British Columbia Der Grizzlybär ist los

Orcas, Seeadler, Delfine, Seelöwen: Im Great Bear Rainforest zeigt der Kampf der Umweltschützer für den Regenwald erste Erfolge. Zwischen Vancouver und Alaska tummelt sich heute die letzte gesunde Grizzly-Population Nordamerikas.

Von Ole Helmhausen

Ole Helmhausen

Der Anker ist geworfen, der Motor abgestellt, alle sind an Deck - die Crew und die acht Passagiere der "Maple Leaf". Die Aufregung ist spürbar, doch niemand spricht. Alle sind gebannt von dem Naturspektakel, das vor ihnen liegt. Der Zweimastschoner im Khutze Inlet ist von schneebedeckten Bergen umzingelt, so dicht, so steil, dass alle den Kopf in den Nacken legen müssen, um den Himmel zu sehen.

Drei, fünf, ein Dutzend schwarz glänzende Seelöwen-Köpfe tanzen auf dem Wasser, wie Korken auf der spiegelglatten Oberfläche. Die Robben mustern die Ankömmlinge eine Weile verwundert und gehen dann beruhigt, gleichgültig, uninteressiert, jedenfalls in aller Ruhe und völlig furchtlos wieder auf Tauchstation. Am Himmel kreisen Weißkopfseeadler.

Die Unterhaltungen kommen wieder in Gang, viel leiser als sonst. Die Bucht zwingt zur Andacht. Eine Wildnis dieser Schönheit hat niemand auf dem Schiff bisher gesehen. Das will etwas heißen. Seit die "Maple Leaf" vor fünf Tagen Prince Rupert Richtung des Great Bear Rainforest verlassen hat, ist man begegnet: einer Herde jagender Orcas, die den Pazifik zum Kochen brachten; einem Weißkopfseeadler, der seine Klauen so tief in eine Ente gegraben hatte, dass er nicht wieder aufsteigen konnte und sein Opfer deshalb schwimmend an Land bringen musste.

Dann rund 20 seiner Artgenossen, die sich untereinander spektakuläre Luftkämpfe um ein paar Heringe lieferten und dabei sogar einem Buckelwal die Schau stahlen. Und immer wieder diese kleinen, schwarz-weiß gestreiften Delfine, die man im Netz des Bugspriet liegend aus nächster Nähe fotografierte, filmte oder einfach nur goutierte.

"Khutze" heißt Bär

Zeit zum Landgang. Vielleicht sind Grizzlybären am Ufer, sagt Kevin Smith, der rotbärtige Kapitän und Besitzer der "Maple Leaf". Vielleicht, denn letztlich lässt sich Mutter Natur nicht festlegen. Immerhin bedeutet "Khutze" in der Sprache der Tsimshian-Indianer "Bär" - ein gutes Vorzeichen.

Beim Klettern in die Schlauchboote versuchen einige, das Gefühl, dass der Khutze Inlet in ihnen weckt, in Worte zu fassen. Demut, sagt jemand. Innere Ruhe, ein anderer. Auch Fassungslosigkeit kommt vor. Weil die kanadischen Politiker sich nicht dazu durchringen können, diese Wildnis für alle Zeit unter Schutz zu stellen.

Der Great Bear Rainforest von British Columbia beginnt nördlich von Vancouver bei Sonora Island und reicht bis Alaska. Mit 64.000 Quadratkilometern ist er größer als die Schweiz und gehört zu den größten gemäßigten - und letzten verbliebenen - Regenwäldern des Planeten. Hunderte von Tierarten sind an dieser von tiefen Fjorden zerrissenen Küste und ihrem vorgelagerten Insellabyrinth zu Hause, darunter Berglöwen, Wölfe, Lachse und die letzte gesunde Grizzly-Population Nordamerikas.

Große Bestände tausendjähriger Rotzedern und bis zu 90 Meter hoher Sitka-Fichten sind den Holzfällern entgangen. Straßen in dieser seit Urzeiten unveränderten Wildnis gibt es nicht: Die Coast Mountains sind zu steil, die Fjorde zu tief. Die einzige Möglichkeit, dieses grandios verknotete Ineinander von Urwald und Pazifik aus nächster Nähe zu erleben, ist an Bord kleiner Schiffe. Wie der "Maple Leaf".

Mit dem Schutz dieser Küste tut sich die Regierung von British Columbia schwer. Schon seit mehr als 20 Jahren wird deshalb erbittert um die Zukunft des Regenwalds, in der Aktivistensprache kurz "GBR", gerungen. Smith und die mitreisende Umweltschützerin Brioney Penn waren von Anfang an dabei. "Diese Küste hatte damals nicht mal einen richtigen Namen", erinnert sich Penn, "die Holzfäller nannten sie 'Midcoast Timber Supply Area'." Erst Ende der achtziger Jahre merkten die Kanadier, dass sie einen Regenwald besaßen, der dem am Amazonas kaum nachstand und der in einem atemberaubendem Tempo abgeholzt wurde.

Kampf der Naturschützer um jeden Fjord

Was folgte, war ein verbissen geführter, bis heute andauernder Kampf zwischen der Regenwald-Lobby - unter anderem unterstützt von Greenpeace, Sierra Club, Pacific Wild und Rainforest Solution Project - und einer Provinzregierung, die kein sonderliches Interesse am Schutz ihres Regenwalds zeigt und eine zermürbende Hinhaltetaktik verfolgt.

Beispielsweise deklarierte sie 2001 ein Moratorium für rund 70 Zonen, nur um es zwei Jahre später wieder aufzuheben. Ein zur gleichen Zeit verhängter Stopp der Jagd auf Grizzlybären wurde sogar nur wenige Wochen später wieder aufgehoben - als eine der ersten Amtshandlungen der neuen, damals gerade erst ins Amt gewählten Regierung.

Auch deshalb müssen die Umweltschützer um jeden Fjord, jede einzelne der rund 80 noch intakten Wasserscheiden kämpfen. Heute stehen dank ihrer Bemühungen 165 Gebietsenklaven im Great Bear Rainforest unter Schutz, insgesamt ein Gebiet von der Größte Sloweniens.

Auch zu spektakulären Aktionen kam es. So kaufte die in BC beheimatete Raincoast Conservation Society, der Mauerei der Regierung müde, einer Reihe von Veranstaltern die Jagdlizenzen für ein zusammenhängendes Gebiet von knapp 25.000 Quadratkilometern ab. Mehrere Dutzend Grizzlys konnten so gerettet werden. Der Rest des Great Bear Rainforest steht den Trophäenjägern und Holzfällern jedoch auch weiterhin offen.

Leise tuckern die beiden Schlauchboote zur Mündung des Khutze-Flusses. Niemand muss zur Ruhe aufgefordert werden. Ist das die erregende Vorfreude, einem Tier zu begegnen, das den Menschen seit der Steinzeit fasziniert? Das er entweder tötete oder aber als spirituelle Kraft verehrte?

Nach und nach verengt sich der Fluss. Breite Uferstreifen mit hüfthohem Riedgras zu beiden Seiten - ein Supermarkt für die Grizzlys, die noch ein paar Wochen auf die Ankunft der Lachse warten müssen. Auch im Khutze Inlet wurden Grizzlybären geschossen. 2001 war das gesamte Gebiet leergejagt. Dabei hatte sich, wie Penn erzählt, ein aus Bayern stammender Großindustrieller besonders hervorgetan. Doch seitdem gehört der Khutze Inlet zu den Schutzzonen des Regenwalds.

Kein Problem mit Menschen

Plötzlich tauchen zwei braune Ohren auf dem Gras auf. Ein runder Schädel folgt, mit zwei pechschwarzen Augen und einer hellbraunen Schnauze, aus der ein Bündel Gras hängt. Ein junges Männchen, flüstert Smith. Ein Zoom ist nicht nötig. Der Grizzly ist so nahe, dass man ihm beim Grasrupfen zuhören kann. Eine Weile mustert er die Neuankömmlinge, die da regungslos im Uferschlamm stehen, dann frisst er weiter: Mit den Menschen da drüben hat er kein Problem. Solange sie bleiben, wo sie sind.

Umweltschützer haben der Regierung schon öfters vorgerechnet, dass sanfter Tourismus mit Bärenbeobachtung lukrativer ist als die Bärenjagd. Bislang vergebens. Allein im Jahr 2007 wurden in British Columbia 430 Grizzlybären getötet, davon 363 von Trophäenjägern. Beim Frühstück in der Kombüse hatte jemand Kevin Smith deshalb gefragt, ob ihn im Kampf um den Great Bear Rainforest nicht manchmal der Mut verlasse. Smith strahlt. "Nein", sagt er und setzt seine Kamera auf sein Stativ, "wir haben ja handfeste Erfolge zu verzeichnen. Den schönsten sehen wir vor uns!"

Der Grizzly-Junge hat etwas gehört. Er richtet sich auf und wendet sich mit gespitzten Ohren dem Wald zu. Dieser Tage kommt die einzige Gefahr für ihn von dort. Von anderen Bären.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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sappelkopp 09.08.2010
1. Riesig groß!
Unsere Welt ist sehr groß - zumindest im Verhältnis zu unserer Körpergröße. Und trotzdem gibt es kaum noch intakte Fleckchen Erde auf der Welt, der größte Teil der Landfläche ist dem Raubtier Mensch schutzlos ausgeliefert. Wir sollten uns darüber aufregen, anstatt uns über ein paar Quadratkilometer zu freuen, die vermeintlich intakt sind.
JEW-T 09.08.2010
2. Das Bevölkerungswachstum ...
... ist sicherlich DAS Problem der Zukunft der Menschheit - ein Abknicken der Zuwachsrate wird erst um 2050 erwartet, bis dahin werden mehr als 9 Milliarden Menschen die Erde übervölkern und durch ihre ökonomischen Aktivitäten die Natur beeinflussen. Gerade deshalb ist es außerordentlich wichtig, daß die 'Natur einen Preis bekommt', etwas wert ist, um es erstrebenswert zu machen, sie zu bewahren. Die Nordamerikaner nennen es 'wise use', in Deutschland spricht man von 'Nachhaltiger Nutzung'. Nur so läßt sich etwas bewahren für die fernen Zeiten, wenn die Zahl der Menschen auf der Erde wieder zurück gehen wird. Leider tragen Polemiken gegen Naturnutzer -in diesem Artikel die Jäger- nicht dazu bei, diesen 'wise use' zu unterstützen. Gerade in British Kolumbien sind es nämlich die Jäger, die den großen Bärenbestand erst wieder aufgebaut haben (z.B. der genannte Sierra Club, der von Jägern für alle Naturliebhaber gegründet wurde, nach Vorbild von Theodore Rooseveldts Schriften zur nachhaltigen Naturnutzung). Und es ist definitiv nicht die letzte große 'intakte' Population von Grizzlies in Nordamerika, die Bestände im Yukon und in Alberta sind ebenfalls 'intakt' - was immer das heißen mag, wer auch immer festlegt, was 'intakt' heißt (wer weiß schon exakt, wieviel Lebensraum ein Grizzly in welchem Biotop benötigt?). Auch im Yellowstone Park gibt es mehr Bären, als dieser zu ernähren vermag. Von Kodiak gar nicht zu sprechen. Es wäre angebrachter, der Spiegel beschränkte sich nicht selbst Unnötig auf modisches Natur'schützer'-Neusprech, sondern beurteilte solche Erfolge neutraler und nennte Roß & Reiter - letztere sind hier die Outfitter, das heißt die Käufer des Rechts, ausländische Jäger in den entsprechenden Gebieten zur Jagd zu führen. Die bezahlen dann -im Yukon- 8000 $ für eine Bärenlizenz, welche direkt an die Naturschutzbehörde für Belange des Naturschutzes geht, während Ökotouristen kaum etwas zum Naturschutz beitragen, weil ihre -durchaus stattlichen- Beiträge zu über 90% an private Reiseveranstalter gehen, bzw. an Bootsführer und andere Anbieter in diesem Touristiksegment. Mit Kästchendenken und gut-böse Schwarzweißmalerei kommt man dem Ziel nicht näher, man gräbt nur Gräben, wo keine gebraucht werden. Weltweit, nicht nur in BC.
brother eagle 09.08.2010
3. no title
Es ist immerhin ein Hoffnungsschimmer zu vermelden. Im Herbst wird es hier in BC hoechstwahrscheinlich zu Neuwahlen kommen, da der Grossteil der Bewohner von BC von der derzeitigen Regierung die Schnauze voll hat. Korruption, Postenschiebereien, Groessenwahn.... Na ihr kennt das ja sicher auch bei Euch daheim. Selbst hier auf Vancouver Island muss um jeden Baum gekaempt werden. Erst kuerzlich hat die zustaendige Behoerde eine weitere Faellerlaubnis fuer sogenannten Old Groth Forest in der Naehe von Port Renfrew trotz protesten der Bevoelkerung und Umweltschutzorganisationen erteilt. Dieses meint, dass da Baeume gefaellt werden duerfen, die 600 Jahre und aelter sind. Hier ist ein Link der das Ausmass der Baeume sehr gut veranschaulicht. http://utopiaphoto.ca/blog/?p=270 Wenn Ihr mehr darueber wissen wollt, einfach Red Creek Fir goggeln. Ein bischen Englischkenntnisse sind angebracht.
30-06 09.08.2010
4. dummes gewaesch
"der Mauerei der Regierung müde, einer Reihe von Veranstaltern die Jagdlizenzen für ein zusammenhängendes Gebiet von knapp 25.000 Quadratkilometern ab. Mehrere Dutzend Grizzlys konnten so gerettet werden." Dabei sind es die besitzer - nicht der jagd lizenzen, jeder BC buerger kann eine jagd lizenz erwerben nach bestehen des core kurses - sondern der "out fitter" lizenz - die das groesste interesse daran haben das der grizzly bestand gesund bleibt. Grizzly bestaende sind nicht alleine in der kuesten gegend gesund - es gibt mehr als genug im nordosten BC's, den oestlichen haengen der rockies und der foothills. Die suenden der vergangenheit - ein unkontrollierter holzeinschlag mit vernachlaessigter wiederaufforstung ist heute kein argument kontrollierter nutzung der landschaft den kampf anzusagen. Typischerweise jedoch sind die lautesten schreier gegen eine vernuenftige nutzung oft diejenigen die in gesicherten oekonomischen umstaenden leben und sich ansonsten eine dreck darum kuemmern wie diejenigen ueberleben in gegenden die auf eine solche nutzung angewiesen sind. Man schaue sich nur die schreihaelse an die gegen die oel und gasentwicklung im nordosten unserer provinz sind, jedoch sich nicht entbloeden ihre haeuser mit eben diesem naturgas zu heizen und ihre kinder im auto zur schule oder hockeytraining zu fahren. Sicher, wir koennten den rest der provinz zumachen um den "schutzanspruechen" einiger in "lower mainland" zu genuegen - ich frage mich jedoch wer denen dann ihre strassen und schulen bezahlt.
gaga007 10.08.2010
5. Beware the Bavarien - Save the Bears !
Zitat von sysopOrcas, Seeadler, Delfine, Seelöwen: Im Great Bear Rainforest zeigt der Kampf der Umweltschützer für den Regenwald erste Erfolge. Zwischen Vancouver und Alaska tummelt sich heute die letzte gesunde Grizzly-Population Nordamerikas. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,710084,00.html
Dann ist zu hoffen, dass kein Bayer sich in die Gegend verirrt - diese Volksgruppe macht sehr schnell aus jedem Bären einen "Problembären" und schießt.
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