Burj-Chalifa-Bauleiter: Der Wolkenkratzermann

Von Helge Sobik

In die Spitze des höchsten Turms der Welt dürfen nur wenige Menschen. Greg Sang darf. Der Neuseeländer ist Bauleiter des Burj Chalifa in Dubai und Spezialist für Wolkenkratzer. Dabei fühlt er sich eigentlich auf dem Sofa am wohlsten - im Erdgeschoss seines Hauses.

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Höchster Job im Burj Chalifa: In der Spitze des Rekordturms
Zu Fuß ist er sie nie gegangen, aber ihre Zahl kennt er: Knapp 11.300 Stufen führen vom Erdboden bis hinauf in die Spitze des gerade eröffneten Burj Chalifa in Dubai, des mit 828 Metern höchsten Bauwerks der Welt. "Wenn ich hoch bis zur Antenne bin, habe ich immer den Wartungsaufzug genommen. Weil es dann doch ein paar Minuten schneller geht", scherzt Greg Sang, ohne die Miene zu verziehen. Er fährt sich mit der rechten Hand über den Bürstenhaarschnitt. Nur für die letzten Etagen muss er bei diesen Ausflügen Stufen steigen. Denn die obersten acht Stockwerke sind zu schmal für Fahrstühle, zu eng sogar für ein wirkliches Treppenhaus.

Da oben ist es eher wie in einem Leuchtturm, und nur eine schmale Stiege führt in die Spitze unterhalb der Antenne - absolut tabu für Außenstehende, sogar für die Besitzer der millionenteuren Eigentumswohnungen in den Stockwerken darunter: Jede dieser Etagen so weit oben im Weltrekord-Wolkenkratzer hat nur 1,20 Meter Durchmesser. Dort hängen Schaltkästen, dort ist die Wartungselektronik der Antenne befestigt. Der Sicherheitsdienst hat einen Schlüssel, der Wartungstechniker - und Greg Sang. Der Mann aus Neuseeland ist oberster Bauleiter des Turms und ist sinnbildlich mit und an ihm gewachsen.

Er war dabei, als 2004 mit den Ausbaggerungsarbeiten für die 200 Betonsäulen von jeweils anderthalb Meter Durchmesser begonnen wurde, die 50 Meter tief in den Wüstenboden reichen und den Turm tragen. Er war dabei, als die Tiefgarage mit 3000 Parkplätzen entstand, der Bau bald darauf Straßenniveau erreichte und um zeitweilig mehr als ein Stockwerk pro Woche dem Himmel entgegenwuchs. Er war dabei, als der Riese das Empire State Building in New York einholte, den bisherigen Hochhaus-Rekordhalter Taipeh 101, dann den CN Tower in Toronto - und plötzlich hatte Sang so etwas wie den höchsten Job der Welt.

Keine Zeit für Bürodeko

Jetzt sitzt er mit dem Rücken zum Fenster in seinem schmucklosen Büro in einem ebenfalls neuen Nebengebäude, das er sich mit einem Kollegen teilt. Die Wände weiß und kahl, das Mobiliar nicht mehr als zweckmäßig und ganz sicher nicht aus dem Designerladen. Wer das Zimmer betritt, sieht auf den ersten Blick: Hier wird gearbeitet, nicht repräsentiert. Hier schuftet jemand, der vollständig uneitel ist und nicht mal Zeit dafür hat, ein Familienfoto an die Wand neben dem übervollen Schreibtisch zu kleben.

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Burj Dubai: Ein Gigant als Touristenmagnet
Greg Sang steht seit bald sechs Jahren unter Volldampf. Er blättert in teilweise kolorierten tischplattengroßen Bauzeichnungen, zieht den Taschenrechner hervor, telefoniert gleichzeitig, hangelt nach Unterlagen vom ebenfalls überquellenden Nebentisch. Die Dinge müssen zack-zack gehen, ein paar Entscheidungen pro Minute gefällt werden - immer die Deadlines für die Übergabe der einzelnen Etagen an die künftigen Eigner im Nacken, nun vor allem den Eröffnungstermin des Armani-Hotels in den unteren Etagen des Burj Chalifa am 18. März.

Sang legt den Hörer auf, greift einen Stapel Papiere, zupft schnell den dunklen Schlips zurecht, eilt über den Flur in den ebenso schmucklosen Konferenzraum schräg gegenüber mit den zwei Dutzend Lederstühlen rund um den riesigen Tisch, scherzt kurz mit seinen Mitarbeitern, klopft einem kameradschaftlich auf die rechte Schulter. An der Wand hängen Bauzeichnungen - und die in Gold gefassten Porträts von Dubais Herrscher Scheich Mohammed und dessen Vorgänger.

Sang nimmt an der Stirnseite Platz: kurzer Austausch, dann wieder ein paar Entscheidungen. "War Room" nennt er diesen Saal - und füllt den Begriff neu: "War ist hier eine Abkürzung. Sie steht für Work, Action, Resolution."

Chef mit silbernem Helm

Weiter geht es. Den silberfarbenen Helm aufsetzen und über die nackten Betonstufen des Treppenhauses ins Erdgeschoss eilen, dann 20 Schritte über den Hof hinüber auf die Baustelle, hinein in den Tower, diesmal in den 135. Stock, ein paar Kleinigkeiten inspizieren, mit einem Bauingenieur abstimmen, schnell ein Gruß hinüber zu den Arbeitern.

Jetzt handelt es sich nur noch um Details am Bau. Die großen Probleme haben sie längst hinter sich gelassen. Damals mussten sie Lösungen austüfteln, wie man Beton 585 Meter senkrecht in die Höhe pumpt, ohne dass er auf seinem 30 bis 40 Minuten langen Weg nach oben bereits erstarrt. Mit ein paar Chemikalien, besonders viel Druck und nach etlichen Versuchen haben sie es hinbekommen. Erfahrungswerte gab es dafür keine. Denn nie zuvor gab es das Erfordernis, Beton so hoch pumpen zu müssen. Und trotzdem mussten sie sich für die Stockwerke darüber wieder etwas Neues ausdenken. So ging es Tag für Tag. Learning by doing. Aus dem Stand heraus Ideen entwickeln. All das tun, was zuvor in der Theorie nicht möglich war.

Ob Sang selber denn jeden Morgen so etwas wie "Wow" sagt, wenn er mit dem Auto in die Tiefgarage des Burj Chalifa fährt? "Es ist meistens nicht das Erste, was ich sage." Er lacht. "Aber es stimmt schon: Ich bin stolz, bei so einer Sache mitzumachen!"

Diesen Morgen ist er der Einzige weit und breit, der einen Schlips trägt. Und einer von sehr wenigen mit silbernem Helm. Es ist so etwas wie eine Uniform, macht den 11.000 Arbeitern vor allem aus Indien und Pakistan klar, dass unter so einer Kopfbedeckung ein Chef stecken muss. Gleichzeitig ist es Sang ganz offensichtlich unwichtig. Er ist nicht Chef, um ehrfürchtig behandelt zu werden, sondern um eine große Sache gut zu Ende zu bringen: einer, der am Tor zur Manege die Artisten koordiniert, ihnen Anweisungen für ihre Nummern mitgibt, sie hinausschickt zu den Zuschauern und während sie dort tun, was er sagt, mit der nächsten Gruppe deren Auftritt bespricht. Selber steigt er nicht in die Manege. Und Zirkusdirektor ist ein anderer. Der wird den Applaus bekommen, er ein gutes Gehalt, für das er einen guten Job macht.

"Es geht höher und höher"

"Ich konnte nicht ahnen, dass ich eines Tages der Wolkenkratzermann, der Super Highrise Guy bin", erzählt der Neuseeländer. "Aber nun geht es höher und höher." Bald nach dem Bauingenieur-Studium geriet er in den globalen Wanderzirkus der Wolkenkratzer-Spezialisten, hat ein paar Türme in Hongkong hochgezogen, seine Sache gut gemacht, immer mehr Verantwortung bekommen, wurde dort vor sechs Jahren vom Bau eines Achtundachtzigstöckers weg nach Dubai engagiert. Genau sein Know-how war nun am Golf gefragt.

Hier heuerte er beim Immobilienentwickler Emaar an und geriet an die Schaltstelle des Mega-Towers. Seitdem ist er im Dauerstress, hat sechs 15-Stunden-Arbeitstage pro Woche und kann froh sein, wenn am siebten Tag das Dienst-Handy nur einmal pro Stunde klingelt. Sein Lieblingsplatz? "Zuhause ist es das Sofa im Wohnzimmer. Hier auf der Baustelle ändert er sich täglich." Er wohnt mit Bodenhaftung: in einem Einfamilienhaus. Im Erdgeschoss. "Ich brauche das, um die Sinne klar zu halten, fühle mich auf ebener Erde am wohlsten."

Wie es weitergeht? Was als Nächstes kommt, wenn dieser Turm irgendwann im Laufe des Jahres abgeschlossen sein wird? Er zuckt mit den Schultern, lacht. "Keine Ahnung", sagt er. "Erst diesen Tower fertig stellen, dann über nächste Projekte nachdenken." Wahrscheinlich wird er wieder einen Turm bauen. Und vorher ein paar Tage Urlaub machen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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1. 15
specchio 07.01.2010
Als ich in dem Alter war, darüber nachzudenken, Bauingenieur zu werden oder eben nicht, hieß es, man hätte ausgerechnet, dass Häuser mit mehr als 15 Stockwerken unwirtschaftlich seien und künftig nicht mehr gebaut werden würden. Und weil ich damals noch nicht wusste, dass wir alle zwar vernünftig im Kopf sind, aber mit anderen Körperteilen denken, habe ich das geglaubt.
2. Schreibweise?
realredfox 07.01.2010
Warum wird konsequent diese Schreibweise gewählt: Burj-Chalifa wenn auf dem Foto z.B. steht http://www.spiegel.de/images/image-46913-galleryV9-shzd.jpg Burj Khalifa Vor ein paar Tagen hieß das Ding ja noch Burdj-Dubai auf SPON mit einem extra d...
3. Skyline
Pink 07.01.2010
Zitat von sysopIn die Spitze des höchsten Turms der Welt dürfen nur wenige Menschen. Greg Sang darf. Der Neuseeländer ist Bauleiter des Burj Chalifa in Dubai und Spezialist für Wolkenkratzer. Dabei fühlt er sich eigentlich auf dem Sofa am wohlsten - im Erdgeschoss seines Hauses. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,670466,00.html
Ich bin froh, in einer Großstadt (Hamburg) zu leben, die durchaus imstande wäre, solche Häuser zu bauen, aber bewusst darauf verzichtet, um ihre Skyline nicht zu verhunzen.
4. laaangweilig
jaein 07.01.2010
soll das jetzt endlich mal ne positive meldung aus der arabischen welt sein die mal ohne bombenterror und islamismus daherkommt!? was soll dieser hype?
5. Der Wolkenkratzermann
flus 07.01.2010
Ich lebe seit vielen Jahren in der arabischen Welt hier in Dubai und kann dieses Gemeckere, diesen Neid , diese Hochnaesigkeit vor allen der Deutschen , nicht mehr hoeren und sehen ...... wieviel Schulden hat den Deutschland .... unsere negativ Schlagzeilen aus dem Gerichtssaal sind noch allen in Erinnerung ...... der HSV nimmt schon die Millionen der Emirates als Sponsor ..... Volkswagen die Milliarden aus Doha und Mercedes aus Kuwait und was weiss ich noch wer
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