Planet Erde

Tuamotu-Archipel Wo das Wasser bis zur Brust reicht

Michael Martin

Rangiroa in Polynesien ist eines der größten Atolle der Erde. Es besteht aus Hunderten kleinen Inseln, die meisten unbewohnt. Fotograf Michael Martin erklärt, warum man dort lieber keine Angst vor Haien haben sollte.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Wie Juwelen tauchen im Fenster der Propellermaschine die ersten Atolle des Tuamotu-Archipels auf. Unser Ziel ist Rangiroa - mit einer Länge von knapp 80 Kilometern und einer Breite von 32 Kilometern eines der größten Atolle der Erde.

Atolle sind ringförmige Korallenriffe, die eine Lagune umschließen. Sie bilden einen Saum von häufig sehr schmalen Inseln, die als Motus bezeichnet werden. Zwei der vielen Hundert Motus Rangiroas sind bewohnt, auf Avatoru und Tiputa leben rund 2500 Menschen.

Am Flughafen holt uns Cindy ab. Sie kommt aus Frankreich und lebt seit fünf Jahren mit ihren drei Kindern auf Rangiroa. Dort leitet sie das "Rangiroa Plage", eine einfache Unterkunft direkt an der Lagune. Abends brät sie frischen Fisch und frittiert Pommes Frites, die auch von den Einheimischen tütenweiße gekauft werden.

Die meisten Atoll-Bewohner leben direkt oder indirekt vom Tourismus. Viele betreiben kleine Pensionen, die sich entlang der Lagune aufreihen. Auf der gegenüberliegenden Seite der langgestreckten Insel sorgt der offene Pazifik für raue Verhältnisse, die Schwimmen unmöglich machen.

Doch was macht man auf einer Insel, die nur wenige Quadratkilometer groß ist und maximal zwei Meter aus dem Meer ragt? Für Taucher stellt sich die Frage nicht - der Tuamotu-Archipel gilt als eines der schönsten Tauchgebiete der Erde. Wem die Sportart nicht gefällt, der kann Bootstouren quer durch die Lagune machen.

Kleine Perlen, hoher Preis

Am nächsten Tag sitzen meine Frau Elly und ich in einem Holzboot mit Außenbordmotor und fahren eine gute Stunde lang zur sogenannten Le Lagon Bleu, ein in das große Atoll eingebettetes kleines Atoll, das ein wunderschönes Farbenspiel in allen Blau- und Türkistönen bietet. Da das Kielboot eine gewisse Wassertiefe erfordert, können wir die kleinen Motus nur erreichen, indem wir durch hüfttiefes Wasser waten. Auf einem winzigen Motu grillt Kapitän Valerié, ein raubeiniger, aber gutmütiger Mann, für uns Fisch und backt frisches Kokosbrot, dazu gibt es französischen Wein.

Zurück auf Rangiroa erkunden wir die Insel auf völlig verrosteten Fahrrädern. Zwischen den zahlreichen Unterkünften finden sich eine ganze Reihe von Perlenfarmen. Hier wird einer der wichtigsten Exportartikel Polynesiens produziert: die schwarze "Tahiti-Perle".

Von Natur aus trägt nur jede 15.000. Auster eine Perle. Die Perlenfarmen bringen diese Quote auf 30 Prozent, denn sie behandeln die Muscheln. Hierzu wird die Schale einer Perlauster mit einer Zange einen Zentimeter breit geöffnet, das Gewebe aufgeschnitten und ein Fremdkörper, nämlich eine Perlmutt-Kugel von Süßwasser-Muscheln, implantiert.

Als Farbgeber wird noch ein Stückchen Fleisch einer anderen Auster beigegeben. Um den Fremdkörper unschädlich zu machen, ummantelt ihn die Auster mit einem Perlmuttsekret, eine Zuchtperle entsteht. Dieser Vorgang dauert drei bis fünf Jahre, was die hohen Preise auch kleiner Perlen erklärt. Voraussetzung für die Perlenzucht ist eine konstant hohe Wassertemperatur und reinstes Meereswasser.

Fotostrecke

13  Bilder
Blog von Michael Martin: Juwelen im Ozean

Zwei Tage später sitzen wir wieder in einem Holzboot. Kapitän ist diesmal Francois, der sichtlich stolz auf sein stark motorisiertes Boot ist. Es geht wiederum quer durch die Lagune zur "Ile aux Récifs" - ein Motu, dem kleine, spitze Felsen vorgelagert sind. Beste Bedingungen zum Schnorcheln, vorausgesetzt man hat keine Angst vor den zahlreichen, relativ kleinen Sichelflossen-Zitronenhaien, die durch das flache Wasser patrouillieren.

Mittag machen wir auf einem winzigen Motu, das nur durch Querung einer für das Boot zu seichten Meeresenge zu erreichen ist. Bald reicht mir das Wasser bis zur Brust, meinen schweren Kamerarucksack balanciere ich auf dem Kopf. Ich darf auf keinen Fall stolpern und achte darauf, noch tiefere Stellen zu meiden. Nach einer halben Stunde erreichen wir erschöpft den Strand. Francois war schneller - er wartet bereits mit einem Fischbarbecue auf uns.

Nachmittags geht es zurück. Auf halber Strecke stellt Francois den Außenbordmotor ab, um uns Gelegenheit zum Schwimmen zu geben. Vorher wirft er die Fischabfälle vom Mittagessen ins Meer. Sofort schießen aus allen Richtungen Fische heran, darunter unzählige Sichelflossen-Zitronenhaie. Plötzlich taucht ein großer Grauer Riffhai auf. Ich ziehe mir die bereits aufgesetzte Taucherbrille wieder vom Kopf und bleibe lieber im Boot.

Francois steuert weiter zum Höhepunkt der Tagestour: die Basse de Tiputa, eine Meerenge zwischen den beiden bewohnten Motus. Durch die Strömung werden hohe Wellen aufgeworfen, in denen Delfine meterhoch aus dem Wasser springen. Elegant surfen sie durch die Wellen, tauchen unter das Boot, um dann direkt vor uns aus dem Wasser zu springen. Francois hält uns mit voller Motorkraft und großem Geschick in den Strömungswellen. Ich mache in kurzer Zeit rund 200 Bilder - dann dreht Francois ab und steuert zurück nach Rangiroa.

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4 Leserkommentare
redneck 18.09.2017
dasGyros 18.09.2017
Thorongil 18.09.2017
cmfmd11 18.09.2017

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