Britische Jungferninseln Von Natur aus paradiesisch

Bergige, buchtenreiche Inseln, von Macchia und Palmen überzogen, seit Beginn der Zeit unberührt und naturbelassen: Auf den Britischen Jungferninseln ist die Karibik noch in Ordnung, Cottages an abgelegenen Stränden und Zimmer mit Kolonialflair noch erschwinglich.

Von Ole Helmhausen


Bucht auf Tortola: Von Anfang an wollte man keine vom Inselalltag abgeschnittenen Resortwelten
Ole Helmhausen

Bucht auf Tortola: Von Anfang an wollte man keine vom Inselalltag abgeschnittenen Resortwelten

Morgens kräht der Hahn. Nicht kraftvoll und stolz, sondern so schlapp und jammervoll, dass man besorgt aus dem Bett springt und zum Balkon rennt. Am Horizont klettert die Sonne über die Berge. Road Town, auf schmalem Landstreifen an steile Hänge über die Bucht geschichtet, schläft noch, hier kümmert sich niemand um deprimiertes Federvieh. Ein Katamaran gleitet langsam aus dem Hafen und setzt draußen in der Sir Francis Drake Strait Segel. Noch einmal meldet sich der Hahn, doch jetzt schreit er um sein Leben. Wo genau sich das Drama abspielt, ist in dem Würfelspiel aus Dächern und Palmen nicht auszumachen. Direkt unter dem Fort Burt Hotel brettert ein Lastwagen ohne Auspuff durch die enge Straße. Der Pub gegenüber macht auf. Ein radelnder Zeitungsjunge wirft die "Island Sun" in den Eingang. Sein klappernder Kettenkasten ist noch lange zu hören.

Road Town liegt auf Tortola und ist die Hauptstadt der Britischen Jungferninseln. Der aus rund 60 Inseln bestehende Archipel gehört zu den Kleinen Antillen und liegt rund 170 Kilometer östlich von Puerto Rico. Knapp 23.000 Menschen leben in Londons karibischem Überseeterritorium, die meisten davon in diesem rund um die Bucht drapierten Ensemble, und zwar in pastellfarbenen, winddurchfluteten Holzhäusern mit Frühstücksbalkonen, mit den alten unten am Wasser und den neuen, teureren weiter oben, der Aussicht wegen. 300 Meter über der Stadt vermittelt Tortola dem Neuankömmling, was ihn erwartet: bergige, buchtenreiche Inseln und Eilande, von Macchia und Palmettogebüsch überzogen, seit Beginn der Zeit unberührt, naturbelassen.

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Kein einziger Hotelklotz stört den Eindruck. Weder Bürotürme gibt es noch postmoderne Reihenhäuser und nur eine Straße, der die Stadt wohl ihren prosaischen Namen verdankt und die das Ganze aussehen lässt wie die Insel Lummerland aus der Augsburger Puppenkiste. Was Menschen hier gebaut haben, ist langsam gewachsen, Haus um Haus, Garten um Garten, und wurde danach von Bougainvilleen und Jacaranda überwuchert. Platz ist knapp, die Straßen sind eng. Die Autos stammen aus Amerika, die Verkehrsordnung aus England. Ergebnis: Autofahrer sitzen links und fahren links und nehmen es deshalb mit jeder Kurve auf Tortola einzeln auf. Main-Stream-Amerika, das die meisten anderen Karibikinseln bereits mit seinen Segnungen überzogen hat, ist weit entfernt: Besucher schreiben nach Hause, die Britischen Jungferninseln sähen noch so aus wie früher die ganze Karibik.

Seid gegrüßt, Fremde: Main-Stream-Amerika ist weit entfernt
Ole Helmhausen

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Klingt zu gut, um wahr zu sein? Seit Milliardär Laurence Rockefeller in den sechziger Jahren auf der Nachbarinsel Virgin Gorda ein Resort und einen Yachthafen gründete, hat die Inselregierung den Tourismus nur mit Trippelschritten vorangetrieben. Von Anfang an wollte man keine Kasinos und künstlichen, vom Inselalltag abgeschnittenen Resortwelten, sondern umweltverträglichen, sozial verantwortlichen Tourismus.

"Die Jungferninseln haben ihre natürlichen Ressourcen geschützt, lange bevor die übrigen Karibikstaaten die ihren als wichtig für den Ökotourismus erkannten." Tourismusexpertin Dorothy DeNonno arbeitet seit vielen Jahren für die Regierung in Road Town und weist auf elf Nationalparks und einen extrem rührigen National Park Trust hin, der auch am Schutz der Mangrovenwälder und zahlreichen Vogelreviere des Archipels arbeitet.

Gemeinsam hat man nun ein für die Inseln maßgeschneidertes Reservierungsprogramm aus der Taufe gehoben. Seit dem Frühjahr 2004 bieten rund 70 von Einheimischen betriebene Hotels, Pensionen und Ferienhäuser Inselferien wie aus Joseph Conrads Fluchtphantasien an. Hinter Dünen versteckte Cottages an abgelegenen Stränden, B&Bs in karibischen Postkartendörfern, Adlernester mit phantastischem Rundumblick, Zimmer mit Kolonialflair in früheren Zuckerplantagen: Von Cancun und Punta Cana ist man hier Lichtjahre entfernt. Vor allem aber sind diese Unterkünfte erschwinglich - ein Umstand, der kaum bekannt ist. "Ich erinnere mich noch an den ersten Anrufer", schmunzelt DeNonno. "Er fragte nach einem kleinen, bezahlbaren Hotel an einem ruhigen Strand ohne Hochhäuser und war fast erschrocken zu hören, dass wir genau das anbieten. Bis dahin hatte er diesen Teil der Karibik für unbezahlbar gehalten."

Britische Jungferninseln: Schmale Strände, aber lang und vor allem leer
Ole Helmhausen

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"Intimate Hideaways" gibt es auf Tortola, Virgin Gorda, Jost van Dyke und Anegada. Jede Insel hat ihren eigenen Charme. Tortola, knapp 30 Quadratkilometer groß, hat Road Town, eine Ansammlung westindischer, stellenweise charmant verlotterter und von tropischer Vegetation dekorierter Kolonialarchitektur. Im Nordwesten der Insel liegen Apple Bay und Carrot Bay, in Buchten liegende, von Hibiskus und Jacaranda eingemauerte Tropendörfer mit offenen Restaurants und Strandbars, die Bomba's Shack und Sweet Dreams heißen. Die Strände hier sind schmal, aber lang und vor allem leer. Andere dagegen sind nur per Boot erreichbar. Einer der schönsten Strände der Karibik liegt auf dem benachbarten Virgin Gorda.

The Bath ist vulkanischen Ursprungs, in einem Labyrinth mächtiger Granitblöcke verstecken sich makellos weiße Sandstreifen, das Wasser changiert zwischen Blau und Smaragdgrün. Stundenlange Strandspaziergänge, ohne eine Menschenseele zu sehen, bietet Anegada, das einzige Korallenatoll des Archipels. 2000 wilde Esel, Ziegen und Rinder streunen durch die Macchia. 200 Menschen wohnen über die flache Insel verstreut, verbunden durch ein paar holperige, unbefestigte Pisten. Wer Ruhe sucht, findet sie hier in schönen, abgelegenen Cottages. Jost van Dyke, benannt nach einem holländischen Piraten, scheint der Bacardi-Reklame entsprungen: eine kleine Siedlung am Strand, eine Hand voll Strohdach-Bars und -Restaurants, und verschwiegene Buchten. Auch hier kräht morgens der Hahn. Doch hier klingt er so richtig glücklich.



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