Hoch über dem Amazonas-Regenwald Hängepartie mit Aussicht

Michael Martin

In Wüsten und Regenwäldern, auf Vulkanen und über Ozeanen: Fotograf Michael Martin zeigt in dem neuen Blog "Planet Erde" die Vielfalt der Landschaften und Lebensformen. Zuerst geht es in das schwüle Amazonasbecken.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Elly und ich stehen auf einer Plattform in 35 Meter Höhe und blicken 50 Kilometer weit über den Amazonas-Regenwald. Es ist ein Anblick voller Harmonie und Schönheit - den wir aber kaum entspannt genießen können. Denn meine Frau und ich wissen: Wir müssen über zahlreiche marode Hängeseilbrücken wieder zurück zum Boden.

Wir haben uns über den ersten und bis heute größten Baumwipfelpfad im Regenwald vorsichtig bis zu dieser Aussicht vorgetastet. Die Begehung erforderte Mut, führen die schmalen Pfade doch an rostigen Seilen hoch über den Boden. Die Konstruktion ist 26 Jahre alt und wirkt etwas verschlissen. Seit dem Tod des Gründers der ExplorNapo-Lodge am Napo, Peter Jenson, im Jahre 2010 wird der Pfad offensichtlich nicht mehr ausreichend gewartet.

Doch zum Glück halten die Seile - auch ohne deutschen TÜV-Stempel. Und führen hinauf in eine andere Welt. Durch alle Stockwerke des Regenwaldes hindurch, von der Bodenschicht über die Krautschicht, weiter über die Strauchschicht und die Schicht niedriger Bäume bis hinauf ins Kronendach.

Hier im Amazonas beginnt nach meiner fünfjährigen Recherche für den Bildband und die Vortragsreise "Planet Wüste" mein neues Projekt: "Planet Erde". Mit meinem Team werde ich diesmal die Vielfalt der Landschaften und der Lebensformen weltweit mit der Kamera erkunden. Natürlich stehen wieder Wüsten und Eisregionen auf dem Reiseplan, aber es wird nun auch in Regenwälder, auf Vulkane durch Steppen und Savannen und über die Ozeane gehen.

Kein Strom, dafür kalte Duschen und Moskitonetze

Wenige Tage zuvor sind wir mit dem Flugzeug in Iquitos, der quirligen Amazonas-Metropole im Nordosten Perus, angekommen. Zwar kann die Stadt im tropischen Regenwald nicht über Straßen erreicht werden, dennoch gibt es erstaunlich viele Fahrzeuge. Die häufigsten sind laute, stinkende Motorrikschas, die bis zu drei Passagiere samt Gepäck transportieren. So gelangen auch wir zum Hotel Casa Morey, dessen prunkvolle Fassade an die goldenen Zeiten des Kautschukbooms im Amazonasbecken erinnert.

Heute lebt Iquitos vom Holzhandel, vom Erdöl - und von Touristen. Rund um die Stadt am Amazonas gibt es zahlreiche Lodges im tropischen Regenwald, die mit dem Boot angefahren werden und die dann Ausgangspunkt für Exkursionen sind.

Wir haben uns für die Otorongo Lodge entschieden, die 100 Kilometer flussabwärts liegt. Ein Holzboot mit Außenbordmotor bringt uns in drei Stunden dorthin. Das Wort Lodge ist etwas schmeichelhaft für die einfachen Holzhütten am Ufer eines Seitenarms des Amazonas. Es gibt keinen Strom, dafür kalte Duschen und Moskitonetze. Außer uns hat es eine Handvoll Gäste aus Nordamerika und Europa hierher verschlagen.

Unser Guide heißt John, ein junger Mann aus einem Nachbardorf. Mit ihm brechen Elly und ich in einem kleinen Boot mit geringem Tiefgang am Nachmittag auf, um einem kleinen Nebenfluss des Amazonas flussaufwärts zu folgen. Fischreiher, Tukane und bunte Papageien verstecken sich im dichten Baumbestand des Ufers. Es handelt sich aber nicht um Primärwald, der wurde in den letzten Jahrzehnten hier komplett gerodet.

Nach zwei Stunden Bootsfahrt betreten wir das Ufer und erreichen nach halbstündigem Marsch ein Fleckchen Primärwald, das die Holzfirmen vergessen haben. Ehrfürchtig stehen wir vor einem 60 Meter hohen Urwaldriesen, dessen Stamm am Boden einen Umfang von gut zehn Metern hat.

John erklärt uns, dass auch die ganz großen Bäume kaum älter als hundert Jahre alt sind. Die ganzjährige Vegetationsperiode lässt sie schnell wachsen. Trotzdem wird hier nie wieder ein Primärwald entstehen: Die tropischen Regenwälder stehen auf dem blanken Quarz uralter, verwitterter Böden, die weder Wasser noch Nährstoffe speichern können. Im Regenwald sind die für das Pflanzenwachstum so wichtigen Nährstoffe ausschließlich über der Erde fixiert, also in den lebenden oder erst kürzlich abgestorbenen Pflanzen und Tieren.

Affenkreischen und Jaguarspuren

Am nächsten Tag brechen wir zu einer ganztägigen Tour auf, um zu Fuß ein größeres Gebiet mit Primärwald zu erreichen. Völlig erschöpft von der schwülheißen Luft stehen wir nach drei Stunden vor einer Wand aus Grün.

Gemeinsam mit John tauchen wir in dieses Labyrinth ein. Eine frische Jaguarspur, die Geräuschkulisse zahlloser Vögel, das Kreischen von Affen und vor allem ein unglaubliches Spektrum an Pflanzen lässt uns die Artenvielfalt in unberührten Waldgebieten erahnen. Im Amazonasbecken kommen nicht weniger als 1,4 Millionen Pflanzen- und Tierarten vor.

John findet immer wieder Wege durch den Wald und führt uns nach drei Stunden zu unserem Ausgangspunkt zurück. Wir sind zwar für ein paar Stunden in die Wunderwelt des tropischen Regenwaldes eingetaucht, haben aber die Baumriesen immer nur von unten gesehen. Es gibt nur wenige Punkte im flachen Amazonasbecken, die einen Blick von oben auf den Regenwald bieten.

Und so sind wir auf dem maroden Baumwipfelpfad gelandet, an einem der großen Zuflüsse des Amazonas, der aus Ecuador nach Peru strömt. Mit einem Motorboot gelangten wir in die ExplorNapo-Lodge, die ebenfalls sehr einfach ausgestattet ist. Sie liegt mitten im Primärwald an einem Seitenarm des Napo. Eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt bekamen wir dann den ersehnten - und mit viel Mut erarbeiteten - Blick von den Hängebrücken über den Regenwald.

Am nächsten Tag bringt uns ein Motorboot zurück nach Iquitos. Unser nächstes Ziel in Peru ist die Cordillera Blanca. Wir sind froh, von der schwülheißen Luft des tropischen Regenwaldes in die klare Bergluft der Anden wechseln zu können.

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