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Buenos Aires: Tango mit Küsschen für die Klofrau

Von Katja Dünnebacke

Die Tango-Gemeinde in Buenos Aires ist eine Welt mit eigenen Gesetzen. Für Nichtargentinier ist der Weg zu einer erfolgreichen Milonga lang und beschwerlich. Doch wer es schafft, sich hochzutanzen, kann das größte Lob ernten: "Man merkt dir Buenos Aires an."

Es beginnt alles auf der Toilette: Die Klofrau wird mit einem Küsschen begrüßt. Jede Tango-Tänzerin in Buenos Aires sollte sich gut mit ihr stellen, denn diese Frau hält auf der Toilette alles bereit, was die Damen im Laufe der Nacht noch benötigen könnten: Tango-Röckchen in Pastellfarben, Haarspray, Lippenstift in den wichtigsten Farben, Wimperntusche, Zigaretten, Bonbons für den guten Atem, Damenbinden oder vielleicht einen Tango-Roman. Wie auf einem Devotionalienaltar werden diese Dinge liebevoll auf einem Tischchen präsentiert. Wer tatsächlich zur Toilette geht, bekommt von der Klofrau vorgefaltetes Toilettenpapier gereicht.

Die erfahrene Tango-Tänzerin, die hier Milonguera heißt, bereitet sich auf der Toilette auf ihren "Auftritt" vor. Draußen auf der Milonga, so heißt die Tanzveranstaltung beim Tango, gelten eigene Gesetze. Niemand schert sich hier um einen gesellschaftlichen Rang, einen hoch dotierten Job oder eine wie auch immer geartete Berühmtheit. Was hier zählt, sind allein tänzerisches Können und Verdienste um den Tango. Damit ist die Tango-Szene sehr demokratisch.

Allerdings sollten Milongueras die ungeschriebenen Spielregeln der Milonga beherrschen, wenn sie wirklich aufgenommen werden wollen. Als verpönt gilt es, sich die Tanzschuhe öffentlich im Tanzsaal anzuziehen. Das erledigt man diskret auf der Toilette. Fremde Tänzer dürfen sich keinesfalls auf die meistens reservierten guten Plätze in Nähe der Tanzfläche setzen; dahin muss man sich erst hochtanzen. Und wer keinen geübten Blickkontakt aufnehmen kann oder gar aus Eitelkeit die Brille nicht aufsetzen mag, hat schon verloren: Auffordern und aufgefordert Werden funktioniert hier ausschließlich über die Augen.

Der ganze Urlaub für das Tanzen

Die Tango-Gemeinde in Buenos Aires ist eine überschaubare Welt. Denn auch in der Hauptstadt des Tango bilden die Tänzer nur eine winzige Minderheit. Die Argentinier lieben den Tango, sie hören ihn gerne und singen ihn oft. Aber Tango tanzen - das können selbst in Buenos Aires nur die wenigsten. Für Nichtargentinier ist der Weg zu einer erfolgreichen Milonga in Buenos Aires oft lang und beschwerlich. Mit einer Portion Masochismus lassen sich viele trotzdem immer wieder darauf ein und opfern wochenlang wertvollen Urlaub, um einen Hauch jenes Tango-Gefühls mitzubekommen, das nur in Buenos Aires original und wahrhaftig ist.

Da ist zum Beispiel die immer lächelnde Französin, die sich während der Milonga nur scheinbar mit ihren Landsleuten unterhält. Tatsächlich dreht sie permanent leicht den Kopf, um allen anwesenden Tänzern zu signalisieren, dass sie - was den nächsten Tanz betrifft - verfügbar ist. Schon das zweite Jahr in Folge ist sie nach Buenos Aires gereist und macht aus ihrem Jahresurlaub eine einzige vierwöchige Milonga.

Oder Christine, Mitte 50, aus Deutschland, die von Beruf Grundschulpädagogin, aber aus Leidenschaft Tango-Lehrerin ist. Jedes Jahr verbringt sie vier bis sechs Wochen ihrer großen Schulferien in Buenos Aires und kehrt völlig ausgepowert nach Hause zurück. Bei ihrem Pensum ist das kein Wunder: Tagsüber nimmt sie Privatunterricht bei einem renommierten Tango-Lehrer, zusätzlich Kurse in Frauentechnik oder "Verzierungen". Abends zieht es sie auf die Milongas. Um sicher von einer Tanzveranstaltung zur nächsten zu gelangen, bestellt sie jedes Mal ihren ganz persönlichen Taxifahrer.

Buenos Aires hat sich längst daran gewöhnt, dass Europäer, Asiaten, Australier und Amerikaner sich auf ihren Milongas tummeln. Einige Milongueros nehmen es mehr oder weniger billigend zur Kenntnis; andere machen daraus ein Geschäft und vermieten Zimmer in ihrem Haus, verkaufen Tanzschuhe, bieten Unterricht, Spanischstunden oder individuelle Stadtführungen an.

Ganze Reisegruppen treten zur Hochsaison auf den Milongas von Buenos Aires in Erscheinung. Mit einem Kleinbus werden sie am Eingang der Milonga abgeliefert. Sie wollen untertauchen in der Masse der argentinischen Tänzer und werden doch von den erfahrenen Milongueros gnadenlos ignoriert. Pünktlich um 2 Uhr verlässt die Gruppe geschlossen die Veranstaltung, um im Kleinbus zurück ins Hotel zu fahren.

Tango in kurzen Hosen

"Relax your shoulders!" - die Füße schließen, das Gewicht verlagern und immer wieder die Schultern entspannen. Am Ende ist man ganz verkrampft vor lauter Entspannen. Gonzalo führt seine Schülerin mit großen Schritten durch den langgezogenen Saal im oberen Stockwerk des Youth Hostels in San Telmo und korrigiert sie dabei permanent in fließendem Englisch. Der große schlanke Tanzlehrer ist erst 25 Jahre alt und zählt zu den "jungen Wilden", die für einen modernen, emanzipierten Tanzstil im Tango stehen. In kurzen Hosen und uralten, beige-braunen Tanzschuhen schiebt er die sichtlich überforderte Schülerin durch den Raum. Ganze 14 Unterrichtsstunden hat die Juristin aus Süddeutschland bei ihm gebucht.

Derartige Privatstunden sind ungleich intensiver als ein gewöhnlicher Tango-Kurs. Für eine begeisterte Tänzerin ist es purer Luxus, täglich eine Stunde lang alleine mit einem so exzellenten Tanguero wie Gonzalo proben zu können. Manchmal ist es auch eine Qual. Gonzalo manövriert die Schülerin immer wieder in eine schwierige Situation oder eine für sie etwas zu schnelle Schrittfolge: "I make you suffer" gibt er unumwunden zu und grinst, "ich lasse dich leiden." Aber er ist der Meinung, das müsse so sein: "Um die Realbedingungen einer Milonga zu imitieren."

Das größte Kompliment für die Mühe bekommt die gequälte Schülerin Wochen später von einem erfahrenen Tanzlehrer in Deutschland: "Man merkt dir Buenos Aires an!"

Wer sich nur wenige Tage in Buenos Aires aufhält, hat bei den Tanzveranstaltungen die Qual der Wahl. Viele beginnen ihren Tanzabend mit einer Tardecita, einer "Nachmittagsveranstaltung", die in Buenos Aires von 20 bis 24 Uhr dauert. Gegen 6 Uhr in der Früh endet auch die letzte Milonga. Dann ziehen die Milongueras sich die Tanzschuhe aus - natürlich ganz diskret auf der Damentoilette. Erleichtert schlüpfen sie in flache Sandalen oder Flipflops. Zum Abschied bekommt die Klofrau noch ein Küsschen.

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