Brasilianischer Lotse: Fisch muss schwimmen

Von Dimitri Ladischensky

José ist 76 Jahre alt und Lotse in Brasilien. Er führt Frachter hinaus aufs offene Meer. Nie würde er ein Boot zurück in den Hafen nehmen. Er krault lieber. Kilometerweit, stundenlang.

Wenn José schwimmt, macht das Meer die Arbeit: Er lässt sich von Wellen tragen oder der Strömung ziehen
Dimitri Ladischensky

Wenn José schwimmt, macht das Meer die Arbeit: Er lässt sich von Wellen tragen oder der Strömung ziehen

Er hatte zwei Träume. Den einen trugen ihm die Wellen zu, eines Nachts, als er wach dalag und die Wogen an die Mauer seines Hauses klatschten. Er öffnete die Luke über seinem Bett und schaute. Zuerst verschwamm der Himmel vor lauter Tränen. Dann tauchten Sterne auf, der Mond. Er träumte sich die Nacht hell wie den Tag und die See glatt wie einen Spiegel. Er sah Wolken darin schwimmen, klar und ruhig. Er träumte, dass ihm Kiemen und Fischschwanz wuchsen, träumte, wie die Wellen ihn mitnahmen, weit hinaus aufs Meer, bis sie schließlich über seinem Kopf zusammenschlugen und über ihn hinweggingen. Alles verstummte, nichts war mehr zu hören. Nicht die Worte der Mutter, nicht das Gelächter der anderen. Nur das Murmeln von Wasser. Er lauschte. Da hörte er seinen kranken Bruder rufen. Und damit war der Traum dann auch irgendwie immer zu Ende.

Diesen Traum behielt er ganz für sich, nur die Wellen wussten, dass er fortschwimmen will. Den anderen wollte niemand hören, die Mutter nicht, der Vater nicht. Dabei war es doch ein anständiger Traum. Ein guter Traum. Er sah ihn zuerst an der Wand der Stadtbehörde hängen: Ein Rauschebart, der Gott sein soll, wacht auf einem Segelschiff hinter dem Rücken des Steuermanns und greift ihm über die Schulter ins Ruder.

José Martins Ribeiro Nunes, geboren am 5. Januar 1927, fiel mit drei Jahren in den Fluss vor seiner Haustüre. Der Rio Sergipe trägt Baumstämme fort wie Zündhölzchen, ein mächtiger Fluss. José ertrank nicht, obwohl es ihm damals schon verboten war, Fisch zu sein. Seine Mutter Vectúria Martins war Lehrerin für Mathematik, sein Vater Nicanor Ribeiro Nunes Justizbeamter und beiden das Meer nicht geheuer. Sie lebten mit ihren fünf Kindern in Aracaju, nördlich von Salvador, an der Mündung des Rio Sergipe in den Atlantik. Die Avenida Ivo do Prado liegt am Ufersaum. Bei Sturmflut schlug das Wasser an die Hauswände.

Keiner verstand, wieso er schwamm. Fische schwimmen, sagten seine Eltern. In Brasilien stellen die Menschen Tische und Stühle ins Meer, plaudern stundenlang, die Füße im Wasser. Aber schwimmen? "Für einen Fisch hast du viel zu lange Wimpern", sagten seine Eltern. José ließ die Wellen über seinen Kopf hinweggehen, wenn er nichts hören wollte. Die anderen Jungen nahmen das Kanu zur Praia de Atalaia, er schwamm. Wenn seine Eltern zürnten, weil er nicht aus dem Wasser wollte, bat er, dem Nachbarn helfen zu dürfen, der seinen Schlüssel im Fluss verloren hatte, oder dem Fischer das Netz zu holen, das draußen trieb. Wollte ihm aber auch gar nichts einfallen, dann blieb ihm nur, am Strand den Schiffen hinterher zu schauen.

Ein Strich zum Horizont, von dem Wellen abzweigen. Wenn er allein gewesen wäre, ja, dann wäre er vielleicht aufs Meer geschwommen, weit hinaus. José, der Fisch. Und hätte selbst Spuren gezogen. So aber musste er zurück. Zu seinen Eltern, die meinten, Vergnügen sei Sünde. Und Schwimmen zweifelhaft genug, sonst wäre Jesus nicht über das Wasser gegangen. Was aber, dachte sich José, was aber ist, wenn man nun Menschen zu Hilfe schwimmt?

Gemeinsam mit seiner Schwester hüpfte er von einem Trampolin in den Fluss. José sagte Rita nicht, dass er deshalb mit ihr schwamm, weil man sich abends die Schelte teilen konnte. Als sich die Stadt über ihre achtjährige Tochter empörte, dass sie die Unverfrorenheit besäße, nicht nur als einzige Frau von Aracaju schwimmen zu gehen, sondern auch noch im Badeanzug die Promenade zu betreten, nahmen ihr der Vater und die Mutter die Schwimmsachen weg. Fortan schwamm Rita in ihrer Schuluniform und trocknete die Kleider heimlich hinter dem Haus.

Glücklich war José, als die Leute ihn zum ersten Mal Zé Peixe, Fisch- Josef riefen. Jetzt konnten sie kommen, die Eltern. Was brauchte er noch Badehosen? Fische tragen eh keine. Und außerdem: Er schwamm doch nur im Dienst. Das Bild in der Behörde vom Lotsengott. Er sah es tags, er träumte es nachts. Er fuhr mit den Schiffen hinaus, zeigte den Kapitänen, wo die Strömung am tückischsten war, und dann, auf hoher See, sprang er von Bord und kraulte zurück.

Er träumte, dass ihm Kiemen und Fischschwanz wuchsen, träumte, wie die Wellen ihn mitnahmen, weit hinaus aufs Meer
Dimitri Ladischensky

Er träumte, dass ihm Kiemen und Fischschwanz wuchsen, träumte, wie die Wellen ihn mitnahmen, weit hinaus aufs Meer

Die Leute der Stadt lobten sein vorbildliches Verhalten, der Pastor sprach am Samstag von einem Mitbürger, der für andere einsteht. Das war und war doch nicht, was seine Eltern hören wollten. "Hausaufgaben soll er machen", sagte die Mutter. Aber wann immer sie ihm über die Schulter schaute, sah sie ihn Schiffe malen. "Studieren soll er", sagte sein Vater. Aber wann immer er ein Machtwort sprach, dachte José an den, der alle Macht der Welt, des Himmels und der Meere hat. Er dachte an den Allmächtigen, wie er hinter dem Vater steht und ihm ins Ruder greift.

1947, als er 20 Jahre alt war, ließ sein Vater ihn ziehen, und so wurde er Lotse. Die Mündung des Rio Sergipe ist gefährlich, die Flut drängt hinein, der Fluss hinaus. Wo sie im Widerstreit liegen, werfen sich Wellen auf, viele Meter hoch. Schiffe kentern, andere laufen auf Grund. Nur einer wusste, wohin die Dünen über Nacht wanderten. Geleitete Zé Peixe die Schiffe aufs offene Meer, sprang er von Bord und schwamm den Weg zurück. Zwölf Kilometer waren es von der großen roten Boje, dort verließ der Lotse das Schiff. Manchmal dauerte es sechs Stunden oder länger, bis er die Praia de Atalaia erreichte. War ein Schiff in Empfang zu nehmen, schwamm er hinaus, kettete sich an die Boje, harrte bei Sturm, bei Nacht, verfluchte das Schiff, das sich verspätete, und wartete.

Am Tag, als seine Frau starb, trugen ihn die Wellen hinaus zur Boje und er tanzte mit ihr. Dann schwamm er zurück und wachte am Bett der Toten. Es war die erste gemeinsame Nacht, seit er sie vor 25 Jahren geheiratet hatte. Maria Augusta Oliviera Nunes starb als Jungfrau.

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