meter hoch gelegene Basislager.

Letztes Lager auf 5000 Metern

Am nächsten Morgen steigen wir zum Hochlager auf, nur von dort hat man einen Blick auf die berühmte Südwestwand des Alpamayo. Der Weg führt durch ein unwegsames, 40 Grad steiles Geröllfeld. Einige exponierte Kletterstellen bringen uns an persönliche Grenzen, ohne Juan Carlos wären wir ohne Chance.

Unsere beiden Träger sowie der Koch sind dagegen mit alten Turnschuhen und schwerem Gepäck auch in diesem Gelände sicher unterwegs. Nachmittags erreichen wir das sogenannte Moränenlager in 5000 Meter Höhe. Ich verbringe den Nachmittag damit, das Spiel aus Licht und Eis zu fotografieren.

Morgens um vier Uhr klingelt der Wecker, nach kurzem Frühstück sind wir startklar. Juan Carlos hat Seile aus dem Rucksack geholt, wir alle tragen Klettergurte sowie Stirnlampen und kämpfen uns bei Dunkelheit ein extrem steiles Geröllfeld nach oben. Die große Steinschlaggefahr machte ein frühes Aufbrechen notwendig.

Bald nimmt Juan Carlos uns ans Seil, die beiden Träger und der Koch gehen als eigene Seilschaft. Eine letzte 55 Grad steile Barriere aus Eis und Schnee überwinden wir mit Steigeisen und Pickel, dann stehen wir auf dem Gletscher unterhalb des Alpamayo und des 6036 Meter hohen Quitaraju.

Was für eine surreale Welt aus Eis und Schnee, von der Tropensonne spektakulär beleuchtet! Der Sauerstoffmangel lässt uns nochmals zwei Stunden ins Hochlager auf 5500 Meter Meereshöhe brauchen. Dann sind wir am Ziel: Wir blicken direkt in die Südwestwand, in die gerade die ersten Sonnenstrahlen fallen. Aus dem nahen Regenwald des Amazonasbecken steigt aber so viel feuchte Luft auf, dass der Berg immer wieder in Wolken gehüllt ist.

Abstieg durch die Eistürme

Elly und ich verfolgen das Schauspiel aus Sonne, Wolken und Eis den ganzen Nachmittag. Ausgerechnet während des Sonnenuntergangs verhüllt eine Wolke die Sonne, doch dann folgt eine Dämmerung, die von der Eiswand des Alpamayo in allen Farben widergespiegelt wird. Mein bestes Bild erhalte ich aber erst nachts, als ich bei minus zehn Grad Celsius den Alpamayo unter den Sternen fotografiere.

Michael Martin

Die Nacht wird frostig, der Sauerstoffmangel verursacht starke Kopfschmerzen. Auch die Aussicht auf das Abseilen über drei fast senkrechte Gletscherstufen lässt mich kaum schlafen. In der Morgendämmerung sehe ich das Leuchten der Stirnlampen mehrerer Seilschaften in der Südwestwand. Ihnen gilt meine ganze Bewunderung.

Starker Kaffee, die Morgensonne und das Vertrauen in unseren Guide Juan Carlos geben uns den notwendigen Mut, uns direkt vom Hochlager über den steilen Gletscher abzuseilen. An zwei kritischen Stellen verliere ich den Kontakt zur Eiswand und drohe in Hohlräume zwischen den messerscharfen Kanten der Seracs zu schwingen. Nach einer Stunde stehen wir auf dem soliden Eis des Gletschers und setzen den Abstieg angeseilt fort.

Mittags sind wir im südlichen Basislager. Ich lade sofort meine Bilder auf das Notebook und suche nach dem schönsten Bild vom schönsten Berg der Welt. Am nächsten Tag sind es nochmals acht Stunden durch das Santa-Cruz-Tal nach Cashapampa - dann sind zurück aus einer Welt aus Eis und Tropensonne.

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10 Leserkommentare
olli0816 26.08.2017
dschiseskreist 26.08.2017
matteo51 26.08.2017
mica75 26.08.2017
Cochrane 26.08.2017
MattKirby 26.08.2017
Kein Besserwisser 26.08.2017
MattKirby 26.08.2017
Papazaca 27.08.2017
loganmac 28.08.2017

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