Mit Baby durch Borneo In der Ruhe liegt das Glück

Gemütliche Nächte im Baucontainer, Tage ohne Pläne. Heike Klovert reist mit Mann und Baby durch Asien, gelassen und oft völlig ineffizient. Auf Borneo lernt sie, dass darin der Schlüssel zum Glück liegen kann.

Marcel Klovert

Von


Kühle Luft strömt mir entgegen, als ich die Tür unseres Baucontainers aufstoße. Tom hört auf zu weinen und schaut mit großen Augen in die Nacht. Die zerklüftete Spitze des Mount Kinabalu ragt in den Sternenhimmel. Wir sind in Sabah, Borneo. Auf der Baustelle von Jungle Jack. Ich staune mit Tom über die Milchstraße und lausche Jacks einäugigem Hund, der in der Ferne jault. Dann schlüpfen wir zurück in den isolierten Kühlcontainer mit den dicken Teppichen, in dem es auch nachts noch kuschelig warm ist.

Jungle Jack ist fast 60 und schläft im Container nebenan. Breites Kreuz, lichtes Haar, platte Nase, und wenn er wach ist, redet er dauernd. Er ist respektlos, politisch inkorrekt und witzig. "Ich bin ein echt guter Koch", hatte er abends in seiner Freiluftküche geprahlt, und eine seiner spitzen Thesen hinterhergeschoben: "Die wahren Genies am Herd sind Männer." Es gab "betrunkenes Huhn", eine Suppe, in die er drei Minuten vor Schluss eine Flasche Reiswein gekippt hatte. Der Alkohol brannte in der Nase, ich schielte auf Toms Apfelbrei.

Der Gastwirt kann nicht kochen, aber er kann mit Menschen

Jack kann vielleicht nicht mit Töpfen und Pfannen, aber er kann mit Menschen. Die Container hat ihm ein insolventer Bauunternehmer überlassen, zum Freundschaftspreis, zusammen mit dem Laster und dem Bagger. Nun errichtet Jack mit ein paar Freiwilligen aus Europa und den USA eine Veranda zum Teetrinken, neben der Schnellstraße nach Sandakan, weil dort die Sicht auf den Kinabalu so schön ist.

Lianne aus Holland hat die Klotür mit Blumen bemalt, und in der Bretterbude neben der Küche hängen schon selbst genähte Gardinen. Früher besaß Jack mehrere Gästehäuser auf Borneo, doch er hat sie alle verkauft. Jack verwaltet nicht gern, er bastelt lieber. Irgendwann will er auch ordentliche Bungalows bauen, vielleicht. Hauptsache, jeder darf tun, was ihm Spaß macht.

Wir nehmen uns das Motto zu Herzen und spazieren durch den Mooswald, trinken Tee, kochen Gemüse für Tom. Wir schaffen in den drei Tagen bei Jack nicht viel. Das tut gut. Ich reise mit Mann und Sohn seit vier Monaten durch Südostasien. Tom ist schon sein halbes Leben unterwegs. Wir brauchen Tage, an denen wir zwischen Ortswechseln und Erkundungstouren in den Leerlauf schalten. Uns nichts vornehmen. Es sind diese Tage, an denen wir die Menschen um uns herum am besten kennenlernen.

Ein Propellerflugzeug bringt uns in den Mulu-Nationalpark in Sarawak, aus dem Fenster sehen wir nur Grün. Ein paar Unterkünfte, eine Straße, einen Laden, mehr gibt es hier nicht. Doch: Urwald! Mit Kalksteinhöhlen, in die Kathedralen passen. Durch Spalten in der Decke klettern Moos und Farne die Steinwände herab. Das Flusswasser, das aus dem Höhleninnern quillt, ist klar und kühl.

Gelassenheit macht glücklicher als Effizienz

Wir wohnen für eine Woche bei Dina und ihrer Familie in einem der vier Gästezimmer. Auch Dina, Grübchen und Dauerwelle, lehrt uns, dass Gelassenheit glücklicher macht als Effizienz. Sie fährt einen Proton Saga, der so alt ist wie ihr Sohn Beckham, also zwölf. Doch Beckham sieht noch frisch aus. Dem Wagen fehlt ein Fensterheber und eine Ecke des Sitzpolsters, der Kofferraum lässt sich nur mit zwei Händen aufstemmen, und das Gebläse muffelt. "Vielleicht steckt ein toter Gecko drin", sagt Dina und lacht sorglos.

Wir setzen Tom in die Kraxe und wandern zum Wasserfall. Auf dem Holzgeländer neben dem Weg krabbelt eine unterarmlange Stabheuschrecke. Wir erspähen schwarz-rote Tausendfüßler und pockige Insekten, die Dinosauriern ähneln. In den grauen Haaren einer Raupe hängen Regentropfen. Aus dem Urwald zirpt und tschilpt es.

Die Wände der riesigen Deer Cave schimmern moosig grün, und schwarzes Guano glitzert zwischen dem Geröll. Wir setzen uns vor den Höhleneingang und schauen den Millionen Fledermäusen zu, die jeden Abend aus der Höhle strömen, um Insekten zu jagen. In schlangenförmigen Bändern tanzen sie in den Himmel. Tom isst seinen Kürbis und rupft die Blätter ab, die zwischen den Planken der Aussichtsplattform hervorlugen.

Das Baby sitzt auf dem Arm der Köchin und strahlt

Den Kürbis haben wir im Restaurant des Nationalparks bekommen. Die Chefköchin wollte erst keinen hergeben, weil Gemüse eingeflogen wird und die Vorräte knapp bemessen sind. "Warum kann er denn keinen Reis essen?", fragt sie ruppig und schaut von den Pfannen auf. Babys in Südostasien essen bis zum ersten Geburtstag fast nur Reisschleim. Aber Tom hat schon Banane, Süßkartoffel, Brokkoli, Haferflocken, Couscous, rote Bete, Apfel und Melone gekostet. "Er mag Reis nicht so gern", sage ich, und Tom darf schließlich doch einen Kürbis haben. Als wir das nächste Mal dort Mittag essen, sitzt er auf dem Arm der nicht mehr so barschen Köchin und strahlt.

Vom niedlichsten Flughafen der Welt fliegen wir zurück nach Miri und von dort nach Singapur. Außer uns ist nur ein Japaner zum Zehn-Uhr-Flug aufgetaucht, neben der Startbahn beginnt der Urwald. Isabella hat uns eingecheckt. Sie hat Sommersprossen und hellblaue Kontaktlinsen und zwinkert amüsiert, als klar wird, dass wir Tom versehentlich als Mädchen gebucht haben. Auf seiner Bordkarte steht "KLOVERT, TOM, MISS". Doch das sieht man hier zum Glück... gelassen.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
gisela.schwan 07.08.2014
1. Ist alles ok, solange nichts schief geht
Wenn man z.B plötzlich einen Arzt braucht und die guten Leute das locker und langsam angehen, dann ist bei den meisten deutschen Gelassenheitspropheten Schluss mit lustig.
Alfons Emsig 07.08.2014
2. Reis
Das ist in vielen ostasiatischen Ländern so, dass Babies selbstverständlich erstmal nur das Hauptnahrungsmittel Reis bekommen. Viele Obst- und Gemüsesorten, vor allem die süßeren (Süßkartoffeln!) bieten den Kleinen nämlich ein ungleich spannenderes Geschmackserlebnis, so dass der preislich günstigere und besser verfügbare Reis dann mitunter verschmäht wird, und das kann sich nicht jede Familie leisten. Im übrigen sollte es nach gefühlt dreißig Reiseberichten: "Mit Baby durch Dschungel / Wüste / New York City", auch mal gut sein. Die Inhalte wiederholen sich ebenso wie die anschließenden Diskussionen darüber im Forum.
papayu 07.08.2014
3. Borneo wurde von den Amis im Krieg wiederentdeckt.
Und bitte lasst es in Ruhe, da sind schon zu viele Goldsucher am Werk mit riesigen Maschinen. Da wuehlen das letzte Paradies auf. Es gibt keine Schrumpfkoepfe mehr und die Maedchen sind auch nicht die Schoensten. Also bleibt im Lande und naehrt euch redlich, solange ihr noch Geld habt!! Salamat po.
Senf-Dazugeberin 07.08.2014
4. Einfach nicht anklicken
Zitat von Alfons EmsigDas ist in vielen ostasiatischen Ländern so, dass Babies selbstverständlich erstmal nur das Hauptnahrungsmittel Reis bekommen. Viele Obst- und Gemüsesorten, vor allem die süßeren (Süßkartoffeln!) bieten den Kleinen nämlich ein ungleich spannenderes Geschmackserlebnis, so dass der preislich günstigere und besser verfügbare Reis dann mitunter verschmäht wird, und das kann sich nicht jede Familie leisten. Im übrigen sollte es nach gefühlt dreißig Reiseberichten: "Mit Baby durch Dschungel / Wüste / New York City", auch mal gut sein. Die Inhalte wiederholen sich ebenso wie die anschließenden Diskussionen darüber im Forum.
Mein Tipp für Sie: Klicken Sie den Bericht doch einfach nicht an, wenn er Sie nicht interessiert! Hier gibt es jede Woche dutzende Beiträge, die mich nicht die Bohne interessieren. Deshalb käme ich aber nie auf die Idee, sie den Sport-/IT-/Was-auch-immer-Interessierten streichen zu wollen. Mich als Mutter von zwei kleinen Kindern interessieren die Berichte, auch wenn ich mich jedes Mal wieder frage, a) warum man sich und den Kindern sowas antut und b) ob den Erzählern eigentlich wirklich keine "Horrorgeschichten" passiert sind oder ob das nur immer verschwiegen wird. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein kleines bisschen neidisch, dass es offenbar tiefenentspannten Babys gibt, mit denen man solche Trips durchziehen kann (würde trotzdem keine Fernreise mit ihnen machen wollen). Unsere gehören definitiv nicht in diese Kategorie und schon notwendige eintägige Verwandtschaftsbesuchs-Reisen waren/sind jedes Mal mit einem Riesengeschrei und Chaos verbunden.
polarapfel 07.08.2014
5. Ach ja... Jetset Hippies und die Lebenswirklichkeit
Ich muss immer wieder lachen, wenn ich Reiseberichte von solchen Jetset Hippies lese, die sich in Ländern, deren überwiegender Teil der Bevölkerung als arm oder von Armut betroffen gilt, einen entspannten Hippie Lenz machen und etwas von Gelassenheit und Ruhe faseln. So locker, wie die Jetset Hippies aus Europa und den USA können die Einheimischen es nicht angehen lassen, wie auch die Diskussionen um Baby Nahrung und Reis zeigt. Die Tatsache, dass zwei Erwachsene mit einem Baby auf Weltreise gehen können, hat wenig mit Gelassenheit, sondern einfach nur mit Luxus zu tun. Ein Luxus, den sich so gut wie niemand in den Ländern leisten kann, den diese Möchtegern Hippies als Gelassenheit verkaufen, damit sie sich besser fühlen. In Wahrheit handelt es sich einfach nur um Urlaub, der als alternativer Lebensstil verkauft wird.
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