Boa Vista in Paraty Thomas Manns brasilianisches Erbe

Vielleicht hätte Thomas Mann die Weinhandlung seines Großvaters weitergeführt oder Zuckerrohrschnaps importiert – wäre da nicht seine brasilianischstämmige Mutter gewesen. Julia Mann schwärmte ihr Leben lang von der tropischen Schönheit ihrer Heimat. Ein Besuch bei Urenkel Frido Mann.

Von Andrea Packulat


Dem Stammbaum nach hätte Thomas Mann eigentlich Kaufmann werden müssen. Ganz der Tradition seiner Familie folgend: Vater, Großvater, Urgroßvater und selbst Ururgroßväter - die Manns waren Kaufleute durch und durch. Was hat sie zur berühmtesten deutschen Schriftstellerdynastie werden lassen?

Thomas Mann: Ernsthaftigkeit vom Vater, Frohnatur von der Mutter
DPA

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"Es war seine brasilianische Mutter, die das Künstlergen in unsere Familie gebracht hat", analysiert Frido Mann, Enkel von Thomas. Der Göttinger Schriftsteller ist der Erste der Familie Mann, der im Vaterland seiner Mutter nach den brasilianischen Wurzeln forscht. "Julia da Silva Bruhns hatte einen ausgesprochenen Sinn für das Künstlerische."

Auch Thomas Mann ist dieser Meinung: "Frag ich mich nach der Herkunft meiner Anlagen, so muß ich feststellen, daß auch ich 'des Lebens ernstes Führen' vom Vater, die 'Frohnatur' aber, das ist die künstlerisch sinnliche Richtung und - im weitesten Sinne des Wortes - die Lust zu fabulieren', von der Mutter habe", schreibt er 1936.

Julia Mann da Silva Bruhns wurde am 14. August 1848 geboren. Ihre Eltern, der Lübecker Kaufmann Johann Ludwig Herrmann Bruhns und die Brasilianerin Maria da Silva, siedelten gerade um in ein neues Haus, als die Wehen einsetzten. Julia kam mitten im brasilianischen Dschungel zur Welt, "zwischen Affen und Papageien", zitiert Frido Mann Überlieferungen der Familie. Die ersten sieben Jahre ihres Lebens verbrachte sie, behütet von einer, wie sie in ihren Memoiren schreibt, "Negeramme", in der Familienvilla Boa Vista in Paraty, einem Anwesen direkt am Meer, umgeben von Palmenstrand und Kaffeeplantagen.

Sehnsucht nach der tropischen Heimat

Von dieser tropischen Schönheit schwärmte Julia Mann ihren Töchtern und Söhnen vor. Sie konnte diese Kindheitseindrücke nie vergessen, auch nach 40 Jahren Deutschland sehnte sie sich nach dem Land ihrer Geburt. "Sie war die Erste der Manns, die ins Exil ging und alles verlor", berichtet Frido Mann, selbst ein Kind des amerikanischen Exils der Mann-Familie. "Keiner der direkten Nachkommen Julia Manns konnte in dem Land bleiben, in dem er geboren war."

Villa Boa Vista: Schwüle Urwaldluft nagt an der Bausubstanz
Andrea Packulat

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Julia war fünf Jahre alt, als ihre Mutter starb. Ihr Vater schickte sie zwei Jahre später nach Lübeck, um eine Deutsche aus ihr zu machen. "Sie hat alles verloren, ihre Heimat, ihre Familie, ihre Sprache, ihren Glauben." Hat sie mit dieser Heimatlosigkeit vielleicht auch den Grundstein für die Melancholie und Tragik in der Familie gelegt? Zunächst aber brachte Julia Mann Exotik und brasilianische Geschichten ins protestantische Lübeck. "Uns Kindern erzählte sie von der paradiesischen Schönheit der Bucht von Rio", erinnerte sich Thomas Mann später. Der Schriftsteller kokettierte oft mit seinem südländischen Temperament und brasilianischen Blut, doch seine brasilianische Herkunft ist heute in Deutschland nur sehr wenig bekannt.

Julia-Mann-Kulturzentrum in Paraty

Der Mutter der Schriftstellerdynastie Mann will Urenkel Frido nun in Paraty ein eigenes Zentrum bauen, nahe der Bucht von Rio de Janeiro. Fjordähnliche Buchten mit weißen Stränden und der Küste vorgelagerten Urwaldinseln bilden auch heute noch das Panorama, wenn man aus den Fenstern der Villa Boa Vista blickt. Dort wachsen Orchideen und Bromelien zwischen dichtem Urwaldgehölz, sogar Raubkatzen schleichen durchs Gelände.

Frido Mann: Als Erster der Mann-Dynastie auf der Suche der brasilianischen Wurzeln
Andrea Packulat

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Schon Amerigo Vespucci soll über das Kolonialstädtchen gesagt haben: "Oh Gott, wenn es auf Erden ein Paradies gäbe, dann würde es diesem Flecken Erde ähneln." Der 30.000-Einwohner-Ort Paraty ist heute komplett denkmalgeschützt, die weißgekalkten Häuser mit ihren bunt bemalten Fenstern und Türen müssen bei jeder Sanierung wieder mit dem Originalfarbton angestrichen werden. Doch das Elternhaus Julia Manns zerfällt. Paradoxerweise zeigt selbst im Mann-Jahr 2005 niemand Interesse an den brasilianischen Wurzeln der Familie. So nagt schwüle Urwaldluft weiter an der Bausubstanz von Boa Vista, zehrt an Balken und Dach.

Das Elternhaus von Julia Mann befindet sich längst nicht mehr in Familienbesitz, ist schon seit Jahren unbewohnt und in den Händen eines Besitzers, der sich nicht darum kümmert. Dabei wäre es ideal für ein Museum: Prominent an der Bucht gelegen, mitten im Künstlerstädtchen Paraty, in dem sogar die Harry-Potter-Verlegerin residiert. Zudem sind viele Gegenstände aus Julia Manns Zeit noch Original getreu erhalten: Im Keller stehen noch die alten Fässer, mit denen Johann Ludwig Herrmann Bruhns Zuckerrohrschnaps abgefüllt hat, den Cachaça, heute Grundlage für Caipirinha. "Wir haben sogar die alte Schnapsbrennanlage wieder aufgespürt, die wir ausstellen würden", erzählt Frido Mann.

Brücke zwischen der Literatur Europas und Brasiliens

Mit Fotos, Briefen, Tondokumenten, Malereien und Alltagsgegenständen möchte der Trägerverein des geplanten Kulturzentrums Casa Mann in Paraty eine Dauerausstellung mit dem Thema "Julia Mann und die Schriftstellerfamilie Mann. Exil und Weltbürgertum" präsentieren. Im Erdgeschoss sollen temporäre Ausstellungen Platz finden, ebenso wie Tagungen. "Zudem möchten wir ein Stipendiatenprogramm auflegen", plant Frido Mann. Es soll Teilnehmern aus Kunst, Kultur, Wissenschaft für vier Monate die Möglichkeit offenbaren, ein interkulturelles Projekt zu bearbeiten. Mit dem Julia-Mann-Kulturzentrum will Frido Mann Grenzen überwinden. Indem er die Wurzeln seiner Familie zurückverfolgt, möchte er zugleich eine Brücke schlagen zwischen der Literatur Europas und Brasiliens.

Doch dafür muss das Haus erst mal in den Besitz des Trägervereins übergehen. Der steht bereit für das neue Kulturprojekt, hat sich aber eine Frist gesetzt: "Wenn bis 2007 nichts passiert, dann verwerfen wir unser Projekt", informiert Mann. "Spätestens zu dem Zeitpunkt wird das Haus so baufällig sein, dass es nicht mehr zu retten ist." Dann würde der Mutter der Mann-Dynastie nur in den Büchern ihrer Söhne und Enkel ein Denkmal gesetzt sein. Etwa als Toni Buddenbrook, als Mutter Consuelo in "Tonio Kröger" oder als Senatorin Rodde im "Doktor Faustus". Wer aber würde erfahren, dass sie es eigentlich war, deren Phantasie und Erinnerungen die Kaufmannsfamilie zu Schriftstellern und Nobelpreisträgern gemacht haben?



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