Per Zug durch Burmas Süden Neun Stunden Entschleunigung

Nur die Ruhe: 160 Kilometer per Zug sind in Burma schon eine Tagesreise. Doch die träge Fahrt lässt viel Zeit für Gespräche, fürs Beobachten und Sinnieren. Ratta-tang-ratta-tang.

Omar Sayami

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Am Morgen ist es kühl auf dem Bahnsteig in Mawlamyaing. Wilde Hunde dösen eng eingekringelt auf dem Gleisbett. Reisende schlafen auf den Holzbänken unter bunten Decken und auf dem grauen Betonboden in der Bahnhofsvorhalle. Ein leichter Wind mischt den Geruch vom Teer der Bahnschwellen mit den Dämpfen einer Garküche.

Der Zeiger der Bahnhofsuhr springt auf vier Uhr. Noch zwei Stunden, bis der Zug aus Rangun in Mawlamyaing ankommen soll.

Mawlamyaing ist Burmas drittgrößte Stadt, etwa 300 Kilometer südöstlich von Rangun. Am Tag zuvor habe ich beschlossen, noch weiter in den südlichen Zipfel des Landes zu reisen. Die erste Strecke bis nach Ye will ich per Zug fahren. Die kleine Stadt liegt auf halbem Weg bis zur Endstation Dawei an der Mündung des gleichnamigen Flusses und Hauptstadt der Tanintharyi-Region.

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Per Zug durch Burmas Süden: Im Rhythmus der Schienen

Für die gesamte Strecke von Rangun bis nach Dawei - also für 600 Kilometer - benötigt der Zug ungefähr 24 Stunden. In der westlichen Welt ist das fast unvorstellbar, aber für Burmesen Alltag: Selbst Geschäftsleute, die nicht das Geld für ein Flugticket haben, bewegen sich mit der Bahn durchs Land. Neben Bussen und Sammeltaxis ist es das günstigste Verkehrsmittel.

Mobile Garküchen am Bahnsteig

Tickets sind nur am Tag der Abfahrt am Schalter erhältlich - daher musste ich zeitig im Bahnhof sein. Zeitig heißt: drei Stunden vor Abfahrt, also in meinem Fall um drei Uhr morgens. Für 2600 Kyat (1,70 Euro) löse ich eine Erste-Klasse-Fahrkarte für die 160-Kilometer-Strecke. In der Ersten Klasse, weil ich sonst in der Holzklasse tatsächlich auf Holzbänken sitzen müsste, und das neun Stunden lang. Für einen Burmesen ist das viel Geld: Selbst ein Lehrer verdient monatlich durchschnittlich ungefähr nur 80 Euro.

Omar Sayami

Eine Stunde vor dem Eintreffen des Zuges wird es trubeliger auf dem Bahnsteig. Verkäuferinnen mit kleinen mobilen Garküchen, Obst- und Getränkehändlerinnen mit Waren auf dem Kopf treffen ein.

Mit viel Geschick jonglieren sie kleine farbige Plastikstühlchen, Geschirr, Gaskocher und Lebensmittel durch die Menge. Sobald ein Kunde etwas bestellt, ist die Sitzgelegenheit platziert und die Frauen brutzeln für wenige Kyat kleine Snacks. Fahrgäste waschen sich ihr Gesicht an einem Wasserhahn auf dem Bahnsteig, rollen die bunten Decken zusammen: Zeit für ein erstes Frühstück.

Gegen 6 Uhr kündigt sich die betagte Diesellokomotive mit lautem Pfeifen an, pünktlich fährt sie schaukelnd und quietschend im Bahnhof ein und kommt mit kreischenden Bremsen zum Stehen. Aus den schwarz-blau-gelben Waggons recken sich verschlafene Gesichter der Passagiere.

Meinen Sitzplatz finde ich dank der Nummerierung schnell. Auf den gepolsterten Sitzen und am Kopfteil gibt es sogar weiße Schutzhüllen. Am offenen Fenster, das sich sowieso nicht schließen lässt, beobachte ich fast eine Stunde das Treiben am Bahnsteig und im Abteil.

Omar Sayami

Als sich der Zug gegen 7 Uhr in Mawlamyaing in Bewegung setzt, ist es immer noch dunkel. Schwankend wie auf einem Schiff bei schwerem Seegang verlassen wir den Bahnhof. Die letzten wenigen Lichter der Stadt verschwinden im aufsteigenden Nebel über den Reisfeldern.

Schnell haben wir unsere Höchstgeschwindigkeit erreicht, gefühlte Schrittgeschwindigkeit - mehr lässt das marode Gleisnetz nicht zu. Zeitweise hüpfen die Waggons so bedenklich, dass sie gleich aus den Schienen zu springen scheinen. Gleise und Züge in dem Land stammen zum größten Teil noch aus der britischen Kolonialzeit, erst vor wenigen Jahren begann der Ausbau - zum Beispiel die Erweiterung der Strecke über Ye hinaus gen Süden.

So kriecht der Zug allmählich dem Sonnenaufgang entgegen. Bambushüttendörfer und Lehmziegelbrennereien liegen neben dem Gleisbett, der Rauch von Feuerstellen zieht in die Abteile. Aus kleinen Klöstern schwärmen Mönche zum täglichen Almosensammeln aus, Frauen mit Speisen erwarten sie bereits an den staubigen Wegen.

Ratta-tang-ratta-tang und Radquietschen

Händlerinnen mit der hellgelben Thanaka-Paste als Sonnenschutz im Gesicht balancieren durch die schaukelnden Waggons, mit heißen oder kalten Getränken, Instantkaffee oder Teebeuteltee, Limonaden oder Säften. Andere haben warme Reiscurrys und Teigtaschen mit Dips in Plastiktüten dabei. In den Bahnhöfen verkaufen sie ihre Waren durch die Fenster, laufen durch den Zug, einige fahren sogar bis zum nächsten Bahnhof mit.

Bei einem der Stopps in der Kleinstadt Thanbyuzayat steigt eine ältere Frau mit Blume im Haar ein und bugsiert in Seelenruhe mindestens sechs Körbe mit Eiern vom Bahnsteig in den Gang. Ich helfe ihr. In gebrochenem Englisch erklärt die Bäuerin, dass sie auf den Markt in einen der nächsten Orte muss. Als der Zug losfährt, lässt sie sich in einen der Erste-Klasse-Sessel plumpsen. Nur wenn der Schaffner auftaucht, schlendert sie lächelnd für kurze Zeit zu ihren Eiern.

Omar Sayami

Inzwischen hat die Mittagshitze die Kühle vertrieben, der Fahrtwind macht das Klima in den Waggons erträglich. Hin und wieder fliegen Insekten oder Blätter von der dicht bewachsenen Trasse in die Waggons hinein. Am metallischen Quietschen eines Waggonrades entwickele ich über die Stunden ein Gefühl für die gefahrene Geschwindigkeit: Beim Überqueren von Brücken ist es lang gezogen, auf freier Strecke kurz, schnell und mischt sich mit dem gewohnten Ratta-tang-ratta-tang.

Auch wenn ab und an Gepäckstücke aus den oberen Ablagen katapultiert werden, habe ich mich inzwischen an das Geschaukel gewöhnt - allerdings bleibt der Gang zur Toilette ein Abenteuer. Sobald die Tür geschlossen ist, stehe ich im Dunkel der überfluteten Kabine. Kein Griff verhindert, dass ich gegen die Metallwände geworfen werde. Vielleicht doch lieber auf den nächsten Stopp warten?

Karte: Bahnstrecke von Mawlamyaing bis Ye im Süden von Burma

Trotz Rauchverbots stehen immer wieder Fahrgäste an offenen Waggontüren, paffen ihre Zigaretten und winken Kindern in den Dörfern zu. In der Holzklasse sitzen die Reisenden dicht gedrängt auf den Bänken, unterhalten sich, schlafen, essen oder spielen. Goldene Pagoden, grüner Dschungel, monotone Kautschukplantagen, glitzernde Reisfelder, verlassene Bahnhöfe - all das zieht im Schneckentempo vorbei. Musikfetzen und Gerüche wehen von Dorffesten herüber.

Gegen vier Uhr nachmittags, nach neunstündiger Fahrt schiebt sich der Zug in den Bahnhof von Ye. Ich hatte viel Zeit für die kleinen Dinge und lustige Gespräche, für das Sinnieren über die vorbeiziehenden Landschaften, Bahnhöfe, Dörfer und Menschen. Es waren neun Stunden der Entschleunigung, Achtsamkeit und der Entspannung.

Vor dem wuseligen, kleinen Bahnhof mache ich mich auf die Suche nach einem Taxi. Ich habe viel Zeit.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
stgtbl 15.06.2017
1. Unvergessliche Bahnfahrten
Nachdem ich mich letzten November auch einen Monat in Myanmar aufhalten durfte, kann ich nur bestätigen was der Autor über das Bahnfahren dort erzählt und kann nur jedem empfehlen, falls er/sie dort ist zumindest eine Fahrt mit der Bahn zurück zu legen. Was allerdings eher negativ hervorsticht ist, dass in dem Artikel einige (wie auch in anderen Artikeln), teilweise schon mehr als 50 veraltete Namen benutzt werden. Erstens wird das Land inzwischen Myanmar genannt, was vor allem daran liegt, dass es ein Vielvölkerstaat ist und das Volk der Burmesen nur eins davon ist. Selbiges gilt für die Stadt Yangon, die inzwischen aber nicht mehr Hauptstadt ist sondern von Naypyidaw abgelöst wurde.
spon-facebook-10000427818 15.06.2017
2. Bald nur noch Geschichte
Die Bahn soll modernisiert werden, ist bereits angekündigt. Überhaupt, Investoren stehen bereits in den Startlöchern, das goldene Mynamar verspricht eine Goldgrube zu werden. Nostalgische Bahnfahrten lassen sich bereits mit wenig Aufwand in Yangon machen. Für Touristen empfiehlt sich die legendäre Ringfahrt. 3 Stunden, spottbillig und ganz dicht dran an der Bevölkerung. Ein herrliches Vergnügen, wir haben es vor wenigen Wochen genießen dürfen:https://wegsite.net/unser-weg/suedost-asien/myanmar/yangon/
brooklyner 15.06.2017
3.
Zitat von stgtblNachdem ich mich letzten November auch einen Monat in Myanmar aufhalten durfte, kann ich nur bestätigen was der Autor über das Bahnfahren dort erzählt und kann nur jedem empfehlen, falls er/sie dort ist zumindest eine Fahrt mit der Bahn zurück zu legen. Was allerdings eher negativ hervorsticht ist, dass in dem Artikel einige (wie auch in anderen Artikeln), teilweise schon mehr als 50 veraltete Namen benutzt werden. Erstens wird das Land inzwischen Myanmar genannt, was vor allem daran liegt, dass es ein Vielvölkerstaat ist und das Volk der Burmesen nur eins davon ist. Selbiges gilt für die Stadt Yangon, die inzwischen aber nicht mehr Hauptstadt ist sondern von Naypyidaw abgelöst wurde.
Ach, man muss das nicht so eng sehen. Viele Leute dort reiben sich weder an Rangoon noch an Burma. Genau wie in Vietnam, wo man ohne weiteres Saigon sagen darf.
butzibart13 15.06.2017
4. abenteuerlich
Ich bin mal vor 2 Jahren von Mandalay in einer Gruppe Richtung Hochland gefahren. Es war ein Hin-und-Her-Gewackele auf den Schienen, aber mit tollen Ausblicken. Ein Unterschied zwischen der 1. und 2. Klasse war laut Reiseleitung, dass die 1. Klasse ohne Wanzen an Bord fährt dank tüchtiger Desinfizierung, die 2. jedoch mit den lieben Tierchen.
nuklearfisch 15.06.2017
5. Auch in Indien
...lässt es sich toll mit der Bahn reisen. Zwar müssen die Tickets Wochen vorher gebucht werden, um so entspannter ist dann aber letztenendes die Zugfahrt. Meine letzte ging von Mumbai nach Kerala, ca. 32 Stunden im Sleeper-abteil, "Holzklasse". Nie vergessen werde ich die Affen in den verlassenen Bahnhöfen in Goa, die sich vom langsam vorbeituckernden Zug frische Bananen erhofften. Etwas stressiger war die 18-stündige Zugfahrt von Kolkata in die Nähe von Darjeeling, entlang der Grenze zu Bangladesh. Der Zug war nämlich überbucht und ich musste mir mein Bett mit einem Fremden teilen. Gehört eben dazu...
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