Bücher-Karawane: Fernleihe per Kamel

Von Leila Knüppel

In die Wüste Kenias kommt die Bildung auf vier Beinen. Die Lastentiere der weltweit einzigen Kamel-Bücherei bringen den Nomaden im Osten des Landes Romane, Schulbücher - und ein Versprechen auf ein besseres Leben.

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In der Morgensonne flirrt der Staub auf den Straßen von Garrissa, der letzten größeren Stadt im kenianischen Osten vor der somalischen Grenze. Auf dem Platz vor der Bücherei beugen fünf Kamele ihren Hals über ihr Futter. Ihre Kiefer mahlen geruhsam, während Abdulai und sein Kollege schwere Holzboxen voller Bücher ans Sonnenlicht und zu den Tieren tragen. "Garissa Mobile Kamelbücherei" steht auf den Kästen - und: "Lesen ist Wissen".

Die Boxen und die Kamele: Vor 15 Jahren zog Kenias einzigartige Kamelbücherei zum ersten Mal los, um den Nomaden der Umgebung Lesestoff zu bringen. Die Idee war aus der Not geboren, denn Garissas Bibliothek hatte einfach zu wenig Kunden. Wenn der Leser nicht zu den Büchern kommt, müssen die Bücher eben zu dem Leser kommen, dachten sich die Bibliothekare.

Heute setzt sich die Karawane aus Kamelen, Bücherboxen und Bibliothekaren fünfmal in der Woche in Bewegung. Sie besucht Schulen, in denen Lesestunden abgehalten werden, und Dörfer, in denen sie Bücher an Erwachsene und Kinder ausleiht. Wer ein Buch verliert, kann nicht mit Nachsicht rechnen: Dessen gesamtes Dorf wird dann von der Mobilen-Bücherei-Liste gestrichen - in diesen Orten voller Staub und Hunger sind Bücher einfach zu kostbar. Und sie sind ein Versprechen auf Bildung - und damit auf ein besseres Leben.

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Kenias mobile Kamelbibliothek: "Lesen ist Wissen"
Bücherkamele helfen, Vertrauen aufzubauen

An Straßenhändlern und Handwerkern vorbei trotten die Kamele raus aus Garissa, der Lärm verebbt, nur noch einige Frauen mit Wasserkanistern kommen der Karawane entgegen. Die Straßen versanden, werden zu unwegsamen Pfaden - vor den Kamelen und ihren Führern liegen sechs Kilometer Marsch bis zu einer kleinen Schule.

Mit einem Geländewagen wären die Bücher schneller an Ort und Stelle. Doch diese Idee verbietet sich für Bibliothekar Rashid Farah. Schließlich ziehen die Nomaden dieser Region schon seit Jahrzehnten mit diesen Tieren von Ort zu Ort, sagt er. "Kamele sind eben Teil ihres Lebens". Und die Bücherkamele helfen, Vertrauen aufzubauen.

Farahs Zuversicht ist erstaunlich. Denn wer im kenianischen Osten eine Bücherei leitet, der könnte mitten in der Savanne eigentlich auch einen Laden für Wintersportbedarf eröffnen - beides erscheint ähnlich erfolgversprechend. Denn die Analphabetenrate liegt in dieser Provinz bei etwa 80 Prozent. Doch Rashid Farah lässt sich davon nicht abschrecken. Es gebe schließlich mehr und mehr Erwachsene, die versuchen, lesen zu lernen, sagt er, und für sie habe er auch spezielle Bücher im Angebot. "Aber es ist natürlich eine Herausforderung", räumt er ein.

Englisch ist die Sprache der Chefetagen

Als die Kamele auf den Schulhof schreiten, sind sie schnell von Kindern in blauen Schuluniformen umringt. Richtig nah an die bepackten Tiere heran traut sich aber kaum einer. Erst als Abdulai die Bücher in Englisch und Suaheli aus der Holzkiste holt und Matten unter dem Baum ausbreitet, rücken sie näher. Der Lesestoff sieht schon reichlich zerfleddert aus - oft sind es eher dünne Heftchen mit Titeln wie "Schönschreiben - täglich fünf Minuten" oder schlicht und einfach "Mathematik". Dicke Fantasy-Wälzer wie "Harry Potter" oder "Herr der Ringe" gibt es nicht. Die Kinder greifen trotzdem zu.

"Wissenschaftliche Bücher" und "englische Bücher" gefallen ihnen am besten, sagen die Jungen und Mädchen. Denn: Suaheli ist in Kenia die Sprache der Dorfplätze, Englisch dagegen die der Büros und Chefetagen. Nur wer Englisch beherrscht, hat irgendwann einmal eine Chance, Arzt oder Lehrerin zu werden.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Bücher-Karawane
Montanabear 07.11.2010
Zitat von sysopIn die Wüste Kenias kommt die Bildung auf vier Beinen. Die Lastentiere der weltweit einzigen Kamel-Bücherei bringen den Nomaden im Osten des Landes Romane, Schulbücher - und ein Versprechen auf ein besseres Leben. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,727447,00.html
Hat denn Jemand die Nomaden gefragt, ob sie ein "besseres" Leben wollen ? Ich meine das Leben, das Identitätsverlust, soziale Konflikte und Zivilisationskrankheiten mit sich bringt ?
2. Titellos glücklich!
kjartan75 07.11.2010
Zitat von MontanabearHat denn Jemand die Nomaden gefragt, ob sie ein "besseres" Leben wollen ? Ich meine das Leben, das Identitätsverlust, soziale Konflikte und Zivilisationskrankheiten mit sich bringt ?
Wenn Sie den Text gelesen haben, dann wissen Sie, worauf sich das "bessere Leben" bezog. Es ist von Bildung die Rede. Und dies ist nun die freie Entscheidung eines jeden Nomaden, ob er diese in Anspruch nehmen will oder nicht. Von daher erübrigt sich Ihre Frage.
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