Burma im Wandel: Vom Militärboss zum Kunstsammler

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Rangun: Eine Stadt ändert ihr Gesicht Fotos
REUTERS

Burma verändert sich: Die Pressefreiheit ist weniger eingeschränkt, politische Gefangene kommen frei - und der jahrelange Chef des Militärischen Geheimdienstes eröffnet eine Kunstgalerie. Doch wird die neue Harmonie von Dauer sein?

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Für die Malerin Lun Mya Mya ist die Ausstellung ein großer Erfolg: "Von 93 Bildern haben wir 15 verkauft", sagt sie. Zehn Künstlerinnen haben hier in den vergangenen Tagen gemeinsam ihre Werke präsentiert: Landschaften, Abstraktes, Porträts in Öl und Wasserfarben. Künstleralltag in Burmas ehemaliger Hauptstadt Rangun.

Nicht ganz. Denn die "Nawaday-Galerie", in der die "erste Gruppe der Myanmar Lady-Künstlerinnen", so der Prospekt, ausstellte, ist etwas Besonderes. Sie liegt in einem Viertel voller protziger Villen und breiter Auffahrten, die so manche Neureiche in aller Welt vor Neid erblassen lassen würden. Vor einigen der Residenzen stehen Wachhäuschen, darin kauern junge Männer mit kurzem Haarschnitt und den landestypischen Longyi-Wickelröcken. Straßensperren stehen bereit, um die Zufahrt zu blockieren.

Hier, im Bezirk Mayangone, leben einige von Burmas Generälen - jene Männer also, die jahrelang ihr Volk knechteten, das Land ausbluteten und dabei beträchtliche Vermögen anhäuften. Einer von ihnen ist General Khin Nyunt, 74, jahrelang Boss des Militärischen Geheimdienstes, Ex-Premierminister und Unterhändler bei den Friedensgesprächen mit ethnischen Rebellen.

Khin Nyunt hat kürzlich eine neue Etappe seiner Karriere eingeschlagen: Er macht jetzt in Kunst. Auf dem Gelände seiner Villa hat er die "Nawaday"-Galerie eröffnet, daneben ein Café und zwei kleine Geschäfte für Andenken und Kunstgewerbe. Nun ist das Anwesen für Besucher geöffnet, seine riesige Villa dürfen die zumindest von außen bewundern.

Mehr Freiheit fürs Volk

Burma, so wie das Land hieß, bevor die Junta es in "Myanmar" unbenannte, durchlebt derzeit eine asiatische Perestroika, eine Öffnungsperiode, von der niemand weiß, ob sie lange bestehen wird.

Nur so viel steht fest: Die Generäle haben sich vorerst zurückgezogen und einem der ihren die Geschäfte überlassen: Seither wendet der ins zivile Leben zurückgekehrte Präsident Thein Sein, 68, das Land. Er entließ die Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi aus dem Hausarrest, öffnete für Hunderte von politischen Gefangenen die Tore des berüchtigten Insein-Gefängnisses in Rangun.

Die Ranguner dürfen nun demonstrieren, ohne fürchten zu müssen, in einen Kugelhagel zu geraten, die Journalisten schreiben und publizieren, ohne zu riskieren, auf Jahrzehnte hinter Gittern zu verschwinden.

"Die Generäle sind über Hunderte von Schatten gesprungen", sagt ein europäischer Diplomat in Rangun - und niemand weiß bislang so recht, warum. Fürchteten sie einen weiteren Volksaufstand nach dem Vorbild der arabischen Jasmin-Revolutionen, an dessen Ende sie selbst im Gefängnis oder gar an einem Laternenpfahl landen würden? Sahen sie endlich ein, dass sie das Land mit ihrer Abschottung nach außen wirtschaftlich gegen die Wand gefahren hatten? Glaubten sie, sich nicht mehr aus dem Griff der nicht sonderlich beliebten, aber wohlhabenden chinesischen Nachbarn und Finanziers winden zu können?

Blechlawine in der einstigen Hauptstadt

Die Militärs entschieden sich für eine Revolution von oben wohl auch, um sich und ihren Familien weiterhin Pfründe und Posten zu sichern. Rangun, die in den langen Jahren der Diktatur verwitternde Metropole mit ihren zerbrochenen Bürgersteigen und den schwarz-schimmligen Hauswänden, wandelt sich.

Weit über 100.000 Autos ließen die Behörden, die einst den Import von nur wenigen Fahrzeugen jährlich erlaubten, 2012 zu. Die Wagen stauen sich allenthalben, etwa in der Universitätsstraße, die lange Zeit gesperrt war, weil hier Aung San Suu Kyi in ihrer Villa gefangen gehalten wurde. Das rostige Gittertor ist mittlerweile durch ein neues ersetzt worden, am Eingang wehen die rot-gelben Fahnen ihrer Partei. In der Nähe haben sich die amerikanische und die südkoreanische Botschaft angesiedelt.

An vielen Ecken der Stadt errichten Arbeiter Neubauten, daneben verfallen Villen aus der britischen Kolonialzeit, verlassene Regierungsgebäude und Investitionsruinen. Seit ausländische Unternehmen und Nicht-Regierungsorganisationen wieder ins Land dürfen, explodieren die Mietpreise. "Ich habe gerade eine 750-prozentige Mieterhöhung auf 500 Prozent heruntergehandelt", sagt der Kanzler einer europäischen Botschaft. "Ich glaube, hier ist es schon so teuer wie in Süd-Manhattan."

Bettelmönche und Betelnüsse

Hoffnung auf Geldsegen bringt auch der rasant wachsende Tourismus. Für Investoren ist Rangun trotzdem nach wie vor ein schwieriges Pflaster. Die Justiz gilt als hochkorrupt, die Investitionsgesetze sind noch nicht angepasst, Internetverbindungen brechen häufig zusammen. Und auch politisch steht längst nicht alles zum Besten: Das Militär hat sich 25 Prozent der Sitze im Parlament gesichert. Ohne die Uniformierten läuft nichts, sie können jederzeit die Uhr wieder zurückdrehen.

Noch bewahrt Rangun seinen Charme. Bettelmönche in Safranroben und Nonnen in rosa Gewändern ziehen durch die Straßen, an den Ecken wickeln Verkäufer Betelnüsse in grüne Blätter. Auf dem Scotts-Market sind T-Shirts und Schlüsselanhänger mit dem Bild von Aung San Suu Kyi zu kaufen.

Und da ist Khin Nyunt in der Nawaday-Straße, der einstige Diktator. Er galt als gemäßigter Pragmatiker, der einen Machtkampf mit den Hardlinern verlor. Deshalb erlitt er 2005 das gleiche Schicksal wie seine große Konkurrentin Aung San Suu Kyi: Seine Kollegen sperrten ihn und seine zwei Söhne ein. Der Vorwurf: Korruption. Seit 2012 ist er wieder frei und gibt sich als Schöngeist.

Während draußen der Monsunregen prasselt, können Besucher seiner Galerie in dem kleinen Café "delikaten italienischen" Kaffee trinken und ein Stück Apfelkuchen verspeisen. Der Hausherr ist allerdings nicht zu sehen, nur ein Geländewagen und eine schwarze Limousine stehen vor der Tür.

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