Ex-WM-Quartier Campo Bahia So schön, so leer

In der Luxusherberge Campo Bahia konzentrierte sich die deutsche Fußballnationalelf auf ihren WM-Sieg 2014. Doch was ist aus dem abgeschiedenen Idyll in der brasilianischen Provinz geworden? Ein Ortsbesuch.

DPA

Viviana Romero Dinnet bekommt leuchtende Augen, wenn sie an den Wahnsinnssommer vor drei Jahren denkt: Thomas Müller - "maravilhoso", "wunderbar", sagt sie. Und wie hieß noch der mit den blauen Augen, der Lustige? Lukas Podolski - "Que lindo!", "Was ein schöner Kerl!". Und Joachim Löw. "Ein echter Gentleman."

Vor drei Jahren kommandierte Dinnet die Putztruppe in Campo Bahia, dem luxuriösen und abgeschiedenen Quartier der deutschen Fußballnationalelf. Nie wieder hat die Brasilianerin, die heute in einem kleinen Laden in Hotelnähe Kunstartikel verkauft, so viel verdient wie im WM-Sommer 2014. "Dummerweise habe ich alles verjubelt", sagt Dinnet.

Aber sie scheint nicht wütend über sich selbst, schließlich habe sie hier etwas, was wichtiger sei als Geld. "Wir leben im Paradies, sagt Dinnet und blickt auf den leuchtenden Atlantik.

Luxus im brasilianischen Busch

Das Fischerdorf Santo André liegt traumhaft ruhig und abgeschieden. Das Quartier Campo Bahia für die Deutschen wurde hier damals binnen weniger Monate mitten in den brasilianischen Busch gebaut. Und ist heute eine Hotelanlage. "Catch your dream", "Fange deinen Traum" - steht als Slogan am Eingang. Ein Blick durch einen riesigen Traumfänger, gefertigt von den Pataxó-Indianern, gibt die Sicht frei auf die Bungalows. Es ist eine liebevoll gepflegte Anlage mit Pool, Palmen und Privatstrand. Sie gehört zu den "Small Luxury Hotels of the World", einem Zusammenschluss von Boutique-Hotels.

70 Mitarbeiter sind für 120 Gäste da. Doch an diesem sonnigen Tag haben nur acht Touristen eingecheckt. Im Schnitt liegt die Gästeauslastung nur bei 40 Prozent. Um in die Gewinnzone zu kommen, brauche man etwa 70 Prozent, heißt es vor Ort - von offizieller Seite werden solche Zahlen in Abrede gestellt. Eigentümer des Campo Bahia ist der Münchner Modeunternehmer Christian Hirmer, der einen zweistelligen Millionenbetrag investiert hat. Bis heute machen Provisionsstreitigkeiten Ärger mit dem damaligen Statthalter.

Die Hoffnung liegt auf argentinischen Touristen

Das Problem von Campo Bahia: Die Anlage ist schwer erreichbar. Von Rio de Janeiro aus gibt es kaum Direktflüge in das 1200 Kilometer weiter nördlich gelegene Porto Seguro in der Nähe von Santo André. Dazu kommt eine tiefe Rezession in Brasilien - 60 Prozent der Hotelgäste stammen aus dem Inland - und die Angst vor dem Zika-Virus. In Campo Bahia setzte das Management verstärkt auf Firmenevents und Hochzeiten. Und die neueste Hoffnung liegt auf Touristen aus Argentinien: "Es gibt jetzt zwei Direktflüge pro Woche von Buenos Aires nach Porto Seguro", sagt Iracema Keseberg, Marketingchefin des Resorts. Zudem noch Flüge ab Córdoba.

Allerdings: So schön es in Campo Bahia auch ist - Argentinier werden hier auf Schritt und Tritt an ihre dramatische Niederlage im WM-Finale gegen die Deutschen erinnert. An jedem Zimmer, in dem die Deutschen 2014 nächtigten, hängt eine etwas eigenwillige Karikatur, gefertigt von dem Zeichner Cássio Loredano. Götze hat dicke Pausbacken, Thomas Müller grinst breit, Trainer Joachim Löw hat ein Glupschauge. In der Bar und im Restaurant hängen riesige Lampen mit deutschen WM-Szenen und Helden wie Franz Beckenbauer oder Gerd Müller.

Roger Kalab, ein Onkel Hirmers, lebt hier dauerhaft. Er ist der General-Manager des Resorts und betont, dass auch in den Modehäusern verstärkt auf Urlaub im Campo Bahia aufmerksam gemacht werden soll. Und das Campo werde zunehmend zum Anlaufpunkt von Film- und Musikstars. In den südamerikanischen Sommermonaten sei man meist komplett ausgebucht. "Es geht bergauf, aber man braucht Geduld."

Und wie sieht es sonst in Santo André aus? Es gibt Klagen, dass die Versprechen von sozialem Engagement kaum erfüllt worden seien. Und es gibt viele Schilder mit dem Schriftzug "Vende-se"- "Zu verkaufen". Auf dem einzigen Bolzplatz kicken Schulkinder. Der weiße Strand ist menschenleer.

Georg Ismar, dpa

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insgesamt 4 Beiträge
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albertaugustin 26.05.2017
1. Fussball- und Olympia-
Begeisterung hinterlassen für gewöhnlich bauliche und manchmal auch menschliche Ruinen. Schade für die Einheimischen die sich viel Mühe geben und sich etwas für die Zukunft versprechen. Geld und Skandale sind bei beiden Sportereignissen heute die Mess-Grösse !
Greggi 26.05.2017
2. Das geht ja noch ...
Wenn ich mir so die Olympischen Sportstätten in Brasilien ansehe, da kommen einem die Tränen. Da ist das vorgestellte Resort ja das Paradies schlechthin. Kommt halt auch immer aufs private Management an.
solltemanwissen 28.05.2017
3.
Hach ja, die, die damals auf solche Missstände hinwiesen waren natürlich böse Gutmenschen, unfaire Medien oder natülich nur FIFA Basher (dann in 2 Jahren natürlich vom Westen gesteuerte kalte Krieger, die Russland fertig machen wollen). Und jetzt tritt natürlich genau das ein, was damals prognostiziert wurde. Aber egal, wir hatten nen geilen Sommer! So wie 2006 auch, bitte da nich zu viel Wasser in den Wein gießen. Irgendwie waren diese Ereignisse mal schön. Heute sind die Begleiterscheinungen nur noch zum Kot...
realist4 29.05.2017
4. Wie man sich bettet so liegt man
Zitat von solltemanwissenHach ja, die, die damals auf solche Missstände hinwiesen waren natürlich böse Gutmenschen, unfaire Medien oder natülich nur FIFA Basher (dann in 2 Jahren natürlich vom Westen gesteuerte kalte Krieger, die Russland fertig machen wollen). Und jetzt tritt natürlich genau das ein, was damals prognostiziert wurde. Aber egal, wir hatten nen geilen Sommer! So wie 2006 auch, bitte da nich zu viel Wasser in den Wein gießen. Irgendwie waren diese Ereignisse mal schön. Heute sind die Begleiterscheinungen nur noch zum Kot...
Alte Regel und immer noch wahr. Warum auf die Fifa und das Olympische Kommitee schimpfen, die machen doch nur was wir alle tun, so viel Geld wie möglich verdienen. Niemand hat die Brasilianer gezwungen die WM und zwei Jahre darauf auch noch die Olympischen Spiele auszutragen. Das wahre Problem ist doch die extreme Korruption in Brasilien, wo sie darauf bestanden noch mehr Stadien zu bauen als die Fifa verlangt hat, sogar in den entlegensten Ecken des Landes. Und Stadien, wie z. B. in Sao Paulo, für 40.000 Zuschauer, teilüberdacht, welche dann 100 Millionen mehr gekostet haben als die Münchner Allianz Arena. Mit den Olympia Sportstätten ging es ähnlich, wichtig war nur so viel Geld wie möglich abzuzweigen.
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